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Schwangerschaft

Paracetamol zurückhaltend einsetzen

Paracetamol sollte während der Schwangerschaft nur dann verwendet werden, wenn es medizinisch indiziert ist, und auch dann nur in der niedrigsten wirksamen Dosis für die kürzeste mögliche Zeit. Dies ist die Botschaft einer Konsensuserklärung von Wissenschaftlern, die jüngere Forschungsergebnisse gesichtet und zusammengefasst haben.
Theo Dingermann
24.09.2021  07:00 Uhr

Paracetamol gilt als ein in der Schwangerschaft gut verträgliches Analgetikum und Antipyretikum. Zu dieser Einschätzung kommt auch Embryotox, das Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité. Aktuell wird dieses Urteil jedoch in Teilen durch eine Konsensuserklärung relativiert, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Federführung des Neurologen Professor Dr. David M. Kristensen von der Universität Kopenhagenin »Nature Reviews Endocrinology« veröffentlicht haben.

Anlass für das Statement war die Durchsicht tierexperimenteller, zellbasierter sowie epidemiologischer Forschung am Menschen im Zusammenhang mit der Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft. Grundlage bildeten Publikationen, die zwischen dem 1. Januar 1995 und dem 25. Oktober 2020 veröffentlicht wurden.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine pränatale Paracetamol-Exposition beim Menschen mit nachteiligen neurologischen, urogenitalen und reproduktiven Folgen bei Männern und Frauen verbunden sein kann. So könne es bei Jungen zu Anomalien des Urogenitaltrakts kommen und bei Mädchen zu einem früheren Beginn der Pubertät und zu Sprachentwicklungsstörungen. Bei beiden Geschlechtern sei zudem möglicherweise das Risiko für Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen, Autismus und Intelligenzeinschränkung erhöht. Diese epidemiologischen Befunde werden nach ihrer Meinung durch experimentelle Studien gestützt.

Nicht ohne den Rat eines Fachmanns

Die Signale, die die Wissenschaftler in den analysierten Publikationen identifizieren konnten, veranlassen sie, es nicht nur bei der Veröffentlichung ihrer Rechercheergebnisse zu belassen. Stattdessen halten sie es auch unter Berücksichtigung des Vorsorgeprinzips für angezeigt, dazu zu raten, auf die Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft möglichst zu verzichten, falls diese nicht medizinisch streng indiziert ist. Besonders während der Schwangerschaft sei Paracetamol als Wirkstoff der Selbstmedikation ungeeignet, und vor der Einnahme solle stets der Rat eines Apothekers oder eines Arztes eingeholt werden.

Zwar lehnen auch die Autoren dieser Studie den Einsatz von Paracetamol während einer Schwangerschaft nicht prinzipiell ab. Sie fordern jedoch eine klare Indikationsnotwendigkeit und einen Einsatz in der kleinsten möglichen Dosis über einen möglichst geringen Zeitraum, um die Exposition mit dem Wirkstoff möglichst gering zu halten.

Um noch deutlicher auf die, wenn auch geringen, Risiken einer Einnahme von Paracetamol hinzuweisen, fordern sie die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA, ihr europäisches Pendant EMA sowie die einschlägigen Fachgesellschaften dazu auf, ihre Bewertungen des Risikos einer Paracetamol-Einnahme während der Schwangerschaft zu überprüfen, um aktuelle, evidenzbasierte Empfehlungen geben zu können. Ferner fordern sie weitere epidemiologische Studien am Menschen.

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