| Jennifer Evans |
| 07.05.2026 09:00 Uhr |
Gruppenverhalten auf dem Prüfstand: Nur wer motiviert ist, strengt sich laut einer Studie für andere an – Eigeninteresse reicht dagegen nicht aus. / © Getty Images/Rawpixel
Nicht Eigennutz, sondern schwindende Motivation bringt Gruppen dazu, sich im Laufe der Zeit weniger kooperativ zu verhalten. Erinnert man die Menschen jedoch an ihre Verantwortung oder die Vorteile gemeinsamer Anstrengung, steigt ihre Kooperationsbereitschaft wieder – zumindest kurzfristig.
Das hat eine Untersuchung um den Hauptautor Dr. Nicholas Sabin, Außerordentlicher Professor für Verhaltenswissenschaften an der Universität Santiago de Chile, ergeben. In die im Fachjournal »Nature« erschienene Studie sind Daten von mehr als 7000 Personen eingeflossen.
Die Forschenden analysierten fünf Jahre lang Kleingruppen in Sierra Leone. Die Teilnehmenden nahmen gemeinsam Mikrokredite auf, die sie nicht anteilig, sondern kollektiv zurückzahlen mussten. Von Rate zu Rate ließ aber der Teamgeist nach – selbst in Gruppen, die anfangs hoch motiviert waren.
Erhielten die Gruppen jedoch zum Jahresbeginn einen neuen Kredit und im Zuge dessen eine frische Erinnerung an Regeln und Verantwortung, stieg die Kooperation sprunghaft an. Allerdings war der Schub nur von kurzer Dauer – anschließend fiel die Motivation noch stärker ab als im Vorjahr.
Schuld am fehlenden Antrieb ist demnach weniger Kalkül als viel mehr Ermüdung. Für langfristige Zusammenarbeit, so das Fazit, ist es daher nötig, die Motivation stetig aufrecht und den nötigen Aufwand möglichst gering zu halten.
Simon Gächter, Professor für Psychologie ökonomischer Entscheidungen an der Universität Nottingham, weist auf den Aspekt der sogenannten bedingten Kooperation hin. Dabei zeigten die meisten Menschen ein bestimmtes Verhalten, wenn es andere auch tun. Seiner Ansicht nach ist es sehr schwer, Kooperation dauerhaft aufrechtzuerhalten, wenn keine Bestrafung oder Anreize möglich sind, wie er gegenüber dem »Science Media Center« betonte.
Dr. Nils Hönow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Essener RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, hält als Motivation »dezentralisierte, selbst organisierte Lösungen« für erfolgreicher als eine Regulierung von oben herab.
Als »bemerkenswert und zugleich hoffnungsvoll« bewertet Andreas Glöckner, Professor für Sozialpsychologie am Social Cognition Center Cologne, dass die Zusammenarbeit in vielen Gruppen trotz widriger Umstände erstaunlich lange stabil bleibe.