| Annette Rößler |
| 07.08.2026 07:00 Uhr |
Frauen mit postpartaler Depression fällt es schwer, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Das kann sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken. / © Shutterstock/Alberto_Rodriguez
Eine Wochenbettdepression oder auch postpartale Depression (PPD) ist eine der häufigsten Komplikationen rund um die Schwangerschaft. Bis zu 20 Prozent der Frauen leiden nach der Entbindung unter depressiven Symptomen. Dies hat für Mutter und Kind negative Auswirkungen: Betroffene Mütter beginnen seltener zu stillen und sind weniger dazu in der Lage, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Eine PPD kann mit Suizidalität einhergehen: Suizid ist mit etwa 20 Prozent die häufigste Todesursache bei Frauen nach der Entbindung.
Bislang wird eine PPD meist mit Standard-Antidepressiva behandelt. Die wochenlangen Latenzzeiten bis zum Wirkeintritt sind angesichts der möglichen negativen Folgen einer PPD auch für das Kind jedoch besonders ungünstig.
Zuranolon (Zurzuvae™ 20 mg, 25 mg und 30 mg Hartkapseln, Biogen) ist eine neue Therapieoption bei PPD. Das Target ist ein anderes als bei herkömmlichen Antidepressiva, nämlich der GABAA-Rezeptor. Hintergrund ist, dass an der Entstehung der PPD wahrscheinlich hormonelle Veränderungen ursächlich beteiligt sind. So wird der abrupte Abfall des Allopregnanolon-Spiegels nach der Entbindung als Auslöser für PPD diskutiert.
Allopregnanolon ist ein Metabolit des Progesterons. Das neuroaktive Steroid wirkt als allosterischer Modulator an GABAA-Rezeptoren. Während der Schwangerschaft steigt der Allopregnanolon-Spiegel stetig an und erreicht im dritten Trimester Spitzenwerte, die nach der Entbindung steil abfallen. Zuranolon ahmt die Wirkung von Allopregnanolon an GABAA-Rezeptoren nach und verstärkt die GABAerge Hemmung.
Eine Therapie mit Zuranolon dauert 14 Tage. Die empfohlene Dosis beträgt 50 mg einmal täglich, also zwei Kapseln à 25 mg, die abends unzerkaut zu einer fettreichen Mahlzeit eingenommen werden. Die beiden anderen Stärken sind für folgende Behandlungssituationen bestimmt: 40 mg (zwei 20-mg-Kapseln) werden empfohlen, wenn die Frau die 50-mg-Dosis nicht verträgt; auf 30 mg (eine 30-mg-Kapsel) soll die Tagesdosis gesenkt werden, wenn die Nierenfunktion mäßig bis stark oder die Leberfunktion stark eingeschränkt sind sowie bei gleichzeitiger Anwendung von starken CYP3A4-Inhibitoren. Grapefruit-haltige Lebensmittel und Getränke dürfen unter einer Zuranolon-Therapie nicht verzehrt beziehungsweise getrunken werden.
Apropos CYP3A4: Über dieses Enzym wird Zuranolon hauptsächlich abgebaut. Daher muss die gleichzeitige Anwendung mit CYP3A4-Induktoren vermieden werden.
Zuranolon ist in der Schwangerschaft kontraindiziert. Patientinnen müssen während der Anwendung und für sieben Tage nach dem Absetzen zuverlässig verhüten. Das Stillen soll während der Therapie mit Zuranolon unterbrochen werden, es sei denn, der Nutzen des Stillens überwiegt nach Einschätzung des Arztes die möglichen Risiken für das Kind.
Infolge der zentral dämpfenden Wirkung des GABAA-Modulators sind Somnolenz, Schwindel und Sedierung die häufigsten Nebenwirkungen von Zuranolon. Auch Verwirrtheit kommt häufig vor und kann schwerwiegend sein. All dies schränkt die Fähigkeit zum Führen eines Fahrzeugs oder zum Bedienen von Maschinen ein, unter Umständen auch ohne dass die betroffene Frau das bemerkt. Patientinnen müssen deshalb darauf hingewiesen werden, dass sie mindestens zwölf Stunden nach der Einnahme jeder Zuranolon-Dosis keine potenziell gefährlichen Tätigkeiten ausüben dürfen.
Alkohol und andere ZNS-dämpfende Wirkstoffe sind unter der Anwendung von Zuranolon zu meiden.
