Mehr als 100 peroral anzuwendende Krebsmedikamente sind auf dem Markt. Die Therapie ist erklärungsbedürftig – gleichzeitig sehen die Patienten aber ihren betreuenden Arzt seltener als bei einer klassischen Chemotherapie. / © Getty Images/FatCamera
Im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) in Regensburg fand auch in diesem Jahr der Tag der Offizinpharmazie statt. Organisiert wurde er gemeinsam mit der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) als Onlineveranstaltung. Im Fokus der drei Vorträge standen die Möglichkeiten, einer Krebserkrankung vorzubeugen, und die Betreuung von Krebspatienten in der Apotheke. Letzteres unter anderem – aber nicht nur – im Rahmen der pharmazeutischen Dienstleistung (pDL) »Pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie«.
Krebs stellt nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache dar. Mehr als 500.000 Neuerkrankungen gibt es jedes Jahr in Deutschland und rund 230.000 Todesfälle (Stand 2023). Die Tendenz ist steigend, nicht zuletzt wegen des zunehmenden Durchschnittsalters der Bevölkerung.
»Gut ein Drittel davon könnte möglicherweise vermieden werden«, sagte Professor Dr. Ralf Küppers von der Universitätsmedizin Essen. An erster Stelle steht dabei der Verzicht auf das Rauchen, aber auch ein konsequenter UV-Schutz sowie eine gesündere Ernährung und mehr Bewegung – beides auch wichtig zur Reduktion von Übergewicht, das ebenfalls einen Risikofaktor darstellt –, gehören dazu. Nicht zuletzt können bestimmte Impfungen oder Therapien gegen krebsfördernde Viren und Bakterien wichtige Prophylaxe-Maßnahmen darstellen, etwa Impfungen gegen Infektionen mit Humanen Papillomaviren (HPV) und Hepatitis-B-Viren (HBV) sowie eine Helicobacter-pylori-Eradikation. »Apotheken können hierbei wichtige Aufklärungsarbeit und Unterstützung leisten«, so Küppers.
Doch wie ermittelt man überhaupt Risikofaktoren? Neben einer Kombination aus epidemiologischen Studien, Tierexperimenten und Experimenten mit Zelllinien kämen heute genetische »Fußspuren« hinzu, so der Referent. Dabei handelt es sich um Mutationssignaturen in Krebsgenom-Sequenzierungen aus Biopsien, die es ermöglichen, das gesamte Muster eines Krebsfalles zu bestimmen und Tumor-DNA mit der DNA gesunder Zellen zu vergleichen. Zukünftig könnte dies bei der Auswahl gezielter Krebstherapien wichtige Informationen liefern.
Mehr als 100 peroral anzuwendende Krebswirkstoffe sind heute auf dem Markt; bei etwa der Hälfte sind Einnahmehinweise bezüglich der Nahrungsaufnahme zu beachten. Zudem sind verschiedene Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen möglich. Bei nicht sachgerechter Umsetzung besteht ein Risiko für eine verminderte Wirksamkeit oder (vermeidbare) Nebenwirkungen. Gleichzeitig haben die betroffenen Patienten seltener Kontakt zu ihrem behandelnden Arzt. Das macht die Unterstützung durch die Apotheken immer wichtiger.
Wie man einen Einstieg in ein so komplexes Gebiet findet, erklärte Kerstin Bornemann von der Marien Apotheke Göttingen. Die Apothekerin und Psychoonkologin wies darauf hin, dass es bereits vielfältige Materialien gibt, auf die Apotheken zurückgreifen können und die den Einstieg erleichtern können.
So stehen auf der Homepage der ABDA Arbeitsmaterialien für das Erstgespräch bereit. Dazu gehören beispielsweise benötigte Dokumente, aber auch ein Gesprächsleitfaden für das Beratungsgespräch. Informationen zu den einzelnen Tumorerkrankungen liefern die entsprechenden Leitlinien, die unter www.onkopedia.com/de abrufbar sind. Auch Patientenlinien sind dort hinterlegt.
Zum Betreuungsnetzwerk von Krebspatienten gehören neben Ärzten und Apotheken auch Friseure mit Perückenberatung. / © Getty Images/Nikola Stojadinovic
Sehr hilfreich für Patienten sind zudem die Merkblätter der Universität Erlangen (AMBORA). Zahlreiche Informationen gibt es außerdem bei der Deutschen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie (DGOP) sowie bei der Oralia Datenbank, die allerdings kostenpflichtig ist. Die dort hinterlegten Einnahmepläne bieten Patienten die Möglichkeit, das tägliche Befinden zu dokumentieren – eine wichtige Basis für das Nebenwirkungsmanagement. Denn Beeinträchtigungen sollten keinesfalls als gegeben hingenommen werden. Die ausgefüllten Einnahmepläne können als wichtige Basis für das Gespräch mit dem Onkologen dienen. Das Angebot der Datenbank kann drei Monate lang kostenlos getestet werden.
