| Heiner Barz |
| 10.09.2026 13:30 Uhr |
Vegetarische Küche: Für den Speiseplan seiner Heilanstalt (hier um 1935) ließ Dr. Lahmann sogar regional Obst und Gemüse anbauen. / © Imago/Arkivi
Über viele Jahrzehnte hinweg haben sich im berühmten »Weißen Hirsch« Prominente aus Literatur, Film und Politik die Klinke in die Hand gegeben. Unter ihnen der Schriftsteller Thomas Mann, die Schauspieler Heinz Rühmann, Johannes Heesters oder Gustav Gründgens. Auch Industrielle wie der Flugzeugkonstrukteur Hugo Junkers oder der Omnibusfabrikant Heinrich Büssing waren zu Besuch in der Dresdner Heilanstalt.
Gründer und Chef des Sanatoriums, das am 1. Januar 1888 eröffnete, war der Naturheilkundler Dr. Heinrich Lahmann (1860-1905). Das von ihm ideenreich und mit kaufmännischem Geschick aufgebaute Areal blieb auch nach seinem Tod ein Publikumsmagnet. So kamen etwa nationalsozialistische Politiker wie Joseph Goebbels und Hermann Göring mit ihren Ehefrauen. Im Zweiten Weltkrieg ist das Sanatorium dann zu einem Reservelazarett und in der DDR-Zeit zu einem sowjetischen Militärkrankenhaus geworden.
Ob Lahmanns Therapie- und Präventionsmethoden tatsächlich die Gesundheit seiner Patienten und Kurgäste nachhaltig förderten, ist schwer zu beurteilen. Tatsache ist, dass sein Sanatorium ein Musterbeispiel der damals in Mode gekommenen großen Heilanstalten war, denen Thomas Mann 1924 in seinem Roman »Der Zauberberg« ein literarisches Denkmal setzte. Dort traf sich die feine Gesellschaft, weil sie die von Zivilisationsüberdruss und Fortschrittseuphorie beeinflusste Fin-de-Siècle-Stimmung auskosten und gleichzeitig zu überwinden hoffte.
Das Konzept im »Weißen Hirsch« sah eine ganzheitliche Erholung vor. Die Gäste waren nicht nur Kranke oder Reha-Patienten. Viele suchten auch präventiv Entspannung und Anregungen für einen salutogenen Lebenswandel. Zum Kurprogramm gehörten Musik- und Kulturveranstaltungen genauso wie ein weitgehend vegetarischer Speiseplan. Lahmann ließ eigens regional Obst und Gemüse anbauen. Die in körperlicher Betätigung eher ungeübte »bessere Gesellschaft« aus der Großstadt konnte hier bei Forst- und Holzarbeiten mit anpacken – passend bekleidet mit luftdurchlässiger Lahmann-Unterwäsche.
Außerdem gilt Lahmann in der Erfahrungsheilkunde bis heute als der erste, der das gesamte Spektrum der Wasser- und Lufttherapien, der Bekleidung und der Ernährung berücksichtigte und sich dabei systematisch empirischer Methoden bediente. Weil er seinen Ansatz naturwissenschaftlich untermauern wollte, richtete er 1895 ein eigenes chemisches Labor ein, in dem er die Wirkung der von ihm verordneten Diäten und Behandlungen auf Stoffwechselvorgänge untersuchen ließ.
Wo Sebastian Kneipp auf Wasseranwendungen, Maximilian Oskar Bircher-Benner auf Vollwertkost (»Birchermüsli«) und Hermann Hesse auf kleidungsfreie Gartenarbeit auf dem Schweizer Monte Verità setzte, konnten die Gäste im »Weißen Hirsch« das gesamte Spektrum der Komplementärmedizin in Anspruch nehmen.
Lahmanns Diätetik beschränkte sich dabei nicht nur auf sorgsam zusammengestellte Ernährungspläne, Wassertreten, Armgüsse sowie Licht- und Luftbäder, sondern er verordnete seinen Kurgästen auch ein durchgetaktetes Zeitmanagement – in der Naturheilkunde bis heute als Ordnungstherapie bekannt. Dass Industrielle, Fürsten, Armeeführer und Unterhaltungskünstler sich vom »Weißen Hirsch« angezogen fühlten, sagt zwar viel über die Mode der Gesellungsformen aus – nicht unbedingt aber über Therapieerfolge.
