| Christina Hohmann-Jeddi |
| 24.03.2026 16:20 Uhr |
»Meistens treten Einzelerkrankungen auf«, sagte Claus. Ausbrüche mit vielen Fällen in kurzer Zeit wie aktuell in England seien ungewöhnlich. »Das ist wirklich überraschend, dass auf einen Schlag so viele Erkrankungen auftreten.« Auch Robin May, Chief Scientific Officer der britischen Behörde, sprach laut der Deutschen Presseagentur von einem »ungewöhnlichen Ausbruch«. Erstaunlich sei die hohe Zahl an Erkrankungen, die offenbar auf ein Ereignis zurückgeht.
In der Region wurden seit dem Ausbruch etwa 12.600 Menschen mit Antibiotika behandelt und mehr als 9000 Menschen gegen MenB geimpft. Die Generation, die in diesem Ausbruch betroffen ist, wurde nicht geimpft, kritisiert Philip Broadbent von Universität Glasgow in einem Beitrag auf der News-Plattform »The Conversation«. Dabei lasse sich gegen MenB und gegen die Serogruppen A ,C, W und Y impfen.
Auch in Deutschland besteht quasi kein Immunschutz – zumindest nicht gegen die dominierenden Serotypen B und Y. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt seit 2024 eine MenB-Impfung für alle Säuglinge. Nachgeimpft werden können Kinder bis fünf Jahre. »Das ist eine sehr unglückliche Einschränkung«, sagte Professor Dr. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf, gegenüber der PZ. »Die meisten MenB-Fälle treten zwar im ersten Lebensjahr auf, aber sie können auch später noch relevant werden, wie sich jetzt in England zeigt.«
Meningokokken sind gramnegative Bakterien, die sich paarweise zusammenlagern und deshalb auch als Diplokokken bezeichnet werden. / © Adobe Stock/nobeastsofierce
Die Empfehlung für eine monovalente MenC-Impfung für alle Kinder wurde inzwischen aufgehoben, seit Herbst 2025 sollen stattdessen laut STIKO alle Jugendlichen im Alter von 12 bis 14 Jahren eine MenACWY-Impfung erhalten. »Für diese Änderung haben wir in der Infektiologie sehr lange gekämpft«, sagte Jelinek. Eine MenC-Impfung sei in einer Population, in der 50 bis 60 Prozent der invasiven Meningokokken-Erkrankungen auf die Serogruppe B entfallen und nur 10 bis 15 Prozent auf MenC, wenig sinnvoll.
Eine Nachimpfung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegen Meningokokken hält Jelinek für empfehlenswert, wobei die Fallzahlen in Deutschland im Vergleich zum Ausland gering seien. Für Reisen ist der Schutz daher sinnvoll: »Wir empfehlen generell allen reisenden Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 25 Jahren eine Meningokokken-Impfung.« Je nach vorherrschenden Serogruppen in den Zielländern sei ein Schutz gegen MenB oder MenACWY nötig.
Allerdings verschwänden die klaren Grenzen von Serogruppen, die es früher gab, durch erhöhtes Reiseaufkommen langsam, so Jelinek. Während Reiseimpfungen häufig von der Krankenkasse bezahlt würden, müssten Impfungen ohne STIKO-Empfehlung und ohne Reisebezug selbst bezahlt werden.
Auch Schutzimpfungen für Ältere könnten in Zukunft ein Thema werden. Denn während die höchsten Inzidenzen der Meningokokken-Erkrankungen bei den Säuglingen und Jugendlichen zu verzeichnen seien, träten in den vergangenen Jahren die meisten Fälle in der Altersgruppe ab 60 Jahren auf, die einen großen Anteil der Bevölkerung darstellt. »Die hohe Zahl ist der Serogruppe Y geschuldet, die wir in den letzten Jahren vermehrt haben«, sagte Jelinek. MenY und MenW haben die Tendenz, im Alter ab 75 Jahren »noch Ärger zu machen«, sagte Jelinek.
Je stärker sich diese Serogruppen ausbreiteten, desto mehr Fälle im Alter werde man sehen und eventuell über eine Impfempfehlung nachdenken müssen. Für Reisende in Gebiete, in denen MenW vorherrscht, werde jetzt schon eine MenACWY-Impfung für alle Altersgruppen empfohlen. Das gilt zum Beispiel für Reisen in den sogenannten Meningitisgürtel, der in Afrika südlich der Sahara liegt und sich von Westafrika bis Äthiopien im Osten erstreckt.