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Arzneimitteltherapie
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Mehr Hitze, mehr Nebenwirkungen

Deutschlands Sommer werden immer heißer. Das macht besonders älteren Menschen zu schaffen. Weil Hitze auch die Wirkung und Nebenwirkung von Arzneimitteln beeinflussen kann, sind Patienten aufzuklären und die Medikation anzupassen.
AutorKontaktJuliane Brüggen und Elke Wolf
Datum 27.07.2021  07:00 Uhr

Risikofaktor Wärme

Wie genau Hitze und Arzneimittel wechselwirken und was die Konsequenzen sind, beleuchtet Professor Dr. Bernard Kuch, Chefarzt und Direktor der vereinten kardiologischen und internistischen Klinik am Stiftungskrankenhaus Nördlingen, in einem Kapitel des im Juni 2021 erschienenen Versorgungs-Reports »Klima und Gesundheit« des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO). Personen, die ein höheres Lebensalter haben, an Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauf-Krankheiten leiden und eine Polymedikation erhalten, sind demnach während Hitzeperioden besonders gefährdet. Das seien 25 Prozent der AOK-Versicherten über 65 Jahre.

Die Patienten zu identifizieren und ihre Medikamenteneinnahme während der Hitzephasen zu überwachen, liege zwar in der Verantwortung der behandelnden Ärzte – besonders der Hausärzte. Dennoch seien auch andere Gesundheitsberufe bei Hitzeperioden aufgefordert, die sonst übliche Medikamentenration kritisch zu hinterfragen.

Laut Kuch gibt es zwei mögliche Wechselwirkungen: Zum einen komme es vor, dass Arzneistoffe aufgrund einer verminderten Nierenleistung relativ überdosiert oder Stoffe durch Hitze in ihrer Wirkung verstärkt werden. Das könne Herz-Kreislauf-Notfälle wie Hochdruckkrisen oder Blutdruckabfälle verursachen. Zum anderen könnten hitzebedingte Anpassungsmechanismen des Körpers das Nebenwirkungspotenzial bestimmter Arzneistoffe erhöhen.

Besonders Arzneimittel mit anticholinerger Wirkung sind laut Kuch ein Risiko bei Hitze, da sie die zentrale Temperaturregulierung hemmen. Dadurch werde der wichtige Ausgleichsmechanismus des Schwitzens unterdrückt, was Blutdruckabfälle, aber auch Blutdruckkrisen auslösen könne. »Diese anticholinerge Wirkung ist in vielen Arzneimitteln mit einem breiten Indikationsspektrum enthalten, an die man a priori nicht so schnell denkt«, warnt der Mediziner.

Zu den anticholinerg wirksamen Arzneimitteln gehören unter anderem:

  • Benzodiazepine
  • Promethazin
  • trizyklische Antidepressiva
  • Ipratropiumbromid, Tiotropiumbromid (inhalativ bei COPD)
  • Trospiumchlorid
  • Biperiden, Oxybutinin
  • Butylscopolamin
  • Scopolamin
  • Dimenhydrinat
  • H 1 -Antihistaminika (vor allem der ersten Generation)

Zudem sei bei kardiovaskulär wirkenden Arzneistoffen wie Betablockern, ACE-Hemmern, Sartanen, Diuretika, Calciumantagonisten, Clonidin oder Moxonidin Vorsicht geboten. Bei Hitze könne der blutdrucksenkende Effekt von Antihypertensiva verstärkt sein und dadurch Bewusstseinsverlust, Durchblutungsstörungen der Organe oder sogar Herzinfarkte hervorrufen. Antianginosa wie Nitrate oder Molsidomin, die eine Therapieoption für Patienten mit Angina pectoris sind, seien kritisch, da sie gefäßerweiternd wirken. »Diese Medikamente sollten bei gefährdeten Patienten in einer Hitzewelle vorrangig abgesetzt werden«, resümiert Kuch. Betablocker verhinderten im Gegensatz dazu, dass die peripheren Gefäße weitgestellt werden, was zu einer gestörten Hitzeableitung und einer erhöhten Schweißsekretionsschwelle führe.

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