| Theo Dingermann |
| 17.06.2026 10:00 Uhr |
Zur Selbstoptimierung sind in den USA offenbar viele Menschen bereit, das Risiko einer Anwendung von nicht zugelassenen Peptiden einzugehen. / © Adobe Stock/Vasyl
Eine lesenswerte Recherche zu dem umstrittenen Peptid BPC-157, das sich zumindest in den USA immer mehr Menschen verabreichen, obwohl eine Zulassung fehlt, erschien jetzt in »Undark«, einem nach eigener Aussage gemeinnützigen und redaktionell unabhängigen Online-Magazin, das sich mit den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft befasst. Die Wissenschaftsplattform »STAT« coveröffentliche den Artikel.
Die Journalistin Sara Talpos hatte für Undark zu BPC-157 recherchiert und zeichnet in dem Beitrag nach, wie dieses Peptid mit denkbar dünner Humandatenlage zum Lieblingsobjekt von Podcastern, Wellness-Kliniken und der Make-America-Healthy-Again-Bewegung (MAHA) avancierte. Diese Entwicklung wirft Fragen im Kontext eines evidenzbasierten und gesundheitspolitisch verantwortlichen Umgangs mit pharmazeutischen Wirkstoffen auf.
Den Ausgangspunkt des Rechercheberichts bildet Dr. Flynn McGuire, Assistenzarzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der University of Utah, der im Frühjahr 2024 erstmals auf die Substanz stieß. Da weder er noch Kollegen das Präparat kannten, initiierte er einen formalen Literaturreview. Das Ergebnis war ernüchternd, denn nahezu alle publizierten Erkenntnisse zu BPC-157 stammten von einer einzigen Forschergruppe in Kroatien um Professor Dr. Predrag Sikiric, emeritierter Pharmakologe an der Universität Zagreb, der seit der Erstbeschreibung 1992 mehr als 150 Arbeiten zu »Body Protection Compound 157« publiziert hat.
In Nagermodellen konnte das Team um Sikiric zeigen, dass BPC-157 die Angiogenese fördert, Entzündungen dämpft und die Heilung von Sehnen, Bändern und Muskeln beschleunigt. Nebenwirkungen wurden in den Arbeiten kaum dokumentiert.
Aus seiner dürftigen Rechercheausbeute zieht McGuire ein eindeutiges Fazit: Menschen sollten die Substanz nicht verwenden. Die Diskrepanz zwischen dem aktuellen Hype und der dünnen bis nicht vorhandenen Evidenz sei schlicht grotesk, so der Mediziner.
Genau hier liegt das Problem, das Talpos in ihrem Artikel sauber herausarbeitet. Bei den gut 200 auf PubMed gelisteten Studien mit nahezu durchweg positiven Resultaten sind fast immer Sikiric oder sein Kollege Professor Dr. Sven Seiwerth Hauptautoren – ein Umstand, den ein polnisches Reviewteam als Einfallstor für einen »Confirmation Bias« benennt. Belastbare Humandaten fehlen weitgehend: Die wenigen referenzierten klinischen Versuche sind in keiner großen Datenbank wie PubMed indexiert und wurden offenbar nie Peer-reviewed publiziert. So führte etwa das kroatische Unternehmen PLIVA, das durch die Entwicklung des Antibiotikums Azithromycin enorme Gewinne erzielte, in den 2000er-Jahren BPC-157-Behandlungen gegen Colitis ulcerosa durch.
Das Portal »Peptide & Compound Research Database« fasst den aktuellen Wissenstand zu BPC-157 umfassend zusammen und dokumentiert auch die dürftige Studienbasis zu dieser Substanz.
Ungeachtet dessen bestehen Sikiric und Kollegen in einem relativ aktuellen Review, der 2025 im Journal »MDPI Pharmaceuticals« erschien, ohne Datengrundlage auf der Sicherheit und Verträglichkeit von BPC-157 beim Menschen. Hinzu kommen nicht offengelegte Interessenkonflikte, denn Sikiric ist auf BPC-157-Patentanmeldungen seit mindestens 1989 benannt, wird in kroatischen Registern als Eigentümer des Studiensponsors PharmaCotherapia geführt und firmiert als CEO von Diagen, ein Unternehmen, das ein zum Verkauf stehendes Patent auf eine »stabile Version« des Peptids hält. Diese Verflechtungen sind in den Publikationen nicht deklariert.
Der Weg von der Ratte ins Fitnessstudio verlief nach Talpos’ Recherche über die einschlägigen Bodybuilding-Foren der frühen 2000er-Jahre. Um das Jahr 2010 rückten Peptide ins Visier einer Szene, die ohnehin mit anabolen Steroiden experimentierte. Diese wurden zunächst aus chinesischen Laboren bezogen, deklariert als »research chemicals, not for human consumption«, ein beliebtes Schlupfloch, um Verkaufsverbote zu umgehen.
Aus dem Graumarkt erwuchs ein Reddit-getriebenes Laienexperiment, in dem Nutzer Speziesdosierungen umrechneten und eigene »Peptide Primer« verfassten. Die in dem Rechercheartikel zitierten Erfahrungsberichte beziehen sich auf anekdotische Schmerzlinderung und reduzierten Analgetikakonsum. Berichte zu Nebenwirkungen schildern generalisierten Juckreiz, intensive Angst, Halluzinationen und Anhedonie, also die Unfähigkeit, Freude oder Lust zu empfinden. Wenig überraschend enthalten derartige Berichte keinerlei Erkenntnisse zur möglichen Kausalität. Dr. Matthew Fedoruk von der US-Anti-Doping Agency warnt zudem vor unklarer Reinheit der bezogenen Ware.
Die Regulationsbehörde FDA setzte BPC-157 Ende 2023 auf die Liste der Substanzen, die nicht von Compounding-Apotheken in den USA hergestellt werden dürfen. Solche Apotheken stellen individuelle Medikamente für Patienten her, wobei Wirkstoffe nicht nur patientenindividuell kombiniert und hinsichtlich der Dosis angepasst werden, sondern teilweise auch synthetisiert und vermarktet werden. Als Grund für diesen Schritt nannte die FDA die Gefahr potenzieller Immunreaktionen, Verunreinigungen und fehlender Sicherheitsdaten zu BPC-157.
Dagegen formiert sich allerdings Widerstand: Der Endokrinologe Dr. Edwin Lee, Mitbegründer der Clinical Peptide Society und der Initiative Save Peptides, publiziert kleine Fallserien mit zwei bis 16 Teilnehmenden ohne Kontrollen in einem komplementärmedizinischen Journal, um regulatorisch eine Wende zu erzwingen. Politisch flankiert wird das Anliegen durch republikanische Abgeordnete sowie durch Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., dessen libertäres Credo lautet, die FDA solle Wissenschaft betreiben und kommunizieren, aber nicht vorschreiben, was Patienten einnehmen dürfen.
Die Pointe der Recherche liegt in der epistemischen Falle, die Kennedys »informierte Eigenentscheidung« für Patienten aufstellt: In einem Umfeld aus Hype, Podcast-Ökonomie und finanziellen Interessenkonflikten ist belastbare Selbstaufklärung kaum möglich. Damit werde BPC-157 zum Lackmustest dafür, wie die zweite Trump-Administration mit experimentellen Therapien zwischen Deregulierung und Patientenschutz umgehen wird, so Talpos.