| Brigitte M. Gensthaler |
| 05.02.2026 07:00 Uhr |
Augensymptome wie Doppelbilder oder ein hängendes Augenlid können Anzeichen einer Myasthenia gravis sein. / © Adobe Stock/Alessandro Grandini
Der humane monoklonale IgG1-Antikörper Nipocalimab (Imaavy® 185 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Johnson & Johnson) wird angewendet als Zusatz zur Standardtherapie bei Patienten ab zwölf Jahren mit generalisierter Myasthenia gravis (gMG), die Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor (AChR) oder gegen die muskelspezifische Tyrosinkinase (MuSK) aufweisen.
Bei der Autoimmunerkrankung Myasthenia gravis ist die Reizübertragung von Nerven zu Muskeln gestört. Das zeigt sich in einer belastungsabhängigen Ermüdbarkeit der Muskulatur (Kasten). Zur Standardtherapie gehören zum Beispiel Cholinesterase-Inhibitoren wie Pyridostigmin und Neostigmin, Glucocorticoide sowie Immunsuppressiva.
Die Therapie startet mit einer intravenösen Infusion von 30 mg Nipocalimab/kg Körpergewicht, gefolgt von einer Erhaltungsdosis von 15 mg/kg alle zwei Wochen. Die Patienten sollen nach jeder Infusion 30 Minuten lang auf eine infusionsbedingte oder eine Überempfindlichkeitsreaktion überwacht werden. Bei Nebenwirkungen kann die Infusion verlangsamt oder abgebrochen werden.
Myasthenia gravis ist eine seltene Erkrankung. Nach Angaben der Deutschen Myasthenie-Gesellschaft wird die Häufigkeit auf 100 bis 200 pro 1 Million Einwohner geschätzt. Menschen erkranken vor allem zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr und zwischen dem 60. und 75. Lebensjahr.
Bei mehr als der Hälfte der Patienten beginnt die Erkrankung an den Augen (okuläre Myasthenie). Typisch sind anfängliche Sehstörungen, zum Beispiel Doppelbilder, und eine Ermüdung der Oberlider, sodass die Augen ungleich weit offen sind. Die Schwäche kann den gesamten Bewegungsapparat sowie die Sprech-, Kau-, Schluck- und/oder Atemmuskulatur betreffen (generalisierte Myasthenie). Betroffene klagen über ein Schweregefühl des Kopfes, Schluck- und Sprechstörungen, Atemnot und Schwäche bei Belastung, zum Beispiel beim Treppensteigen.
Die Schwäche kann bei körperlicher Anstrengung und im Tagesverlauf zunehmen, aber innerhalb von Stunden, Tagen und Wochen unterschiedlich sein. Der Verlauf ist sehr individuell und schwankend. Die Betroffenen sind an manchen Tagen kaum, an anderen Tagen stark beeinträchtigt. Infektionen, seelische Belastung oder Schlafmangel verstärken die Symptome.
Ursache der Myasthenia gravis ist die Bildung von IgG-Autoantikörpern, die die neuromuskuläre Übertragung durch Bindung an den AChR, an MuSK oder an das Transmembranprotein LRP4 beeinträchtigen. Die Autoantikörper blockieren oder zerstören die Kontaktstellen auf den Muskelfasern und stören so den Nervenimpuls zu Muskelzellen.
Ein Teil der Patienten mit Myasthenia gravis entwickelt Autoantikörper gegen den Acetylcholinrezeptor. Sie könnten von Nipocalimab profitieren. / © Adobe Stock/Saiful52
Nipocalimab unterbricht diesen Prozess, da es spezifisch auf die IgG-Fc-Bindungsstelle des neonatalen Fc-Rezeptors (FcRn) abzielt. Dieser Rezeptor spielt eine wichtige Rolle bei der Verlängerung der Halbwertszeit von IgG. Nipocalimab hat extra- und intrazellulär eine hohe Spezifität und Affinität zum FcRn, wodurch die Konzentrationen an zirkulierendem IgG inklusive IgG-Autoantikörpern reduziert werden, ohne dass andere Immunglobulin-Klassen beeinflusst werden. Nipocalimab hat keine relevanten Auswirkungen auf Albumin, das an einer anderen Stelle des FcRn bindet.
Wenn Patienten unter Nipocalimab eine Behandlung mit Arzneimitteln benötigen, die an die IgG-Bindungsstelle des FcRn binden, wird empfohlen, die Behandlung mit diesen Arzneimitteln zwei Wochen nach der vorangegangenen Nipocalimab-Dosis einzuleiten. Ist eine gleichzeitige Langzeittherapie unvermeidlich, sollen die Patienten engmaschig auf eine mögliche verminderte Wirksamkeit dieser Arzneimittel überwacht werden. Gegebenenfalls ist das Absetzen von Nipocalimab oder die Wahl einer alternativen Therapie zu erwägen.
Die Zulassung des neuen Antikörpers beruht auf der 2025 im Fachjournal »The Lancet Neurology« publizierten Phase-III-Studie VIVACITY-MG3. 196 Patienten mit unzureichend behandelter Myasthenia gravis erhielten über 24 Wochen randomisiert doppelblind alle zwei Wochen entweder Nipocalimab oder Placebo zusätzlich zur Standardtherapie. Ihr Befinden wurde mit dem Score »Myasthenia Gravis Activities of Daily Living« (MG-ADL) erfasst. Dieser reicht von 0 bis 24, wobei höhere Werte eine stärkere Beeinträchtigung anzeigen. Eine Abnahme des Scores um 2 oder mehr Punkte wurde als Ansprechen gewertet.
