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Krebs

Lifestyle als Krankheitsrisiko

Rund die Hälfte aller Krebsfälle wäre vermeidbar, wenn wir anders leben würden. 18 Millionen Menschen waren 2018 weltweit von Krebs betroffen, 2040 werden es 29,5 Millionen sein. Ansteigen werden vor allem die Erkrankungen, die man selbst beeinflussen kann.
Ulrike Abel-Wanek
24.09.2019
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»Kein Patient soll sich die Schuldfrage stellen, wenn er an Krebs erkrankt«. Die beiden Heidelberger Krebsforscher Dr. Hanna Heikenwälder und ihr Mann, Professor Dr. Mathias Heikenwälder, haben ein Sachbuch geschrieben, das deutlich macht: Lifestyle und Umweltfaktoren gehören zu den größten Krebsverursachern in der entwickelten Welt. Sind wir selbst mit dafür verantwortlich, wenn wir erkranken?

»Die Tatsache, dass wir die Mutationen, die zu Krebs führen, erst im Laufe unseres Lebens erwerben, bedeutet nicht automatisch, dass wir daran schuld sind«, so die Wissenschaftlerin im Gespräch mit der PZ. Tatsächlich sind nur 5 bis 10 Prozent aller Krebserkrankungen auf angeborene genetische Defekte zurückzuführen. Bei den verbleibenden 90 bis 95 Prozent bösartiger Erkrankungen kommen erworbene Gendefekte ins Spiel, die sich über viele Jahre durch krebsfördernde Umwelteinflüsse und Lebensgewohnheiten ansammeln. Nach aktuellem Erkenntnisstand gehen 14 bis 20 Prozent der Erkrankungen auf Adipositas zurück, Infektionen verursachen 18 Prozent aller Krebserkrankungen, die Ernährung 35 Prozent und Umweltverschmutzung und Strahlung zusammen 7 Prozent. Ungefähr jeder Zweite von uns wird an Krebs erkranken. Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IACR) könnte die Hälfte der Krebsfälle vermieden werden, wenn der aktuelle Wissensstand der Krebsforschung umgesetzt werden würde. Dazu gehört das Vermeiden von krebsbegünstigendem Verhalten ebenso wie die konsequente Anwendung heutiger Präventions- und Diagnosemöglichkeiten. Alleine durch Impfen gegen Hepatitis-B und humane Papilloma-Viren könnten jährlich eine Million bösartige Tumorerkrankungen verhindert werden. Tatsächlich aber klafft eine große Lücke zwischen dem Wissen um die komplexen Zusammenhänge bei der Krebsentstehung und der Umsetzung dieses Wissens in den Alltag von Patienten, Ärzten und Kliniken.

»Jeder, der an Krebs erkrankt, fragt sich, wo die Erkrankung herkommt«, weiß Krebsforscherin Heikenwälder: »Ist das vielleicht genetisch?« »Habe ich etwas falsch gemacht?« »Haben meine Kinder ein erhöhtes Risiko?« Ziel ihres Buches sei es, Antworten auf diese Fragen zu geben und zusammenzufassen, was bis heute über die Entstehungsmechanismen bekannt sei. »In der Öffentlichkeit ist zwar angekommen, dass Übergewicht Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gelenkprobleme begünstigt. Dass Übergewicht aber insbesondere bei Brustkrebs ein sehr wichtiger Faktor ist, wissen nur wenige Menschen«, so die Forscherin.

Auch die Rolle des Zuckers bei der Krebsentstehung sei vielen Menschen nicht klar. Bei einem dauerhaften Überangebot verbleibt zu viel Zucker für eine zu lange Zeit im Blut. Dies kann zu Diabetes führen und zur Einlagerung in Form von Fett in der Leber. Absterbende Fettzellen begünstigen Entzündungsreaktionen, die Krebszellen zum Überleben anregen können. Zucker wird so auch für Normalgewichtige zur »Zeitbombe«.

