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Fallbericht

Phagencocktail gegen resistente Mykobakterien

Erstmals haben Forscher eine personalisierte Phagentherapie mit genetisch veränderten bakterienzerstörenden Viren bei einer Infektion mit antibiotikaresistenten Mykobakterien angewendet. Mit Erfolg, wie der Fallbericht in »Nature Medicine« zeigt.
Christina Hohmann-Jeddi
10.05.2019
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Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien befallen und zerstören. Sie sind dabei wirtsspezifisch, was bedeutet, dass sie nur gegen eine Bakterienart vorgehen. Schon seit längerem wird versucht, auch angesichts der zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika, diese Viren bei bakteriellen Infektionen einzusetzen. Ein Team von Forschern um Dr. Rebekah Dedrick und Professor Dr. Graham Hatfull von der University of Pittsburgh stellt nun den Fall einer Patientin mit Mukoviszidose vor, die mit diesem neuen Ansatz behandelt wurde.

Die 15-jährige Patientin musste sich aufgrund der erblichen Stoffwechselerkrankung, die durch Bildung zähflüssigen Schleims die Lungenfunktion massiv beeinträchtigt, einer beidseitigen Lungentransplantation unterziehen. Der Eingriff im Great Ormond Street Hospital in London verlief komplikationslos, wie die Forscher berichten. Doch Probleme bereitete eine chronische Infektion mit Mycobacterium abscessus, wegen der die Patientin bereits seit acht Jahren Antibiotika einnahm. Diese flammte in den Wochen nach dem Eingriff auf. Die hochresistenten Erreger verteilten sich im Körper, bildeten Knötchen an der Haut, infizierten die Operationswunde und die Leber. Weil die Infektion auf keine Antibiotika mehr ansprach, entschieden sich die behandelnden Ärzte dafür, das Team um Hatfull zu kontaktieren. Dieses ist auf die Suche nach passenden Phagen für Bakterienarten spezialisiert und verfügt über eine große Phagenbibliothek.

In dieser fanden sie drei passende Viren, die den von der Patientin isolierten Bakterienstamm infizieren konnten. Eines davon war in der Lage, die Bakterien zu zerstören, die anderen beiden reproduzierten sich in den Erregern, ohne diese deutlich zu schädigen. Diese beiden Phagen modifizierten die Forscher genetisch so, dass sie ebenfalls die Bakterien abtöten konnten. Mit einer Mischung dieser drei Phagen behandelten die Londoner Mediziner die Patientin sowohl intravenös, als auch lokal. Sie erhielt zweimal täglich über 32 Wochen eine Milliarde Phagenpartikel injiziert. Zusätzlich wurde der Phagencocktail auf die Hautläsionen und die Operationswunde lokal appliziert. An den ersten zwei Therapietagen fühlte sich die Patientin erhitzt und schwitzte, hatte aber kein Fieber. Ansonsten wurde die Therapie gut vertragen und es traten keine gravierenden Nebenwirkungen auf, schreiben die Forscher.

Der Zustand der Patientin verbesserte sich unter der Therapie kontinuierlich: die Hautknötchen verschwanden, die Wunde heilte, Leber- und Lungenfunktion verbesserten sich. Die Mykobakterien blieben über den gesamten Zeitraum sensibel gegenüber den drei verwendeten Phagen, Zeichen für Resistenzen waren nicht zu erkennen. »Für jeden Patienten den richtigen Phagen zu finden, ist eine große Herausforderung«, sagte Hatfull in einer Mitteilung des Howard Hughes Medical Institute, für das der Genetiker ein Phagen-Suchprogramm mit dem Namen SEA-Phages leitet. Er hofft, dass in Zukunft Phagencocktails entwickelt werden, die breitflächiger gegen bestimmte Erreger, wie Pseudomonas-Arten oder Mycobacterium tuberculosis, eingesetzt werden können. »Wir befinden uns hier noch auf unerforschtem Gelände«, sagte Hatfull.

DOI: 10.1038/s41591-019-0437-z

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