| Kerstin A. Gräfe |
| 06.08.2026 07:00 Uhr |
Kinder mit CDKL5-Mangelerkrankung leiden unter häufigen schweren epileptischen Anfällen, die auf verfügbare Antiepileptika kaum ansprechen. Ganaxolon deckt somit einen hohen medizinischen Bedarf. / © Shutterstock/vasara
Die CDKL5-Mangelerkrankung (CDKL5 Deficiency Disorder, CDD) ist eine schwerwiegende und seltene genetische Störung, die durch eine Mutation des Gens der Cyclin-abhängigen Kinase-like 5 auf dem X-Chromosom verursacht wird. Gekennzeichnet ist sie durch früh einsetzende, schwer zu kontrollierende Anfälle und schwere neurologische Entwicklungsstörungen. Weltweit sind zwischen 1 von 40.000 und 1 von 60.000 Kindern betroffen.
Das neue Orphan Drug Ganaxolon (Ztalmy® 50 mg/ml Suspension zum Einnehmen, Immedica Pharma) ist zugelassen zur Zusatzbehandlung von epileptischen Anfällen im Zusammenhang mit einer CDD bei Patienten im Alter von zwei bis 17 Jahren. Die Anwendung kann im Erwachsenenalter fortgesetzt werden; ein Behandlungsbeginn bei Erwachsenen wird jedoch nicht empfohlen.
Ganaxolon ist ein neuroaktives Steroid, das γ-Aminobuttersäure Typ A-(GABAA-)Rezeptoren im ZNS positiv und allosterisch moduliert. Der genaue Mechanismus ist nicht bekannt. Vermutet wird, dass die krampflösende Wirkung auf einer positiven allosterischen Modulation der GABAA-Rezeptoren beruht.
Ztalmy wird dreimal täglich verabreicht und schrittweise titriert, um eine individuelle klinische Reaktion und Verträglichkeit zu erreichen. Es wird empfohlen, die Tagesgesamtdosis in drei gleichen Dosen über den Tag verteilt einzunehmen. Die empfohlene Höchstdosis bei Patienten mit einem Körpergewicht ≤ 28 kg beträgt 63 mg/kg/Tag. Bei Patienten mit einem Gewicht > 28 kg liegt die empfohlene Höchstdosis bei 1800 mg pro Tag. Bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung (Child-Pugh C) sollte die anfängliche Zieldosis ein Drittel der empfohlenen Zieldosis betragen.
Patienten müssen Ganaxolon zu oder kurz nach den Mahlzeiten einnehmen und sollten jede Dosis, wenn möglich, mit einer ähnlichen Art von Nahrung anwenden. Die Suspension darf vor der Einnahme nicht mit Nahrungsmitteln oder Getränken vermischt werden.
Sehr häufig zeigen sich unter Ganaxolon Somnolenz und Sedierung. Die gleichzeitige Anwendung anderer zentral dämpfender Substanzen wie Antiepileptika, Opioide und Antidepressiva sowie auch Alkohol kann diese Wirkungen verstärken. Auf Alkohol sollten die Patienten verzichten.
Unter Antiepileptika zeigte sich in Studien ein geringfügig erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten und Suizidgedanken. Ein solches kann auch für Ganaxolon nicht ausgeschlossen werden. Betreuungspersonen sollten auf Anzeichen achten und bei entsprechenden Symptomen ärztlichen Rat einholen.
Die gleichzeitige Anwendung starker CYP3A4-Induktoren sollte vermieden werden, da sie die Ganaxolon-Exposition herabsetzen kann.
Ganaxolon besitzt ein Missbrauchspotenzial. Zudem deuten tierexperimentelle Studien darauf hin, dass ein abruptes Absetzen zu Entzugserscheinungen führen kann. Die Dosis sollte daher schrittweise verringert werden, es sei denn, die Symptome erfordern ein sofortiges Absetzen.
Schwangeren und Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird Ganaxolon nicht empfohlen. Bei Stillenden ist zu entscheiden, ob auf das Stillen oder auf Ganaxolon verzichtet wird.
Die Zulassung basiert auf der randomisierten, doppelblinden Phase-III-Studie MARIGOLD mit 101 Patienten im Alter von zwei bis 19 Jahren. Die Teilnehmenden litten an Anfällen, die trotz mindestens zweier zuvor eingesetzter Antiepileptika nicht ausreichend kontrolliert werden konnten. Sie erhielten als Zusatztherapie entweder Ganaxolon oder Placebo. Der primäre Endpunkt war die prozentuale Veränderung der Häufigkeit schwerer motorischer Anfälle innerhalb von 28 Tagen während der 17-wöchigen doppelblinden Behandlungsphase.
Am Ende der 13-wöchigen Erhaltungsphase zeigte sich unter Ganaxolon gegenüber Placebo ein statistisch signifikanter Vorteil: Im Durchschnitt verringerte sich die monatliche Anzahl schwerer Anfälle unter Ganaxolon um 29 Prozent und unter Placebo um 6 Prozent.
Die häufigsten Nebenwirkungen waren Somnolenz, Fieber, Speichelhypersekretion und saisonale Allergie.
88 Patienten der MARIGOLD-Studie nahmen an einer offenen Verlängerungsphase teil und erhielten bis zu 4,25 Jahre lang Ganaxolon. Insgesamt brachen 63,6 Prozent der Patienten die Studienteilnahme während dieser Phase ab. Als wesentliche Gründe galten mangelnde Wirksamkeit und unerwünschte Ereignisse.
Mit Ganaxolon steht erstmals ein Neurosteroid zur Verfügung, das gezielt für epileptische Anfälle im Rahmen der CDKL5-Defizienzstörung (CDD) zugelassen wurde. Die seltene genetische Entwicklungs- und Epilepsieerkrankung ist therapeutisch besonders herausfordernd, da die Anfälle häufig schon im Säuglingsalter auftreten und auf verfügbare Antiepileptika nur unzureichend ansprechen. Die europäische Zulassung als Zusatztherapie für Kinder ab zwei Jahren adressiert damit einen erheblichen ungedeckten medizinischen Bedarf. Die vorläufige Bewertung lautet schon aufgrund dieser Tatsache Sprunginnovation.
Die klinischen Daten sind für eine Orphan-Disease-Indikation durchaus überzeugend, auch wenn sie auf einer kleinen Patientenzahl beruhen. In der zulassungsrelevanten Studie verringerte sich unter der Add-on-Gabe von Ganaxolon die monatliche Anzahl schwerer Anfälle um 29 Prozent, unter Placebo um 6 Prozent – ein signifikanter Unterschied. Allerdings bleibt die Evidenz aufgrund der Seltenheit der Erkrankung begrenzt.
In einem 2025 in »Pediatric Drugs« erschienenen Review konnte gezeigt werden, dass die in der Zulassungsstudie kurzfristig erzielte antiepileptische Wirksamkeit im Allgemeinen auch langfristig (zwei Jahre) erhalten blieb. Zudem zeigte sich bei mindestens einem Viertel der Patienten nach etwa zwei Jahren Behandlung eine deutliche oder sehr deutliche Verbesserung. Weitere langfristige Daten, unter anderem zur Lebensqualität, bleiben abzuwarten.
Sven Siebenand, Chefredakteur