Pharmazeutische Zeitung online
Kaiserschnitt

Oft nicht der Königsweg

Heute soll eine Geburt nicht nur sicher, sondern am besten auch genau planbar sein. Kaiserschnitt- Entbindungen erfreuen sich einer entsprechend großen Nach­frage. Außer in Einzelfällen und bei bestimmten Komplikationen gilt jedoch die Vaginalgeburt als gesündeste Variante für Mutter und Kind.
18.09.2018
Datenschutz bei der PZ

Im Zeitraum zwischen 1991 und 2016 stieg die Rate für Geburten per Kaiserschnitt nach Angaben des Statistischen Bundesamts von 15,3 auf 30,0 Prozent. Allein aus medizinischen Gründen ist das nicht zu erklären. »Indiziert ist die Entbindung per operativem Eingriff, mit Fachbegriff Sectio caesarea, wenn die Gesundheit beziehungsweise das Leben von Mutter und/oder Kind bei einer natürlichen Geburt bedroht sind«, sagt Professor Dr. Birgit Seelbach-Göbel, Chefärztin und Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und

Gynäkologie des Krankenhauses Barmherzige Brüder in Regensburg, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Das trifft aber nur auf höchstens 10 bis 15 Prozent der Fälle zu, etwa wenn das Kind zu groß im Verhältnis zum Becken ist oder wie bei Frühgeburten zu klein und zu schwach, um die Geburt durchzustehen. Bei so manchen angeblich medizinisch indizierten Eingriffen wäre jedoch eine natürliche Entbindung – fachkundige Ärzte und Geburtshelfer vorausgesetzt – durchaus möglich. »Die Beckenendlage ist ein typisches Beispiel für oft vorschnelle Kaiserschnitte«, erzählt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für

Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). »Tatsächlich schließt diese Lageanomalie aber nicht aus, ein Kind auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Es erfordert allerdings Geduld und Erfahrung vonseiten des Ärzte- und Geburtshelferteams.«

Wunschkaiserschnitt zum Wunschtermin

Die hohe Anzahl an Kaiserschnitten kommt hauptsächlich dadurch zustande, dass Ärzte Frauen oft schon bei geringen Komplikationen zu dieser Entbindungsart raten. Aus Sicht der Krankenhäuser ist das verständlich: Der geplante Eingriff mit einer Dauer von 30 bis 60 Minuten ist leicht in den Klinik­alltag integrierbar, bringt mehr Geld ein als eine zeitintensive Vaginal­entbindung und reduziert das Risiko für eine gerichtliche Auseinandersetzung.


Um einiges seltener finden Kaiserschnitte auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter statt. Diese Frauen fürchten eigene Verletzungen wie Blasenschäden, einen Dammriss oder ein beeinträchtigtes sexuelles Lustempfinden nach der Vaginalgeburt oder haben Angst vor den Schmerzen. Ihr Kind wollen sie davor schützen, beim Passieren des Geburtskanals oder beim Einsatz von Instrumenten wie der Saugglocke oder Zange verletzt zu werden. Auch wollen sie vermeiden, dass es zu einem folgenschweren Sauerstoffmangel beim Kleinen kommt. »Diese Angst ist heutzutage aber in der Regel unbegründet, da die Sauerstoffversorgung fortlaufend beobachtet wird und in kritischen Situationen bei entsprechender Struktur der Klinik jederzeit ein Eingreifen möglich ist«, sagt Seelbach-Göbel. Einige Frauen entscheiden sich aber auch deshalb für eine Schnittentbindung, weil sie dadurch die Schwangerschaft geplant schon zwei bis drei Wochen früher beenden und das Geburtsdatum des Kindes aussuchen können.


Zu bedenken ist aber: Ein Kaiserschnitt mag heute zwar Routine sein, ist aber eine größere Operation mit den damit verbundenen Risiken. So zeigt beispielsweise eine aktuelle Meta-Analyse, dass das Risiko für eine venöse Thromboembolie nach einer Schnittentbindung viermal so groß wie nach einer Vaginalgeburt ist (DOI: 10.1016/j.chest.2016.05.021). Glücklicherweise nur selten treten Komplikationen wie Verletzungen von Organen im Bauchraum bei der Sectio caesarea auf. Nach dem Eingriff sind die Frauen noch eine Weile als Nachwirkung der Anästhesie in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Lässt die Betäubung nach, machen sich Schmerzen an der Operationswunde bemerkbar. Da beim Kaiserschnitt weniger Hormone als bei einer Vaginalgeburt ausgeschüttet werden, sind Probleme mit dem Einschießen der Muttermilch oder beim Aufbau einer Bindung zum Kind nicht auszuschließen. Langfristig sind schlecht verheilende Wunden und Verwachsungen zu bedenken, die zu schmerzenden, kosmetisch störenden und die Funktion einschränkenden Narben führen können.

