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Zahlreiche Antiepileptika für eine individuelle Therapie

Datum 07.10.2002  00:00 Uhr
Pharmacon Mallorca

Zahlreiche Antiepileptika für eine individuelle Therapie

Dank des relativ großen Arsenals an wirksamen Pharmaka kann die Epilepsie heute relativ gut behandelt werden. Die neuen Medikamente haben häufig eine größere therapeutische Breite. Antikonvulsive und antiepileptische Wirkqualitäten ermöglichen eine individuelle Therapie.

Noch immer müssen Epileptiker in der Bevölkerung gegen viele Vorurteile ankämpfen. Erst kürzlich stuften 20 Prozent der Befragten in einer Umfrage die Epilepsie als Geisteskrankheit ein, berichtete Professor Dr. Gerd Dannhardt vom Institut für Pharmazie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Mit dieser Stigmatisierung müsse aufgeräumt werden.

Die Ursachen und die Pathologie der Epilepsie sind heute relativ gut untersucht. Nur bei einem sehr kleinen Teil der Betroffenen ist die Erkrankung Folge einer erblichen Veranlagung. Meist führen Schädigungen im ZNS, zum Beispiel infolge von Tumoren, Vergiftungen oder Verletzungen, zur Erniedrigung der Krampfschwelle. Ursache ist ein instabiles Membranpotenzial an den Neuronen sowie ein Ungleichgewicht zwischen den inhibitorischen beziehungsweise exzitatorischen Neurotransmittern g-Aminobuttersäure (GABA) und Glutamat.

Dank der guten medikamentösen Therapie können heute bis zu 70 Prozent aller Epileptiker anfallsfrei leben. Die meisten Arzneistoffe greifen in das Wechselspiel zwischen GABA und Glutamat ein oder stabilisieren das Membranpotenzial, indem sie spannungsabhängige Natrium- und Calciumkanäle blockieren.

Der klinische Effekt der Arzneistoffe definiert sich über die Summe der einzelnen Wirkqualitäten, erläuterte Dannhardt. Bei der Auswahl des passenden Präparats müssten sowohl die Wirkstärke als auch Wirkspektren berücksichtigt werden. Als Basistherapeutika nannte der Pharmazeut Carbamazepin und Valproinsäure.

Spontanentladung

Spannungsabhängige Natrium- und Calciumkanäle sind für die Spontanentladung von Neuronen verantwortlich. Carbamazepin, Phenytoin und Valproinsäure beziehungsweise Topiramat blockieren diese Natriumkanäle. Carbamazepin hat zusätzlich eine psychogene Wirkung, die bei Epileptikern erwünscht ist, da sie laut Dannhardt dem Betroffenen hilft, sich nach einem Anfall intensiver mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen. Valproinsäure erlebte nach Jahren im Schattendasein inzwischen wieder eine Renaissance. Der hepatotoxische Arzneistoff hatte bei Alkoholabhängigen zu schweren Zwischenfällen geführt.

Ethosuximid und Gabapentin greifen an den Calciumkanälen an. Gabapentin kann auf Grund seiner lipophilen Eigenschaften gut die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Der Arzneistoff ist in Deutschland als Add-on-Therapeutikum bei fokalen und generalisierten Anfällen zugelassen.

Tiagabin entfaltet seine antiepileptische Wirkung, indem es einen Transporter blockiert, der GABA aus dem synaptischen Spalt abtransportiert. Vigabatrin, ein Vinylderivat der GABA, bindet kovalent an die GABA-Transaminase und erhöht so die Konzentration des Neurotransmitters. Beide Präparate sind als Zusatztherapeutikum bei fokalen und generalisierten Anfällen indiziert. Vigabatrin kann auf Grund seiner retinotoxischen Nebenwirkungen zu Gesichtsfeldeinschränkungen führen. Dannhardt empfahl daher, vor und während der Therapie kontinuierlich die Augenfunktion zu überwachen.

Eine ausgeprägte antikonvulsive Wirkung entfaltet Felbamat. Es interagiert mit dem NMDA-Rezeptorkomplex und verstärkt den durch GABA induzierten Chlorideinstrom. Dannhardt stufte den Arzneistoff auf Grund der problematischen Nebenwirkungen als Reserve-Therapeutikum ein. Nachdem in den USA Patienten vermehrt an aplastischen Anämien und Leberversagen erkrankten, beschränkten die deutschen Zulassungsbehörden den Einsatz von Felbamat auf Patienten mit refraktären fokalen Epilepsien sowie Lennox-Gastaut-Syndrom.

Topiramat ähnelt keinem der bisher verfügbaren Antiepileptika. Der Zuckerabkömmling blockiert vermutlich spannungsabhängige Natriumkanäle, verstärkt den Chlorideinstrom und wirkt als Antagonist am NMDA-Rezeptorkomplex. Der Wirkstoff ist in Deutschland wie die meisten neueren Antiepileptika zur Add-on-Therapie bei fokalen und generalisierten Anfällen zugelassen. Als besonderen Vorteil hob Dannhardt die große therapeutische Breite des Arzneistoffs hervor.

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