| Annette Rößler |
| 07.08.2026 07:00 Uhr |
Infolge der zentral dämpfenden Wirkung des GABAA-Modulators sind Somnolenz, Schwindel und Sedierung die häufigsten Nebenwirkungen von Zuranolon. Auch Verwirrtheit kommt häufig vor und kann schwerwiegend sein. All dies schränkt die Fähigkeit zum Führen eines Fahrzeugs oder zum Bedienen von Maschinen ein, unter Umständen auch ohne dass die betroffene Frau das bemerkt. Patientinnen müssen deshalb darauf hingewiesen werden, dass sie mindestens zwölf Stunden nach der Einnahme jeder Zuranolon-Dosis keine potenziell gefährlichen Tätigkeiten ausüben dürfen.
Alkohol und andere ZNS-dämpfende Wirkstoffe sind unter der Anwendung von Zuranolon zu meiden.
Ausschlaggebend für die Zulassung waren die Ergebnisse der Studie SKYLARK (217-PPD-301, NCT04442503), an der 195 Frauen mit PPD teilnahmen. Die Patientinnen wurden im Verhältnis 1:1 auf eine 14-tägige Therapie mit Zuranolon oder Placebo randomisiert. Anschließend wurden sie vier Wochen lang nachbeobachtet.
Bei Einschluss in die Studie mussten die Patientinnen einen Wert von ≥ 26 auf der 17 Items umfassenden Hamilton Depression Rating Scale (HAMD-17) aufweisen, was einem schweren depressiven Syndrom entspricht. Zudem mussten sie die DSM-5-Kriterien für eine schwere depressive Episode erfüllen. Der primäre Endpunkt war die Veränderung der depressiven Symptomatik gegenüber dem Ausgangswert an Tag 15, gemessen anhand des HAMD-17-Gesamtscores.
Zuranolon war Placebo signifikant überlegen: Im Verumarm reduzierte sich der HAMD-17-Gesamtscore im Mittel um 15,6 Punkte, im Placeboarm nur um 11,6 Punkte (Differenz: 4,0 Punkte). Als sekundäre Endpunkte wurden die Veränderungen im HAMD-17-Gesamtscore an den Tagen 3, 28 und 45 erhoben. Auch hier zeigte sich eine statistisch signifikante Überlegenheit für Zuranolon – ein Zeichen für einen schnell einsetzenden und anhaltenden Effekt. Die entsprechenden Ergebnisse lauteten –9,5 versus –6,1 Punkte (Tag 3), –16,3 versus –13,4 Punkte (Tag 28) und –17,9 versus –14,4 Punkte (Tag 45).
Mit Zuranolon betritt ein Wirkstoff die Bühne, der in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Nicht, weil er das Rad der Antidepressiva neu erfindet, sondern weil er eine therapeutische Lücke adressiert, die bislang nur unzureichend geschlossen war: die Behandlung der postpartalen Depression (PPD) mit einer kurzzeitigen oralen Therapie. Die vorläufige Bewertung lautet daher: Sprunginnovation.
Pharmakologisch handelt es sich um einen neuroaktiven Steroidwirkstoff, der als positiver allosterischer Modulator am GABAA-Rezeptor wirkt. Der Ansatz knüpft an die Beobachtung an, dass Schwankungen neuroaktiver Steroide – insbesondere von Allopregnanolon – nach der Geburt zur Entstehung einer PPD beitragen können. Zuranolon imitiert die Wirkung von Allopregnanolon, ist jedoch oral verfügbar und damit deutlich einfacher anzuwenden als das intravenös zu verabreichende Brexanolon, das in den USA schon vor Zuranolon auf dem Markt war.
In der Zulassungsstudie erreichte Zuranolon den primären Endpunkt, nämlich eine signifikante mittlere Reduktion am 15. Tag gegenüber dem Ausgangswert im HAMD-17-Gesamtscore im Vergleich zu Placebo. Hervorzuheben ist vor allem der frühe Wirkungseintritt innerhalb weniger Tage. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Behandlungseffekt über mehrere Wochen anhalten kann, obwohl die Therapie bereits beendet ist.
Alle Fragen sind im Zusammenhang mit Zuranolon noch nicht geklärt. Beispielsweise hat die Zulassungsstudie keine Langzeitdaten erhoben, sodass unklar ist, ob die erzielte Besserung langfristig anhält oder ob depressive Symptome nach einiger Zeit erneut auftreten können. Ferner wurden in die Studie ausschließlich Frauen mit schwerer postpartaler Depression eingeschlossen. Die Zulassung umfasst hingegen allgemein die Behandlung der postpartalen Depression, ohne eine Einschränkung hinsichtlich des Schweregrades. Inwieweit sich die Studienergebnisse auf Patientinnen mit leichter oder mittelschwerer Symptomatik übertragen lassen, ist also ungewiss.
Summa summarum ist Zuranolon eine vielversprechende neue Therapieoption, insbesondere aufgrund der einfachen oralen Anwendung und des schnellen Wirkungseintritts. Der Arzneistoff ist aber auch kein Wundermittel. Sedierung, Schwindel und Somnolenz zählen zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen, weshalb während der Behandlung Einschränkungen etwa beim Autofahren zu beachten sind. Auch auf das Stillen sollten Frauen unter Zuranolon verzichten. Es bleibt abzuwarten, wie sich Wirksamkeit und Sicherheit im Versorgungsalltag darstellen.
Sven Siebenand, Chefredakteur