Bei eisiger Kälte versorgt die Hilfsorganisation action medeor die Menschen in den zerstörten Dörfern nahe der Front im Winter 2025/2026 mit Medikamenten, Generatoren und Öfen. / © action medeor
Auch vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine ist der Krieg für Millionen Menschen weiterhin bittere Realität. 2025 verzeichnete das ukrainische Gesundheitswesen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) die größte Anzahl an Angriffen seit Beginn des Angriffskrieges – im Vergleich zum Vorjahr seien diese um fast 20 Prozent angestiegen.
Allein im dritten Quartal des vergangenen Jahres habe es laut WHO 184 Angriffe auf medizinische Einrichtungen gegeben, wobei zwölf Menschen getötet und 110 verletzt wurden. Zugleich verdreifachte sich 2025 demnach die Zahl der Angriffe auf Medikamentenlager in der Ukraine.
Der Bedarf an Gesundheitsversorgung in der Ukraine sei hoch, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. »Doch viele Menschen können die benötigte Behandlung nicht bekommen, unter anderem weil Krankenhäuser und Kliniken regelmäßig angegriffen werden.« Letztendlich sei »Frieden die beste Medizin.«
Das ukrainische Gesundheitswesen stehe auch durch Angriffe auf die zivile Infrastruktur unter Druck, beispielsweise auf das Energienetz, die diesen Winter zu dem kältesten und dunkelsten seit Kriegsbeginn machten. Nicht nur hinterließen diese Attacken laut WHO viele Krankenhäuser ohne Strom, Wasser und Wärme, auch müssten beispielsweise Mütter kurz nach der Entbindung mit ihren Babys oder Patientinnen und Patienten nach Operationen in ihre Wohnungen ohne funktionierende Heizung und fließendes Wasser zurückkehren. Ebenfalls kritisch sei der Zugang zu Medikamenten in der Ukraine, heißt es in der WHO-Meldung. Demnach berichteten vier von fünf Personen von Schwierigkeiten, die benötigten Arzneimittel zu bekommen.
Europas größtes Medikamentenhilfswerk action medeor warnt aktuell vor nachlassender Solidarität. »Die Not der Menschen in der Ukraine ist im vierten Kriegswinter, dem kältesten seit Jahren, größer denn je«, sagte Markus Bremers, Pressesprecher von action medeor.
Trotz vorhandener großer Unterstützung für die Nothilfe in der Ukraine könnten mit den aktuell vorhandenen Mitteln viele der Projekte trotzdem nur noch bis zum Jahresende finanziert werden – danach seien die Budgets erschöpft, gab Bremers zu bedenken, der selbst vor wenigen Wochen noch in der Ukraine war, um sich ein Bild von der Lage zu machen. »Ich habe gesehen, dass Unterstützung dort dringend benötigt wird, deshalb rufen wir in diesen Tagen nochmal deutlich zu Spenden für die Menschen in der Ukraine auf, damit die Hilfe weitergehen kann.«
Für die »Notapotheke der Welt«, wie action medeor auch genannt wird, sei der Hilfseinsatz für die Ukraine der größte, den das Hilfswerk in seinen mehr als 60 Jahren je erlebt habe. Seit Februar 2022 habe das Hilfswerk rund 1.140 Tonnen medizinischer Hilfsgüter im Wert von rund 22 Millionen Euro an rund 190 Krankenhäuser in das ganze Land geliefert. Im Süden der Ukraine habe die Hilfsorganisation zusammen mit lokalen Partnern außerdem eigene Verteilsysteme für Medikamente aufgebaut.
»In den Regionen Odessa, Mykolajiw und Cherson geben wir Medikamente kostenfrei an Bedürftige aus. Dazu besuchen wir mit mobilen Apotheken, Labors und Kliniken auch die Menschen in den frontnahen Dörfern, wo es keinerlei Infrastruktur mehr gibt«, berichtete Bremers.