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Magersucht
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Nicht nur Wille, auch Hirn- und Darmveränderungen

Patientinnen und Patienten mit Anorexie wird eiserne Disziplin nachgesagt. Sie hungern sich aber nicht nur durch reine Willenskraft herunter. Auch die Hirnchemie und das Darmmikrobiom ändern sich – mögliche Ansatzpunkte für die Therapie.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 25.02.2026  16:20 Uhr

Alternativen zur Psychotherapie gesucht

Daher sei Magersucht eine sich selbst erhaltene Erkrankung mit sehr hoher Rückfallrate. Die Hälfte der Betroffenen erleide innerhalb des ersten Jahres nach der Therapie einen Rückfall. »Wir brauchen alternative Ansätze zur Psychotherapie für einen nachhaltigen Erfolg«, forderte Friedrich im Hinblick auf die Anorexia nervosa.

Denn die hungerphysiologischen Änderungen halten sehr lange an, weshalb es so schwer falle, das wiedererreichte Gewicht nach Therapie zu halten. Das kennt man auch vom anderen Ende: Menschen mit Adipositas spüren oft kein Sättigungsgefühl mehr und erleben ebenfalls häufig Rezidive. Hier hat man mit den Inkretin-Mimetika Medikamente gefunden, die genau dort ansetzen. Denkbar ist bei Magersucht der umgekehrte Ansatz, zum Beispiel der Einsatz von Leptin, sagte Friedrich auf Nachfrage der Pharmazeutischen Zeitung. »Das können wir aber im Moment noch nicht in der Versorgung einsetzen.«

Darmbakterien beeinflussen Verhalten und Gefühle

Ein weiterer Ansatzpunkt sei das Darmmikrobiom. Studien hätten gezeigt, dass eine chronisch verminderte Nahrungsaufnahme die Zusammensetzung des Mikrobioms deutlich verändert. Tierversuche belegten, dass die Übertragung des Mikrobioms von Patientinnen mit Magersucht auf keimfreie Mäuse zu auffälligen Veränderungen führt – darunter erhöhtes Angstverhalten und eine geringere Gewichtszunahme. »Diese Ergebnisse legen nahe, dass Darmbakterien nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch Verhalten und Emotionen beeinflussen können und damit möglicherweise zur Aufrechterhaltung der Erkrankung beitragen«, erläuterte Friederich. Ein gezielter Einsatz bestimmter Probiotika oder gar eines Stuhltransfers ist aber noch weit von der klinischen Anwendung entfernt.

Bis dahin bleibt vor allem die Ernährungs- und Psychotherapie – diese sollte unbedingt auch das Umfeld, also in der Regel die Familie miteinbeziehen. Wichtig ist Friedrich, hierbei von Schuldzuweisungen abzusehen. »Eltern haben oft hohe Schuldgefühle, wenn ihre Kinder Magersucht entwickeln, aber es gibt keine bestimmten Beziehungskonstellationen, es gibt nicht DIE Anorexie-Familie, auch wenn es Risikofaktoren gibt.« Dazu zählen physische und psychische Gewalt, aber mitunter auch die Genetik, wie man aus Zwillingsstudien weiß. Menschen, die von Natur aus eher zu einem niedrigeren Gewicht neigen, hätten ein erhöhtes Risiko.

Essstörungen seien schwere Erkrankungen und keine Frage von Essgewohnheiten oder persönlichem Versagen. »Wir müssen Magersucht ganzheitlich betrachten. Neben psychischen Aspekten müssen auch biochemische und metabolische Prozesse stärker in Diagnostik und Therapie einbezogen werden«, so Friederich. Neben Psychotherapie könnten gezielte Ernährungsprogramme, hormonelle Behandlungen oder mikrobiombasierte Ansätze in Zukunft eine größere Rolle spielen.

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