Übergewicht fördert Entzündungen

Der Molekularbiologe Mathias Heikenwälder ist Leiter der Forschungsabteilung Entzündung und Krebs am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Entzündungen spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Krebserkrankungen. Heikenwälder erforscht die High-Fat-Diet, also die hoch-kalorische Ernährung, bei der Entstehung von Leberkrebs.

Ein Paradebeispiel für eine stark zunehmende Krebserkrankung ist das Hepatozelluläre Karzinom (HCC). Es macht weltweit 65 Prozent aller Leberkrebsfälle aus und hat sich im Zeitraum von 1980 bis 2011 beinahe verfünffacht. Als Hauptrisikofaktor für diese Krebserkrankung gilt neben einer Hepatitis-Virus-Infektion (HBV/HCV) und Alkoholkonsum die sogenannte Fettleber. Verursacht wird sie durch eine fett- und zuckerreiche Ernährung, Bewegungsmangel sowie durch Begleiterkrankungen wie Diabetes, das metabolische Syndrom oder entzündliche Darmerkrankungen. Ärzte sprechen bereits von einer Epidemie angesichts von 10 bis 20 Millionen betroffenen Patienten allein in Deutschland. Die Zunahme der Fettlebererkrankung wird in den nächsten Jahren weltweit zu einer enormen Zunahme an Patienten mit Leberkrebs führen.

In Deutschland sind 53 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer übergewichtig. Etwa 25 Prozent der Erwachsenen sind sogar stark übergewichtig. Dass Übergewicht die Krebsentstehung fördert, ist wissenschaftlich beinahe ebenso gut belegt wie der Zusammenhang von Zigarettenkonsum und Krebs. Epidemiologische Studien haben ergeben, dass mittlerweile 20 Prozent aller krebsbedingten Todesfälle auf das Konto von Übergewicht gehen. Übergewicht gilt als die vermeidbare Krebsursache überhaupt, das Thema aber beim Patienten anzusprechen, ist oftmals ein Tabu. »Es ist aber falsch, nicht darauf hinzuweisen, wenn Hunderte Studien besagen, dass viele Krebserkrankungen auf Fettleibigkeit zurückzuführen sind«, findet Hanna Heikenwälder. Doch viele Menschen nehmen dieses Wissen nicht ernst.

Übergewicht begünstigt einen dauerhaften Entzündungszustand im Körper, der sowohl zur Entstehung von Tumoren als auch zum Wachstum von bereits etablierten Tumoren beitragen kann. Seit Kurzem weiß man auch, dass die negativen gesundheitlichen Auswirkungen von Übergewicht schon bei der Zeugung an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Krebsförderer und Karzinogene

Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass Krebserkrankungen die unglückliche Folge von einzelnen oder mehreren DNA-Mutationen in wichtigen Genen für die Kontrolle des Zellwachstums sind: Eine Zelle mit diesen Veränderungen vermehrt sich unkontrolliert, und nach einiger Zeit bildet sich ein Tumor. Heute weiß man, dass selbst die zahlreichen Ansammlungen von Mutationen im Laufe eines Lebens keine ausreichende wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung von Krebserkrankungen ist. Ein Grund ist auch die extreme Zuverlässigkeit der DNA-Reparatur und der Arbeit unseres Immunsystems. Dieses ist meistens gut imstande, vereinzelte kranke oder kaputte Zellen und Zellbestandteile zu entfernen.

Erworbene genetische Mutationen können lediglich der Startpunkt für die Entstehung von Krebs sein. Darüber hinaus spielen, neben dem Immunstatus, krebsfördernde Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten eine maßgebliche Rolle für die Entstehung der Erkrankung.

Nahrungsbestandteile, chronische entzündliche und unerkannte Krankheiten wie eine Hepatis-B-Infektion, verschiedene Medikamente, physikalische Reize wie Gallensteine, Hormone sowie die Darmflora können als Krebsförderer wirken. Das weibliche Sexualhormon Estrogen wirkt beispielsweise im Fall von Brustkrebs als Krebsförderer. Durch Übergewicht und Bewegungsmangel können sich die Hormonwerte im Blut noch weiter erhöhen. Die Darmflora wird zum gefährlichen Krebsförderer unter anderem durch bestimmte Zusatzstoffe, die die schützende Schleimbarriere des Organs schädigen und so Entzündungen begünstigen. Menschen mit chronischen Darmerkrankungen haben ein 20-Prozent-Risiko, im Laufe ihres Lebens an Darmkrebs zu erkranken.

