| Theo Dingermann |
| 13.10.2026 10:15 Uhr |
Das Ergebnis überraschte selbst die Wissenschaftler: Bei 52 der 90 untersuchten Laborparameter zeigten sich signifikante, sprunghafte Veränderungen rund um die Menopause, dem Zeitpunkt der letzten spontanen Regelblutung im Leben einer Frau. Die Forschenden sprechen von einem physiologischen Abgrund (physiological cliff). / © Getty Images/mapodile
Bislang wurde die Menopause überwiegend als kontinuierlicher Prozess betrachtet, bei dem die ovarielle Hormonproduktion über mehrere Jahre zurückgeht und sich der Organismus schrittweise an die veränderten endokrinen Bedingungen anpasst. Diese Vorstellung beruhte insbesondere auf prospektiven Untersuchungen wie der amerikanischen SWAN-Studie (Study of Women’s Health Across the Nation).
Jetzt zeichnet eine groß angelegte Studie des Weizmann Institute of Science in Israel, die in der Fachzeitschrift »Nature Medicine« veröffentlicht wurde, ein anderes Bild. Ein Team der Molekularbiologie um Dr. Glen Pridham wählte einen anderen, eher ungewöhnlichen methodischen Ansatz. Es kombinierte Daten der amerikanischen Gesundheitsstudie NHANES aus den Jahren 1999 bis 2022 mit elektronischen Gesundheitsdaten der israelischen Krankenkasse Clalit aus den Jahren 2004 bis 2024.
Insgesamt standen Informationen von mehr als einer Million Frauen sowie über 300 Millionen Laboruntersuchungen zur Verfügung. Untersucht wurden 90 verschiedene Laborparameter aus zahlreichen physiologischen Systemen.
Besonders aufschlussreich ist die zeitliche Rekonstruktion der hormonellen Veränderungen vor der Menopause. Während frühere Untersuchungen wesentliche Veränderungen der Sexualhormone vor allem innerhalb der letzten drei bis sieben Jahre vor der Menopause beschrieben hatten, zeigten die Ergebnisse dieser Studie deutlich frühere Veränderungen.
Die Konzentration des Anti-Müller-Hormons (AMH), eines Markers der ovariellen Reserve, begann bereits etwa 15 Jahre vor der letzten Menstruation beschleunigt abzunehmen. Der Anstieg des follikelstimulierenden Hormons (FSH) setzte ungefähr 14 Jahre vorher ein, während Estradiol (E2) etwa zwölf Jahre vor der Menopause einen beschleunigten Rückgang zeigte. Diese Ergebnisse legen nahe, dass der hormonelle Umbau des weiblichen Organismus wesentlich früher beginnt als bislang angenommen. Eine menopausale Hormontherapie scheint viele der beobachteten Veränderungen deutlich abzuschwächen.
Eine besondere Herausforderung bestand darin, dass das Alter bei Eintritt der Menopause individuell erheblich variiert. Werden Laborwerte ausschließlich dem chronologischen Lebensalter zugeordnet, verschwimmen mögliche Veränderungen rund um die letzte Menstruation. Um diesen Effekt zu korrigieren, entwickelten die Forschenden ein mathematisches Verfahren namens »YoGlen«, das auf einer sogenannten Dekonvolution beruht. Die Methode ermöglicht es, durchschnittliche Biomarkerverläufe relativ zum Zeitpunkt der letzten Menstruation darzustellen, ohne diesen Zeitpunkt für jede einzelne Frau exakt kennen zu müssen.