Risiko für Folgeschwangerschaften

Auch auf folgende Schwangerschaften hat die Schnittentbindung Auswirkungen. So zeigt ein Review aus 2018 im Fachjournal »PLOS Medicine«, dass nach einer Sectio caesarea unter anderem das Risiko für eine Fehl- oder Totgeburt erhöht ist (DOI: 10.1371/journal.pmed.1002494).


Eine weitere Gefahr nennt die Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Gynäkologie: »Bei einer Schwangerschaft, die auf einen Kaiserschnitt folgt, besteht ein erhöhtes Risiko für eine Placenta praevia und andere Störungen der Plazenta. Das bedeutet, dass die Plazenta teilweise oder ganz den Muttermund bedeckt oder auch zu tief in die Gebärmutterwand eingewachsen ist. Es drohen lebensgefährliche Blutungen, die nur schwer zu stillen sind.« Außer für diese Plazentakomplikationen wächst bei jeder weiteren Schwangerschaft auch das Risiko für akute und lebensgefährliche Notfälle wie einen Gebärmutterriss. Für Eltern, die mehrere Kinder wollen, kann das zum Problem werden.

Vaginalgeburt stärkt das Kind

Zwar sehen Kaiserschnitt-Babys in den ersten Minuten nach der Geburt weniger zerknittert aus, auf lange Sicht sind sie aber nicht gesünder. »Es gibt Hinweise, dass sie ein größeres Risiko tragen, später an Allergien, Asthma oder Diabetes zu erkranken«, so die Expertin. Auch das Risiko für entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, juvenile Arthritis, systemische Erkrankungen des Bindegewebes, Immundefekte und Leukämien soll erhöht sein.


Experten erklären das damit, dass die Wehentätigkeit stimulierend auf das Abwehrsystem des Babys wirkt. Einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung des Immunsystems nehmen auch die Keime, mit denen der noch sterile kindliche Organismus erstmals in Berührung kommt. Bei der natürlichen Geburt sind das die Bakterien der mütterlichen Darm- und Vaginalflora sowie ihrer Haut. Bei der Schnittentbindung fehlt der Kontakt mit einigen dieser Bakterien und die Babys entwickeln eine weniger vielfältige Darmflora.


Auch die Passage des Geburtskanals ist nicht schädlich für das Kind, sondern erfüllt wichtige Zwecke. Es wird Wasser aus der Lunge gepresst und das Organ damit langsam auf die Atemtätigkeit vorbereitet. Bei einem Kaiserschnitt muss die Lungenatmung von einem Moment auf den anderen funktionieren, das Risiko für Anpassungsstörungen und Atemprobleme ist größer. »Für das Kind ist eine Vaginalgeburt – wenn keine schwerwiegenden Komplikationen wie Sauerstoffmangel auftreten – der gesündeste Weg, auf die Welt zu kommen«, resümiert die Fachärztin für spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin.

Das Wichtigste: Ein gesundes Baby

Welche Art zu gebären, die »richtige« ist, hängt vom individuellen Fall ab. »Wenn keine Komplikationen vorliegen, ziehen wir den von der Natur vorgesehenen Weg der Vaginalgeburt vor«, sagt die Gynäkologin. In Einzelfällen kann aber auch eine Schnittentbindung sinnvoll sein. »Bei älteren Gebärenden, die möglicherweise nur durch eine künstliche Befruchtung schwanger geworden sind, weitere Schwangerschaften ausschließen und ihr Wunschkind so komplikationslos wie möglich zur Welt bringen wollen, kann ein geplanter Kaiserschnitt die stressfreiere Alternative sein«, erklärt die Ärztin.


Doch es gibt auch den umgekehrten Fall, dass Frauen unter allen Umständen eine natürliche Geburt wollen, dann aber durch ernste Komplikationen zu einem Kaiserschnitt gezwungen werden. Manche Mütter fühlen sich danach schlecht, weil sie aus eigenen Kräften ihrem Baby nicht zur Welt verhelfen konnten. Seelbach-Göbel vermittelt solchen Betroffenen: »Es ist kein Versagen, im Sinne des Kindes gehandelt zu haben. Das Wichtigste ist doch, ein gesundes Baby im Arm halten zu dürfen.« /

Mehr von Avoxa