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Biografien

Nobelpreisträger waren nicht die besten Schüler

Schulnoten sind nicht ausschlaggebend, wenn man später einen Nobelpreis gewinnen will. Das zeigen eindrucksvoll die Biografien der frisch gekürten Nobelpreisträger im Bereich Medizin. Früh vorhanden war aber eine gesunde Neugier und das Interesse an Naturwissenschaften.
dpa
07.10.2019
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Gregg Semenzas Faszination für Wissenschaft begann im Biologie-Unterricht der High School. Seine Lehrerin habe ihm «die Wunder der Biologie und das Aufregende daran, etwas fundamental zu verstehen» vermittelt, sagte der frisch gekürte Medizin-Nobelpreisträger einmal. Geboren wurde Semenza 1956 in New York als ältestes von fünf Kindern eines Psychotherapeuten und einer Grundschullehrerin. Später zog die Familie in einen nördlichen Vorort der Metropole. Nach der Schule ging Semenza an die Elite-Universität Harvard, um Genetik zu studieren.

Als eine Freundin seiner Familie ein Kind mit Down-Syndrom bekam, änderten sich seine Forschungsinteressen. «Diese Erfahrung hat mich mehr in die Richtung der medizinischen Genetik gebracht, als es um den Doktortitel ging. Das war eine große Veränderung für mich.» Nach dem Harvard-Abschluss ging Semenza an die University of Pennsylvania, forschte am Erbsubstanz-Molekül DNA und spezialisierte sich zum Kinderarzt. Über die Duke University im US-Bundesstaat North Carolina kam er schließlich 1990 zur Johns Hopkins University im Bundesstaat Maryland, wo er seitdem forscht und wo er auch seine Frau Laura kennenlernte. Das Paar hat drei Kinder.

Semenza hat mehr als 400 wissenschaftliche Artikel verfasst und bereits zahlreiche renommierte Preise für seine Arbeit bekommen. «Das ist meine Religion», erklärte er 2016 in seiner Dankesrede nach dem Erhalt des Lasker-Preises, ebenfalls zusammen mit William Kaelin und Peter Ratcliffe. «Ich bin voller Staunen über das Ergebnis von vier Milliarden Jahren Evolution auf diesem Fleck des Universums und voller Hoffnung darauf, dass wir das Leben der Menschen um uns herum mit grundlegenden Entdeckungen und ihrer Übernahme in die klinische Praxis verbessern können.»

Vom faulen Schüler zum Nobelpreisträger

Das Fundament für William Kaelins Karriere lag schon in der Kindheit. «In unserem Haushalt gab es Spielsachen, die Neugier und Kreativität förderten, beispielsweise ein Mikroskop und Chemie-Experimentierkästen», sagt der 1957 in New York geborene Krebsforscher William Kaelin bei einer Preisverleihung. Während seiner Schulzeit war er allerdings nach eigener Aussage eher faul. So erzählt er über einen Sommerkurs für Mathe-Cracks: «Ich war froh, festzustellen, dass ich nicht der am wenigsten Begabte (...) war. Aber ich hatte sicherlich wegen meiner miserablen Lerngewohnheiten die schlechtesten Noten.»

Doch der junge Kaelin reißt sich am Riemen und macht Karriere. Zunächst als Klinikarzt, später als Forscher. Für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Krebsforschung und damit verbundenen Entdeckungen zu zellulären Reaktionen auf einen veränderten Sauerstoffgehalt in der Umgebung bekommt Kaelin nun den Nobelpreis. Das mag für den US-Amerikaner die wichtigste Auszeichnung in seinem Leben sein. Die erste ist es nicht. Mehr als zwanzig Preise hat der 61-jährige Harvard-Forscher bereits abgeräumt. Im Jahr 2015 muss Kaelin einen Schicksalsschlag verkraften. Seine Frau Carolyn stirbt an Krebs. Noch immer forscht Kaelin an Proteinen, die eine Tumorbildung verhindern.

Ein echter Ritter

Der dritte frisch gekürte Medizin-Nobelpreisträger Peter Ratcliffe ist ein echter «Sir». Die britische Königin Elizabeth II. verpasste dem Forscher den Ritterschlag im Jahr 2014 für seine Entdeckungen auf dem Gebiet des Sauerstoffmangels (Hypoxie). Ratcliffes Karriere ist eng mit zwei britischen Elite-Hochschulen verbunden. Er studierte an der Universität Cambridge Medizin und spezialisierte sich auf Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen (Nephrologie). Inzwischen arbeitet er als Direktor des Target Discovery Instituts an der renommierten Universität Oxford. Außerdem ist der 65-Jährige Direktor für Klinische Forschung am Francis-Crick-Institut in London.

Dass es Ratcliffe so weit gebracht hat, verdankt er auch seinem Schuldirektor im nordenglischen Lancashire. Denn eigentlich wollte er ursprünglich in der industriellen Chemie arbeiten. Eines Tages habe aber sein Direktor im Chemie-Klassenraum gestanden und zu ihm gesagt: «Peter, ich glaube du solltest Medizin studieren», berichtete Ratcliffe in einem Interview mit der Fachzeitschrift «Cell». Seine damaligen Leistungen in Chemie bezeichnete Ratcliffe als «tolerabel».

Nicht nur den Titel «Sir» bekam Ratcliffe für seine Leistungen, sondern unter anderem auch den Louis-Jeantet-Preis für Medizin und den Albert-Lasker-Preis. Dabei scheint er auf dem Boden geblieben: Ratcliffe habe überhaupt keine Berührungsängste, sagt Christof Dame von der Berliner Charité über seinen Kollegen. «Man kann den ganz normal ansprechen.» Die Forschung über den Sauerstoffmangel fasziniert Ratcliffe nun schon seit Jahrzehnten. «Die Hypoxie ist eine wichtige Komponente vieler Krankheiten des Menschen, darunter Krebs, Herzleiden, Schlaganfall, Gefäßkrankheiten und Blutarmut», erläuterte der Wissenschaftler einmal die Arbeit seines Teams.

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