Apotheken stellen wichtige Partner im Netzwerk für Patienten dar. Deren Bedarf ist vielfältig; benötigt werden neben dem onkologischen Behandlungsteam etwa Friseure mit Perückenberatung, Selbsthilfegruppen und palliative Angebote – und nicht zuletzt die wichtige pharmazeutische Expertise zur Umsetzung der verordneten Therapien. »Sie können nicht viel falsch machen, außer Sie machen gar nichts«, betonte Bornemann.
Neben der Therapie noch etwas mehr tun, um in einer schwierigen gesundheitlichen Situation das Optimum für sich zu erreichen: Dieser Wunsch vieler Patienten ist mehr als nachvollziehbar. »Doch was können wir unseren Patienten raten? Und gibt es vielleicht auch Risiken?« Darüber informierte Michael Höckel, Krankenhausapotheker in Kassel, in seinem Vortrag anhand zahlreicher Beispiele. Sie zeigen: Die Patientenfrage, ob oder welche Ergänzung sinnvoll sein kann, lässt sich selten allgemein beantworten. Sowohl die Krebserkrankung des Patienten und seine onkologische Therapie als auch das Ziel des Patienten gilt es jeweils zu berücksichtigen.
Grundsätzlich empfehlen können Apotheken ihren Patienten eine ausgewogene Ernährung, ausreichende Trinkmengen und Bewegung. Bei Mikronährstoffen gelten dieselben Empfehlungen wie für Menschen ohne Krebserkrankung. Nicht immer gelingt es Patienten allerdings, die Zufuhrempfehlungen tatsächlich zu erreichen, zum Beispiel bei Entzündungen der Mundschleimhaut, Übelkeit und/oder Erbrechen oder Appetitlosigkeit, mit denen zahlreiche onkologische Therapien einhergehen. Eine Supplementation kann dann sinnvoll sein.
Sie sollte sich an den Empfehlungen für die tägliche Zufuhr orientieren und stets mit dem Onkologen abgesprochen werden. So können Antioxidanzien wie die Vitamine C oder E die Wirkung von Chemo- oder Strahlentherapien abschwächen. Zurückhaltung geboten ist außerdem bei hochdosierten Produkten. In manchen Fällen sei es ratsam, mittels Untersuchung den Versorgungsstatus zu erheben und bei einem Mangel eine geeignete Dosierung zu wählen, um diesen zu beheben, erläuterte Höckel. Dazu gehören unter anderem die Vitamine D und B12.
Therapienebenwirkungen zu reduzieren, gehört zu den häufig geäußerten Wünschen onkologischer Patienten. Keine Leitlinien-Empfehlung gebe es aufgrund der unzureichenden Datenlage für die orale Anwendung von Aloe vera bei Stomatitis. Hingegen könnten menopausale Symptome wie Hitzewallungen im Rahmen einer antiestrogenen Therapie bei Brustkrebs durch Traubensilberkerzenextrakt möglicherweise gelindert werden, so Höckel weiter. Entscheidend sei dabei nicht zuletzt die Extraktqualität. Auf die Mortalität oder Morbidität durch die Erkrankung selbst habe Traubensilberkerze hingegen keinen Einfluss.
Hoch im Kurs bei vielen Patienten stehen aktuell Curcumin aus der Gewürzpflanze Curcuma und Grünteeextrakte, deren wichtigster sekundärer Inhaltsstoff Epigallocatechingallat (EGCG) darstellt. Inhaltsstoffe in beiden besitzen eine hohe antioxidative Kapazität. Für Curcumin gilt: Es gibt derzeit keine ausreichenden Daten zum Einfluss auf den Krankheitsverlauf oder therapieassoziierte Nebenwirkungen. In hoher Dosierung könnten sie sich aber nachteilig auf die Krebstherapie auswirken. Auch Nebenwirkungen sind möglich: Oberbauchbeschwerden unter höher dosiertem Curcumin und Schlafstörungen sowie gastrointestinale Beschwerden unter EGCG. »Gegen eine orale Zufuhr in Form ihrer jeweiligen Lebensmittel spricht aber nichts«, betonte Höckel.