| Brigitte M. Gensthaler |
| 05.02.2026 07:00 Uhr |
Ursache der Myasthenia gravis ist die Bildung von IgG-Autoantikörpern, die die neuromuskuläre Übertragung durch Bindung an den AChR, an MuSK oder an das Transmembranprotein LRP4 beeinträchtigen. Die Autoantikörper blockieren oder zerstören die Kontaktstellen auf den Muskelfasern und stören so den Nervenimpuls zu Muskelzellen.
Ein Teil der Patienten mit Myasthenia gravis entwickelt Autoantikörper gegen den Acetylcholinrezeptor. Sie könnten von Nipocalimab profitieren. / © Adobe Stock/Saiful52
Nipocalimab unterbricht diesen Prozess, da es spezifisch auf die IgG-Fc-Bindungsstelle des neonatalen Fc-Rezeptors (FcRn) abzielt. Dieser Rezeptor spielt eine wichtige Rolle bei der Verlängerung der Halbwertszeit von IgG. Nipocalimab hat extra- und intrazellulär eine hohe Spezifität und Affinität zum FcRn, wodurch die Konzentrationen an zirkulierendem IgG inklusive IgG-Autoantikörpern reduziert werden, ohne dass andere Immunglobulin-Klassen beeinflusst werden. Nipocalimab hat keine relevanten Auswirkungen auf Albumin, das an einer anderen Stelle des FcRn bindet.
Wenn Patienten unter Nipocalimab eine Behandlung mit Arzneimitteln benötigen, die an die IgG-Bindungsstelle des FcRn binden, wird empfohlen, die Behandlung mit diesen Arzneimitteln zwei Wochen nach der vorangegangenen Nipocalimab-Dosis einzuleiten. Ist eine gleichzeitige Langzeittherapie unvermeidlich, sollen die Patienten engmaschig auf eine mögliche verminderte Wirksamkeit dieser Arzneimittel überwacht werden. Gegebenenfalls ist das Absetzen von Nipocalimab oder die Wahl einer alternativen Therapie zu erwägen.
Die Zulassung des neuen Antikörpers beruht auf der 2025 im Fachjournal »The Lancet Neurology« publizierten Phase-III-Studie VIVACITY-MG3. 196 Patienten mit unzureichend behandelter Myasthenia gravis erhielten über 24 Wochen randomisiert doppelblind alle zwei Wochen entweder Nipocalimab oder Placebo zusätzlich zur Standardtherapie. Ihr Befinden wurde mit dem Score »Myasthenia Gravis Activities of Daily Living« (MG-ADL) erfasst. Dieser reicht von 0 bis 24, wobei höhere Werte eine stärkere Beeinträchtigung anzeigen. Eine Abnahme des Scores um 2 oder mehr Punkte wurde als Ansprechen gewertet.
Der primäre Endpunkt war die Differenz zwischen der mittleren Änderung des MG-ADL-Gesamtscores in der Verum- und in der Placebogruppe, jeweils gegenüber dem Ausgangswert. Zudem wurde die Wirksamkeit anhand des Quantitativen-Myasthenia-Gravis-Gesamtscores (QMG) zur Bewertung der Muskelschwäche erfasst.
Unter Nipocalimab ergab sich in den Wochen 22, 23 und 24 eine mittlere Verbesserung im MG-ADL-Score von –4,68 Punkten versus –3,29 Punkten unter Placebo. Im QMG lagen die Mittelwerte in den Wochen 22 und 24 bei –4,77 unter Verum versus –1,90 unter Placebo (gegenüber Baseline). Die Unterschiede waren statistisch signifikant.
Von den 153 Antikörper-positiven Patienten wurden 137 in die offene Verlängerungsphase aufgenommen. Bei den Patienten, die bereits während der Doppelblindphase den Antikörper erhalten hatten und in den ersten 48 (n = 52) und 84 Wochen (n = 20) der offenen Studie damit weiterbehandelt wurden, blieben die mittleren Verbesserungen der Scores erhalten.
In einer laufenden offenen Multicenterstudie (NCT05265273) wird Nipocalimab bei Kindern und Jugendlichen mit gMG untersucht. Acht Patienten in dieser Kohorte haben ein medianes Alter von 13,5 Jahren (Bereich 12 bis 16 Jahre). Sieben davon wurden laut Fachinformation bereits bis Woche 24 beurteilt; primärer Endpunkt war die Wirkung von Nipocalimab auf das Gesamt-IgG im Serum. In Woche 24 ging das Gesamt-IgG median um 73,3 Prozent gegenüber Baseline zurück. Dies entspricht dem bei Erwachsenen festgestellten Effekt. Die mittleren Veränderungen betrugen –2,57 im MG-ADL und –4,93 im QMG-Score.