Der primäre Endpunkt war die Differenz zwischen der mittleren Änderung des MG-ADL-Gesamtscores in der Verum- und in der Placebogruppe, jeweils gegenüber dem Ausgangswert. Zudem wurde die Wirksamkeit anhand des Quantitativen-Myasthenia-Gravis-Gesamtscores (QMG) zur Bewertung der Muskelschwäche erfasst.
Unter Nipocalimab ergab sich in den Wochen 22, 23 und 24 eine mittlere Verbesserung im MG-ADL-Score von –4,68 Punkten versus –3,29 Punkten unter Placebo. Im QMG lagen die Mittelwerte in den Wochen 22 und 24 bei –4,77 unter Verum versus –1,90 unter Placebo (gegenüber Baseline). Die Unterschiede waren statistisch signifikant.
Von den 153 Antikörper-positiven Patienten wurden 137 in die offene Verlängerungsphase aufgenommen. Bei den Patienten, die bereits während der Doppelblindphase den Antikörper erhalten hatten und in den ersten 48 (n = 52) und 84 Wochen (n = 20) der offenen Studie damit weiterbehandelt wurden, blieben die mittleren Verbesserungen der Scores erhalten.
In einer laufenden offenen Multicenterstudie (NCT05265273) wird Nipocalimab bei Kindern und Jugendlichen mit gMG untersucht. Acht Patienten in dieser Kohorte haben ein medianes Alter von 13,5 Jahren (Bereich 12 bis 16 Jahre). Sieben davon wurden laut Fachinformation bereits bis Woche 24 beurteilt; primärer Endpunkt war die Wirkung von Nipocalimab auf das Gesamt-IgG im Serum. In Woche 24 ging das Gesamt-IgG median um 73,3 Prozent gegenüber Baseline zurück. Dies entspricht dem bei Erwachsenen festgestellten Effekt. Die mittleren Veränderungen betrugen –2,57 im MG-ADL und –4,93 im QMG-Score.
Als Nebenwirkungen treten sehr häufig erniedrigte Albumin-Serumwerte, Muskelspasmen, periphere Ödeme und erhöhte Lipidwerte auf. Daher sollen die Plasmalipidspiegel etwa zwölf Wochen nach Behandlungsbeginn bestimmt werden. Bei Jugendlichen und bei übergewichtigen Patienten soll eine engmaschigere regelmäßige Überwachung erwogen werden.
Da Nipocalimab die IgG-Spiegel reduziert, kann das Risiko für Infektionen und die Aktivierung latenter Virusinfektionen wie Herpes zoster ansteigen. Bei einer aktiven Infektion soll der Therapiebeginn bis zu deren Abklingen verschoben werden. Während der Behandlung sind die Patienten auf Symptome einer Infektion zu überwachen. In dieser Zeit wird auch die Gabe von (abgeschwächten) Lebendimpfstoffen nicht empfohlen. Alle anderen Impfstoffe können bei Bedarf jederzeit geimpft werden.
Die Behandlung von schwangeren Frauen mit Imaavy soll nur in Betracht gezogen werden, wenn der klinische Nutzen die Risiken überwiegt. Es ist bekannt, dass maternales IgG in den ersten Tagen nach der Entbindung in der Muttermilch vorhanden ist und bald danach auf niedrige Werte absinkt. Während dieses kurzen Zeitraums kann somit ein Risiko für gestillte Säuglinge nicht ausgeschlossen werden. Anschließend kann die Behandlung von stillenden Frauen mit Nipocalimab in Betracht gezogen werden, sofern der klinische Nutzen die Risiken überwiegt.
Imaavy ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.
Auch wenn der Wirkmechanismus nicht neu ist, kann Nipocalimab vorläufig als Schrittinnovation gewertet werden. Nipocalimab gehört wie die bereits verfügbaren Wirkstoffe Efgartigimod alfa und Rozanolixizumab zu den Substanzen, die gegen den neonatalen Fc-Rezeptor (FcRn) gerichtet sind.
Aber in Sachen Zulassungsgebiet hat Nipocalimab derzeit knapp die Nase vorn. Der Antikörper darf als Zusatz zur Standardtherapie für die Behandlung der generalisierten Myasthenia gravis bei Erwachsenen und Jugendlichen ab zwölf Jahren zum Einsatz kommen, wenn Autoantikörper gegen AChR oder MuSK vorliegen. Der Konkurrent Rozanolixizumab darf in dieser Indikation – subkutan verabreicht – derzeit nur bei Erwachsenen angewendet werden und Efgartigimod alfa ist sogar nur bei Erwachsenen zugelassen, die Autoantikörper gegen AChR aufweisen.
Ein direkter Vergleich, insbesondere mit Rozanolixizumab, wäre wünschenswert, um zu eruieren, ob einer der beiden Antikörper möglicherweise besser performt oder verträglicher ist. Mehr als einen Schritt voran geht es mit Nipocalimab derzeit nicht.
Sven Siebenand, Chefredakteur