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Meropenem-Vaborbactam
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Neues Reserve-Antibiotikum im Handel

Das neue Antibiotikum Vaborem® ist gar nicht so neu: Die Zulassung hatte es bereits im November 2018 bekommen, verfügbar ist es nun gut sechs Jahre später. Das Medikament beinhaltet das bekannte Carbapenem Meropenem und den neuen Betalactamase-Inhibitor Vaborbactam.
AutorKontaktBrigitte M. Gensthaler
Datum 05.12.2024  16:20 Uhr

Jede Durchstechflasche Vaborem® (1 g/1 g Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Berlin-Chemie) enthält 1 g Meropenem und 1 g Vaborbactam als Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung. Nach der Rekonstitution enthält 1 ml Lösung 50 mg Meropenem und 50 mg Vaborbactam.

Das Antibiotikum ist indiziert bei Erwachsenen mit komplizierten Harnwegs- und Niereninfektionen, komplizierten intraabdominellen Infektionen, bei Krankenhaus-assoziierter (nosokomialer) Pneumonie und Beatmungspneumonie sowie zur Behandlung von Patienten mit Bakteriämie im Zusammenhang mit einer dieser Infektionen. Zudem kann es eingesetzt werden bei Infektionen durch aerobe gramnegative Bakterien bei Erwachsenen, wenn die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Das Reserve-Antibiotikum wird alle acht Stunden gegeben, jeweils 2 g Meropenem und 2 g Vaborbactam, als dreistündige intravenöse Infusion. Die Behandlungsdauer richtet sich nach der Art der Infektion (ohne Bakteriämie fünf bis 14 Tage, ansonsten länger). Bei Patienten mit einer Kreatinin-Clearance unter 40 ml/min wird die Dosis reduziert. Da die Arzneistoffe durch Hämodialyse entfernt werden, wird die Infusion nach einer Dialysebehandlung gegeben . Bei eingeschränkter Leberfunktion und älteren Menschen ist keine Dosisanpassung nötig.

Kontraindiziert ist das Medikament bei einer Überempfindlichkeit gegen jegliche Carbapenem-Antibiotika und bei schwerer Überempfindlichkeit gegen andere Betalactam-Antibiotika, zum Beispiel Penicilline, Cephalosporine oder Monobactame.

Boratom als Angriffspunkt für Betalactamasen

Meropenem gehört zur Gruppe der Carbapeneme und wirkt bakterizid, indem es den Aufbau der Peptidoglykan-Zellwandsynthese der Bakterien hemmt.

Vaborbactam ist ein Betalactamase-Inhibitor aus der Gruppe der Boronate, bei denen ein Boratom zyklisch gebunden ist und eine OH-Gruppe trägt. Das Boratom wird von der Serin-Hydroxylgruppe der Betalactamasen angegriffen. Es entsteht ein kovalentes Addukt, wodurch die Lactamasen gehemmt werden. Der Inhibitor ist gegenüber der durch Betalactamasen vermittelten Hydrolyse stabil.

Vaborbactam hemmt Serin-Betalactamasen der Klassen A und C, einschließlich der Klebsiella-pneumoniae-Carbapenemase (KPC), aber weder Enzyme der Klasse B (Metallo-Betalactamasen) noch Carbapenemasen der Klasse D. Es wirkt selbst nicht antibakteriell, sondern schützt das Antibiotikum vor der Inaktivierung durch Betalactamasen.

In klinischen Studien wurde eine Wirksamkeit gegen gramnegative Keime wie Escherichia coli, Klebsiella pneumoniae und Enterobacter cloacae species nachgewiesen. Pseudomonaden und grampositive Bakterien werden nicht eradiziert.

In Studien nicht unterlegen

Die Kombination war in mehreren Studien der jeweiligen antibiotischen Vergleichstherapie ebenbürtig.

So wurden in der 2018 veröffentlichten Phase-III-Studie TANGO-1 Sicherheit und Wirksamkeit von Meropenem-Vaborbactam gegenüber Piperacillin-Tazobactam bei 545 Erwachsenen mit komplizierten Harnwegsinfektionen einschließlich Pyelonephritis verglichen. Sowohl bei der Heilungsrate als auch der mikrobiellen Eradikation war die neue Kombination dem etablierten Schema nicht unterlegen. Nebenwirkungen waren ähnlich häufig (39,0 versus 35,5 Prozent).

In die Phase-III-Studie TANGO-2 wurden 77 Patienten mit einer Infektion mit Carbapenem-resistenten Enterobacteriaceae (CRE), 44 davon mit bestätigter CRE, eingeschlossen. Sie erhielten Meropenem-Vaborbactam oder die beste verfügbare Medikation, darunter Mono- und Kombinationstherapien mit Polymyxinen, Carbapenemen, Aminoglykosiden, Tigecyclin oder Ceftazidim-Avibactam. Der Neuling erhöhte die Heilungsraten deutlich und verringerte die Sterblichkeit bei geringerer Nephrotoxizität.

In einer 2020 publizierten Kohortenstudie erhielten 131 Patienten mit CRE, von denen 40 Prozent eine Bakteriämie hatten, entweder Ceftazidim-Avibactam oder Meropenem-Vaborbactam. Es gab keine signifikanten Unterschiede in der klinischen Erfolgsrate sowie in der 30- und 90-Tage-Mortalität, obwohl die Ceftazidim-Avibactam-Kombination häufiger verabreicht wurde. Die Nebenwirkungsraten waren ähnlich.

Die bei den 322 Patienten aus den Phase-III-Studien am häufigsten berichteten Nebenwirkungen waren Kopfschmerzen, Durchfall, Venenentzündung (Phlebitis) an der Infusionsstelle und Übelkeit. Schwere Nebenwirkungen wurden bei drei Patienten beobachtet: Reaktionen im Zusammenhang mit einer Infusion sowie ein Fall erhöhter alkalischer Phosphatase im Blut .

CYP-Interaktionen möglich

 Vaborem kann CYP3A4 und möglicherweise andere PXR-regulierte Enzyme und Transporter induzieren. In der Folge könnte die Wirksamkeit von Arzneistoffen abnehmen, die überwiegend durch CYP1A2 (Beispiel Theophyllin), CYP3A4 (Beispiele Alprazolam, Midazolam, Tacrolimus, Sirolimus, Ciclosporin, Simvastatin, Omeprazol, Nifedipin, Chinidin, Ethinylestradiol) und/oder CYP2C (Beispiele Warfarin, Phenytoin) metabolisiert und/oder die von P-gp transportiert werden (wie Dabigatran, Digoxin). Patienten, die solche Arzneimittel einnehmen, sollten überwacht werden, ob die therapeutische Wirksamkeit nachlässt.

Die gleichzeitige Anwendung von Probenecid und Vaborem wird nicht empfohlen, da die Plasmakonzentrationen von Meropenem und Vaborbactam (beide sind Substrate von OAT3) ansteigen können.

Die gleichzeitige Anwendung von Meropenem und Valproinsäure kann die Konzentration des Antikonvulsivums und damit die Anfallskontrolle verringern.

Verhütung und Schwangerschaft

Ferner kann Vaborem die Wirksamkeit von Estrogen- und/oder Progesteron-haltigen Kontrazeptiva verringern. Frauen im gebärfähigen Alter sollten deshalb während der Behandlung und für 28 Tage danach andere Verhütungsmethoden anwenden.

Eine Anwendung des Antibiotikums während der Schwangerschaft ist vorsichtshalber zu vermeiden. Ist sie während der Stillphase nötig, müssen die Frauen das Stillen unterbrechen, um ein potenzielles Risiko für das Kind auszuschließen.

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