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Arzneimittelforschung

»Mehr vertrauen und zusammenarbeiten«

Um die Entwicklung innovativer Arzneimittel in Deutschland zu fördern, benötigt es attraktive Rahmenbedingungen für akademische und private Forschungsunternehmen. Beide Institutionen müssten enger zusammenarbeiten, sind sich Experten einig, die beim Jahreskongress von House of Pharma bei einer Podiumsdiskussion zusammentrafen.
Laura Rudolph
09.09.2022  08:00 Uhr

Bei den innovativen Arzneimitteln sind vor allem Gen- und Zelltherapien stark im Kommen. »2012 wurde das erste Gentherapeutikum in der EU zugelassen – damals noch in Europa entwickelt«, erkärte Dr. Martina Schüßler-Lenz, Vorsitzende des Ausschusses für neuartige Therapien der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), bei einer Podiumsdiskussion am gestrigen Dienstag beim Jahreskongress von House of Pharma in Frankfurt am Main. Seit 2018 seien zwölf Gen-und Zelltherapeutika zugelassen worden. »In dieser Arzneimittelgruppe steckt der meiste Research«, erklärte Schüßler-Lenz. Diese zwölf, seien es Car-T-Zelltherapien oder das erste Gentherapeutikum für die Indikation Hämophilie A, welches im August dieses Jahres zugelassen wurde, kommen alle aus den USA. »Wir sehen, dass dort in den großen Forschungszentren die Translation in die erste klinische Prüfung stattfindet. Nach Europa kommen die Präparate dann häufig erst in den fortgeschrittenen klinischen Entwicklungsphasen«, sagte Schüßler-Lenz.

Das Paul-Ehrlich-Institut, das hierzulande die Zulassungsbehörde für Arzneimittel für neuartige Therapien darstellt, sei zwar eines der gesuchtesten Berater für die Arzneistoffentwicklung – doch nur 10 Prozent der Studien zu Car-T-Zell würden tatsächlich in Europa durchgeführt, verdeutlichte Schüßler-Lenz.

Eine Problematik: Die Phase der Translation sei in Deutschland sehr komplex, unter anderem wegen vielen verschiedenen Zuständigkeiten. Über die Herstellungserlaubnis entscheidet beispielsweise das Land, für klinische Prüfungen sind jedoch Genehmigungen der zuständigen Bundesoberbehörden einzuholen.

USA als Vorreiter in interdisziplinärer Zusammenarbeit

Professor Dr. Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin, warf ein, dass es in Deutschland eine stärkere Zusammenarbeit zwischen akademischen und industriellen Forschenden geben müsse, um die Entwicklung innovativer Arzneien voranzutreiben. »Die Carité hat unendlich viele Industriekontakte. Jedoch enden gemeinsame Projekte in der Regel nach ein bis zwei Jahren«, erklärte Kroemer. In den USA sei die strukturelle Vernetzung zwischen Akademikern und Menschen, die in der Industrie forschen, dauerhafter – und erfolgreicher.

Dem stimmte Professor Dr. Jochen Maas, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH und Vizepräsident von House of Pharma, zu: »Am Ende der akademischen Forschung steht ein Erkenntnisgewinn, der etwa als Paper veröffentlicht wird. Dieser Erkenntnisgewinn alleine nutzt dem Patienten relativ wenig – es muss auch ein Produkt bei ihm ankommen.«

Auch er halte die Zusammenarbeit zwischen akademischen und industriellen Forschungseinrichtungen für gewinnbringend – für beide Seiten. Wenn es um Grundlagenforschung geht, um neue Ideen, seien tendenziell die Akadamikerinnen und Akademiker im Vorteil. Zur Umsetzung dieser Ideen in Arzneistoffe habe die Industrie im Bereich der Medizinischen Chemie wiederum Vorteile. »Wir brauchen gemeinsame Projekte – und zwar von der Idee bis zum Produkt«, resümierte Maas.

 

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