Ausschlaggebend für die Zulassung waren die Ergebnisse der Studie SKYLARK (217-PPD-301, NCT04442503), an der 195 Frauen mit PPD teilnahmen. Die Patientinnen wurden im Verhältnis 1:1 auf eine 14-tägige Therapie mit Zuranolon oder Placebo randomisiert. Anschließend wurden sie vier Wochen lang nachbeobachtet.
Bei Einschluss in die Studie mussten die Patientinnen einen Wert von ≥ 26 auf der 17 Items umfassenden Hamilton Depression Rating Scale (HAMD-17) aufweisen, was einem schweren depressiven Syndrom entspricht. Zudem mussten sie die DSM-5-Kriterien für eine schwere depressive Episode erfüllen. Der primäre Endpunkt war die Veränderung der depressiven Symptomatik gegenüber dem Ausgangswert an Tag 15, gemessen anhand des HAMD-17-Gesamtscores.
Zuranolon war Placebo signifikant überlegen: Im Verumarm reduzierte sich der HAMD-17-Gesamtscore im Mittel um 15,6 Punkte, im Placeboarm nur um 11,6 Punkte (Differenz: 4,0 Punkte). Als sekundäre Endpunkte wurden die Veränderungen im HAMD-17-Gesamtscore an den Tagen 3, 28 und 45 erhoben. Auch hier zeigte sich eine statistisch signifikante Überlegenheit für Zuranolon – ein Zeichen für einen schnell einsetzenden und anhaltenden Effekt. Die entsprechenden Ergebnisse lauteten –9,5 versus –6,1 Punkte (Tag 3), –16,3 versus –13,4 Punkte (Tag 28) und –17,9 versus –14,4 Punkte (Tag 45).
Mit Zuranolon betritt ein Wirkstoff die Bühne, der in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Nicht, weil er das Rad der Antidepressiva neu erfindet, sondern weil er eine therapeutische Lücke adressiert, die bislang nur unzureichend geschlossen war: die Behandlung der postpartalen Depression (PPD) mit einer kurzzeitigen oralen Therapie. Die vorläufige Bewertung lautet daher: Sprunginnovation.
Pharmakologisch handelt es sich um einen neuroaktiven Steroidwirkstoff, der als positiver allosterischer Modulator am GABAA-Rezeptor wirkt. Der Ansatz knüpft an die Beobachtung an, dass Schwankungen neuroaktiver Steroide – insbesondere von Allopregnanolon – nach der Geburt zur Entstehung einer PPD beitragen können. Zuranolon imitiert die Wirkung von Allopregnanolon, ist jedoch oral verfügbar und damit deutlich einfacher anzuwenden als das intravenös zu verabreichende Brexanolon, das in den USA schon vor Zuranolon auf dem Markt war.
In der Zulassungsstudie erreichte Zuranolon den primären Endpunkt, nämlich eine signifikante mittlere Reduktion am 15. Tag gegenüber dem Ausgangswert im HAMD-17-Gesamtscore im Vergleich zu Placebo. Hervorzuheben ist vor allem der frühe Wirkungseintritt innerhalb weniger Tage. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Behandlungseffekt über mehrere Wochen anhalten kann, obwohl die Therapie bereits beendet ist.
Alle Fragen sind im Zusammenhang mit Zuranolon noch nicht geklärt. Beispielsweise hat die Zulassungsstudie keine Langzeitdaten erhoben, sodass unklar ist, ob die erzielte Besserung langfristig anhält oder ob depressive Symptome nach einiger Zeit erneut auftreten können. Ferner wurden in die Studie ausschließlich Frauen mit schwerer postpartaler Depression eingeschlossen. Die Zulassung umfasst hingegen allgemein die Behandlung der postpartalen Depression, ohne eine Einschränkung hinsichtlich des Schweregrades. Inwieweit sich die Studienergebnisse auf Patientinnen mit leichter oder mittelschwerer Symptomatik übertragen lassen, ist also ungewiss.
Summa summarum ist Zuranolon eine vielversprechende neue Therapieoption, insbesondere aufgrund der einfachen oralen Anwendung und des schnellen Wirkungseintritts. Der Arzneistoff ist aber auch kein Wundermittel. Sedierung, Schwindel und Somnolenz zählen zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen, weshalb während der Behandlung Einschränkungen etwa beim Autofahren zu beachten sind. Auch auf das Stillen sollten Frauen unter Zuranolon verzichten. Es bleibt abzuwarten, wie sich Wirksamkeit und Sicherheit im Versorgungsalltag darstellen.
Sven Siebenand, Chefredakteur