Einzelne Einblicke finden sich in den Zeugnissen der berühmten Schriftsteller, die dort länger oder kürzer zu Gast waren – teilweise auch mehrfach. Der gelernte Apotheker Theodor Fontane war noch drei Monate vor seinem Tod vom 23. Mai bis zum 28. Juni 1898 mit Frau und Tochter in dem Dresdener Sanatorium und schwärmte später in einem Brief von der »herrlichen Luft«; er habe sich »über Erwarten erholt«. Er verschwieg auch nicht die weniger ersprießlichen Erfahrungen: »Wir frieren Stein und Bein und werden erst warm, wenn wir bald nach 9 unter das Deckbett kriechen.«
Thomas Mann kam 1906 auf Einladung seines Verlegers Samuel Fischer. Die Kur schien ihm jedoch weniger gutgetan zu haben. Er verordnete sich anschließend erst einmal einen Erholungsurlaub in Oberammergau. Nach zwei Wochen im Sanatorium schrieb er am 7. Juni 1906 seinem Bruder Heinrich Mann: »Die ersten Tage nach meiner Rückkehr vom Weissen Hirsch (und Berlin) war ich todmüde und schlief den halben Tag. [...] Dann bereitete sich ein Magen-Anfall vor, der gestern, pünktlich an meinem Geburtstage, seinen Ausbruch und Höhepunkt erreichte. Ungefähr eine Woche lang gehe ich in solchen Fällen in tiefer Verdüsterung, geistiger Oede und neurasthenischer Menschenscheu umher, unfähig auch nur zu lesen und unwissend, was aus mir werden soll. [...] Mir geht es miserabel. Die Wirkung vom Weissen Hirsch ist eher negativ.«
Von Franz Kafka weiß man nur, dass er um den 23. August 1903 seine Sommerfrische bei Salesl, nahe Aussig im nördlichen Böhmen – etwa 60 Kilometer von Dresden entfernt – für ein paar Tage unterbrach, um zu Lahmann zu reisen. Er wohnte in der Villa Ebert, heute Wolfshügelstraße 4.
Von Rainer Maria Rilke ist im März 1905 eine Begegnung mit Gräfin Luise Schwerin dokumentiert, deren Andenken er nach ihrem Tod das Gedicht »Todes-Erfahrung« widmete. Auch entstand in der Heilanstalt eine Zeichnung der lettischen Malerin Anna Schewitz-Hellmann, die Rilke ganz im Stil der Zeit porträtierte.
Darüber hinaus ist bekannt, dass die seit ihrem Bestseller »Das Jahrhundert des Kindes« (1902) berühmte schwedische pädagogische Reformerin und Schriftstellerin Ellen Key (1849-1926) im »Weißen Hirsch« einen Vortrag über den damals noch kaum berühmten Rilke hielt. Er war dankbar, wie ein Briefwechsel zeigt: »die Kur ist theuer und ich fühle, wie ich sie brauche. … Dafür kam nun dieses Geld und that mir unsäglich wohl.«
Kurt Tucholsky verarbeitete seine Dresdner Sanatoriumserfahrungen unter seinem Pseudonym Peter Panter. Lahmanns Therapie, die auf Selbstbeherrschung, Disziplin und Verzicht aufbaute, war offenbar nicht jedermanns Sache: »Alles haben sie mir verboten: Schmalz und Gänsebutter und Kalbsgrieben und Zucker und Brot und Suppe und Wein und Aal und alles –; mein Essen wird in kleinen Vogelnäpfen serviert, und morgens beim Masseur stoße ich schon immer den Atem aus, damit ich leichter scheine; bald bin ich gar nicht mehr vorhanden, dann wiege ich minus drei Pfund und bekomme beim Weggang vom Sanatorium noch etwas heraus . . . Alles haben sie mir verboten. Ich nähre mich von Luft, Musik und Liebe.«
Heiner Barz: Naturheilkunde contra Bakteriologie. In: Ders.: Robert Koch jenseits des Mythos. Die Argumente seiner Kritiker in Originaltexten, S. 121-131. Springer Nature 2025, 197 Seiten, ISBN 978-3-662-70354-0, EUR 22,99.
Schölzel, Christoph: »Ich bin hier jetzt einer strengen Cur unterworfen«. Literaten im Lahmann Sanatorium und das Sanatorium in der Literatur. In: Verschönerungsverein Weißer Hirsch/Oberloschwitz (Hrsg.) (2015)
Dr. Lahmanns Sanatorium Bad Weißer Hirsch bei Dresden: Von der Blütezeit bis zur Legende – vom Verfall zu neuer Nutzung. Dresden: Friebel Werbeagentur und Verlag. S. 121-152. ISBN 978-3936240320 (antiquarisch verfügbar)
Professor Dr. Heiner Barz ist Bildungsforscher und leitete bis zu seinem Ruhestand die Abteilung für Bildungsforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Schwerpunktthemen liegen an der Schnittstelle von Bildung, Gesundheit und Medizin.