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Interview: Phagro-Chef Freitag
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»Nur weil bislang niemand gestorben ist…«

Der Gesetzgeber tut sich schwer, strengere Transportbedingungen für Arzneimittelversender zu erlassen. Der Großhandelsverband Phagro hatte sich im Gesetzgebungsverfahren für eine deutliche Verschärfung eingesetzt. Der Vorsitzende Marcus Freitag erklärt im PZ-Interview, was ihm bei dem Thema dennoch Hoffnung macht.
AutorKontaktAlexander Müller
Datum 03.08.2026  08:59 Uhr

PZ: Warum macht sich der Phagro so stark bei den Transportbedingungen im Versandhandel?

Freitag: Das hat mit Unrechtsempfinden zu tun, und gleichzeitig schwingt das Thema Arzneimittelsicherheit mit. Wir Großhändler müssen so viele Auflagen bei der Lagerung und beim Transport erfüllen, und das hat gute Gründe. Das gilt für die Industrie, für uns, für die Apotheke, nur im Versand von Arzneimitteln soll das plötzlich keine Rolle spielen. Das empfinde ich als unfair.

PZ: Die Großhändler müssen seit 2013 GDP-konform ausliefern. Wie groß ist der Aufwand?

Freitag: Finanziell reden wir allein für die Umstellung über siebenstellige Beträge. Und der Aufwand bleibt hoch, administrativ und in der operativen Umsetzung: Wir müssen chargenrein lagern, Temperaturkontrollen durchführen und werden regelmäßig überprüft. Sie werden heute kein Fahrzeug mehr finden, das nicht so ausgestattet ist, dass die Temperaturbedingungen eingehalten werden. Das ist schon ein enorm großer Aufwand.

PZ: Die Regierung wollte Logistiker wie DHL mit in die Pflicht nehmen. Doch auf Druck der Versandlobby hat die EU-Kommission das einkassiert. Wie nah waren Sie da dran, was ist da passiert?

Freitag: Es geht nicht nur um Lobbyieren in Brüssel, es ist auch ein Lobbyieren in Berlin. Letztendlich wurde im politischen Berlin entschieden, dem Thema so Rechnung zu tragen, wie es jetzt abgebildet wurde.

PZ: Sie meinen, die Bundesregierung selbst wollte den Versandhandel nicht zu sehr belasten?

Freitag: Das kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls schaut die Politik auch aus Wählersicht darauf – und da wird Preiswettbewerb im nicht verschreibungspflichtigen Sektor schon eher positiv gesehen. Ich erlebe leider seit Jahren, dass sich die Politik schwertut, das Thema Arzneimittelsicherheit aus der Verbraucherschutzperspektive zu erläutern. Und dann ist Brüssel vielleicht das Zünglein an der Waage mit dem Verweis auf freien Warenverkehr.

PZ: Die Versender wiegeln das Thema ab. Es gebe keine bekannten Schadensfälle aufgrund der Temperaturbedingungen.

Freitag: Aber das macht es ja nicht richtiger, nur weil bislang niemand gestorben oder im Krankenhaus gelandet ist. Es ist wohl anzunehmen, dass sehr hohe Temperaturen vielen Arzneimitteln schaden. Und es kann doch nicht sein, dass Rosinenpickerei betrieben wird und für deutsche Apotheken andere Spielregeln gelten als für ausländische Versender.

PZ: Der Gesetzgeber schärft jetzt beim Versand nicht entscheidend nach. Können Sie sich den ganzen Aufwand beim Transport dann nicht auch sparen, wenn es offenbar nichts ausmacht?

Freitag: Wir halten uns an geltendes Recht und setzen die GDP-Guidelines um. Und ich bin mir sehr sicher, dass die Politik das Thema GDP nicht anfassen wird in dem Sinne, die Regeln auch für alle anderen zu lockern. Ich bin eher optimistisch, dass man das Thema Versandhandel noch mal aufmacht. So bitter es auf der anderen Seite ist: Der Klimawandel tut sein Übriges dazu. Wenn ich in Berlin mit Politikern spreche, sind viele auf unserer Seite.

PZ: Der Phagro hat sogar ein Gutachten erstellen lassen, demzufolge strengere Regeln auch europarechtlich zulässig wären. Ist das in Brüssel vorgelegt worden?

Freitag: Wir haben die Themen sowohl im politischen Berlin als auch in Brüssel vorgelegt. Man darf aber auch nicht die Lobby gewisser Unternehmen unterschätzen. »Internationale börsennotierte Unternehmen verschaffen sich da sehr wirksam Gehör und dringen offenbar mit ihren Forderungen durch.« Wir waren viel optimistischer nach dem ersten Verordnungsentwurf, dann wurde es zurückgedreht. Und jetzt haben wir den Entschließungsantrag aus dem Bundesrat.

PZ: Da steht drin, dass die Länderliste überprüft werden soll. Glauben Sie daran?

Freitag: Ich habe die Hoffnung, dass man die Themen Kontrolle und Sanktionen jetzt anschaut, und bin verhalten optimistisch. Wir dürfen nicht aufgeben. Allerdings würde ich mir wünschen, dass wir stärker als bisher gemeinsam mit der Apothekerschaft kämpfen. Wir fühlen uns als Phagro nicht unbedingt als Einzelkämpfer, weil es aus den Apotheken schon auch Vorstöße gab – aber bislang noch keine massive Unterstützung.

PZ: Weil die ABDA mit der Vergütungsfrage und der PTA-Vertretung andere Schwerpunkte im Reformprozess hatte?

Freitag: Ja, das ist sicher so. Aber man hätte das Thema von Anfang an auf der Prioritätenliste haben müssen. Schließlich drängen mit den Drogeriemarktriesen jetzt noch ganz andere Player in den Markt. Aber jetzt ist die Reform durch, und wir können uns gemeinsam um Versandbedingungen kümmern.

PZ: Was wäre der richtige Weg? Eine Arzneimittel-Lieferrichtlinie auf EU-Ebene?

Freitag: Den Arzneimittelversand, wie wir ihn kennen, gibt es in ganz vielen EU-Ländern gar nicht, allenfalls Click & Collect. Der Kunde bestellt online und holt es in der Apotheke ab – da haben Sie die Problematik gar nicht. Trotzdem gebe ich Ihnen recht: Eine EU-weite Regelung wäre wünschenswert.

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