Das pflanzliche Bindemittel Carrageen, ein häufiger Zusatzstoff in Sahne, Desserts, Zahnpasta und sogar Babynahrung, besitzt die Fähigkeit, bedeutende Schäden in der Schleimhaut des Darms zu verursachen. Ähnlich verhält es sich mit Carboxymethylcellulose und Polysorbat-80. Entsprechende Studienergebnisse stützen sich auf Tierversuche mit Mäusen. »Da der Aufbau und die Funktion der Darmschleimhaut bei Menschen und Mäusen ähnlich sind, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass Carrageen im Menschen anders wirkt als bei Mäusen und Ratten«, so Heikenwälder. Sie empfiehlt, Zusatzstoffe zu meiden und sich lieber frisch und ballaststoffreich zu ernähren mit Vollkornprodukten, Nüssen, Obst und Gemüse. Dass Ballaststoffe Darmentzündungen vorbeugen können, ist durch wissenschaftliche Studien belegt.

Entzündungen agieren als Krebsförderer vor allem in Organen wie Magen, Darm oder Lunge, die in direktem Kontakt mit unserer Umwelt stehen. Karzinogene aus der Umwelt können hier genetische Veränderungen in Zellen verursachen. »Aber erst im Zusammenspiel können Karzinogene und Krebsförderer ihr tödliches Potenzial entfalten«, so die Autoren.

Therapien der Zukunft

Den Forschungen der Molekularbiologie und Genetik in den letzten Jahrzehnten ist es zu verdanken, dass die Ursachen von Krebserkrankungen auf zellulärer Ebene heute bekannt sind – zumindest in der Wissenschaft. Was fehlt, ist ein Gesundheitssystem, das die neuen Erkenntnisse in die Prävention miteinbezieht: »Der auch heute noch breitflächige Einsatz von standardisierten Therapien wie Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung erklärt, warum sich die Sterblichkeitsrate für die meisten fortgeschrittenen Krebserkrankungen wie Darm- und Prostatakrebs, Pankreas- und Brustkrebs nicht verbessert hat«, kritisiert Heikenwälder. Erfolge beim Überleben beruhten hauptsächlich auf der Früherkennung von möglichst frühen Stadien der Tumorerkrankungen.

Bessere Heilungschancen verspreche die personalisierte Medizin mit ihren speziell auf den Patienten zugeschnittenen Therapieoptionen. Dafür brauche es mehr Datenaustausch von untereinander vernetzten, nationalen und internationalen Kliniken. Mithilfe der zurzeit weltweit erforschten Flüssigbiopsie könne es in Zukunft zudem möglich sein, viele verschiedene Krebserkrankungen mit einer einzigen Blutentnahme diagnostizieren zu können. »Man weiß, dass es geht, aber die Technik muss noch optimiert werden, damit der Test schnell und zuverlässig ist und kein Vermögen kostet«, so die Forscherin.

Über allem steht der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Zielgerichtete Maßnahmen des Gesetzgebers könnten schon heute langfristige Erfolge bei der Verhinderung eines Großteils der Krebserkrankungen erzielen, zum Beispiel Zuckersteuer und Lebensmittelampel, strengere Verbote von Zusatzstoffen und mehr Schulsport für Kinder. Experten müssen ihr Fachwissen verständlich vermitteln, um schon Kinder und Jugendliche für das Thema Krebsentstehung und »Lifestyle-Faktoren« zu sensibilisieren.

Trotz aller Fortschritte in der Behandlung ist es den Forschern zufolge nahezu auszuschließen, dass alle Krebserkrankungen in den nächsten 10 bis 20 Jahren heilbar sein werden. »Es wird also vermutlich auch in Zukunft vorerst einfacher bleiben, Krebserkrankungen möglichst effizient zu vermeiden«, sagt Heikenwälder. 

 

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