Volles Haus bei der Eröffnung des Bayerischen Apothekertags in München, vorne links: Gesundheitsministerin Judith Gerlach und Kammerpräsidentin Franziska Scharpf / © BAV/Sabrina Spies
»Uns verbindet, dass wir Verantwortung für die Gesundheitsversorgung tragen. Ihre Teilnahme zeigt, dass Sie alle bereit sind, die Zukunft des Berufsstands mitzugestalten«, begrüßte Scharpf rund 300 Apothekerinnen und Apotheker, Gäste und Pharmaziestudierende aus ganz Bayern. Sie kamen am 8. und 9. Mai im Münchner Literaturhaus zusammen, um über ihre Zukunft zu diskutieren.
Für die Präsidentin der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) ist klar: »Die Vor-Ort-Apotheke ist das Rückgrat einer flächendeckenden sicheren Versorgung, auch in Krisenzeiten und Katastrophen. Freiberuflichkeit bedeutet Verantwortung und Lösungen mit gesundem Menschenverstand.«
Jedoch hätten sich die letzten Jahre angesichts so vieler Gesetzentwürfe, Verordnungen und Versprechen angefühlt »wie eine extreme Achterbahnfahrt«. Mittendrin stünden die Apotheker und erfüllten ihren Auftrag: die ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung der Menschen. Dabei steige der Druck auf die inhabergeführte Apotheke und den freien Heilberuf kontinuierlich.
Wirtschaftliche Interessensgruppen nähmen immer mehr Einfluss, teils auch mit rechtswidrigen Konstruktionen, monierte Scharpf. Mit schleichenden Systemänderungen solle die persönliche Verantwortung entkoppelt werden von persönlicher Anwesenheit. Doch die Apotheke sei kein bloßer Vertriebskanal und Versorgung sei mehr als Logistik. »Wo bleibt der politische Wille, eine starke unabhängige Arzneimittelversorgung in Deutschland zu sichern?«
Scharpf sprach aber auch die große Begeisterung der Berufsangehörigen für die Pharmazie und für den Heilberuf an. »Unsere Kompetenz wird sichtbarer. Apotheker werden mehr gebraucht, vielleicht aber anders.«
Kammerpräsidentin Franziska Scharpf / © BAV/Sabrina Spies
Sie habe einen Traum: dass Apotheker als Arzneimittelexperten wahrgenommen werden und dass die Menschen sehen, dass Apotheken die kompetente Rund-um-die-Uhr-Versorgung sicherstellen. Die Apotheker wollten mehr Verantwortung übernehmen und mehr pharmazeutische Leistung erbringen – mit entsprechender Vergütung. »Jetzt ist die Zeit, unsere Rolle weiterzuentwickeln.«
Dabei sieht Scharpf die Apotheker im Schulterschluss mit den Ärzten. Die Heilberufler ergänzten sich: »jeder mit seiner Kompetenz und Verantwortung – und mit einem gemeinsamen Ziel: die Menschen und Patienten bestmöglich zu versorgen. Dafür braucht unser Gesundheitswesen die Apotheker.«
Nach den zukunftsweisenden Worten der BLAK-Präsidentin holte der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbands (BAV), Hans-Peter Hubmann, die Zuhörenden in die »harte wirtschaftliche Realität« zurück.
Laut dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) müssten alle Beteiligten im Gesundheitssystem einen Sparbeitrag leisten – auch die Apotheken. »Das steht im eklatanten Widerspruch zu den bisherigen Aussagen, man wolle die Apotheken stärken«, sagte Hubmann. Während der Kassenabschlag unbefristet auf 2,07 Euro angehoben werden soll, gebe es zu der im Koalitionsvertrag versprochenen Anhebung des Fixums nur Lippenbekenntnisse. Für Hubmann ist das nicht hinnehmbar.
Dr. Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands / © BAV/Sabrina Spieß
Der Blick auf den Apothekenmarkt sei alarmierend. »Ende 2026 gab es in Bayern noch 2614 Apotheken – das ist ein Rückgang von über 800 Apotheken vom Höchstwert Anfang der 2000er-Jahre«, berichtete der BAV-Vorsitzende. In den vergangenen 20 Jahren sei ein Viertel der Apotheken vom Markt verschwunden; die Apothekenzahl liege jetzt auf dem niedrigsten Stand seit 50 Jahren. Das sei ein Verlust von freiberuflicher Existenz, wohnortnahen Arbeitsplätzen und Versorgung der Menschen vor Ort.
Die Ursache sei eindeutig: die anhaltende Unterfinanzierung der Apotheken. Das Fixum wurde seit 2013 nicht erhöht, die Gesamtvergütung sei in zwölf Jahren um rund 12 Prozent gestiegen. Dem stünden Kostensteigerungen, etwa für Personal, Miete und Energie, von 60 Prozent gegenüber. Dieses Auseinanderklaffen könnten viele Betriebe nicht länger schultern.
Hubmann erinnerte an den Dringlichkeitsantrag für eine Stärkung der Apotheken vor Ort, den die CSU-Fraktion im Landtag gestellt hatte, und dankte dem bayerischen Gesundheitsministerium für seine verlässliche Unterstützung.
Den oft angeführten Einwand, man könne die Apotheken nicht nach dem Gießkannenprinzip unterstützen, lasse er nicht gelten. Kürzungen würden auch für alle Betriebe gleichermaßen eingeführt. »Diesem Versuch der Spaltung – klein gegen groß, Stadt- gegen Landapotheke – erteilen wir eine klare Absage«, betonte der BAV-Chef. Jede Apotheke habe einen Versorgungsauftrag und damit einen Anspruch auf faire Vergütung. »Unsere Forderung ist und bleibt: Erhöhung des Fixums in einer Stufe spätestens zum 1. Juli 2026.«
Mit großer Wertschätzung sprach die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach zu den BAT-Teilnehmern. »Unsere Apotheken sind ein wesentlicher Teil der staatlichen Daseinsvorsorge. Sie sollen als erste Anlaufstelle in der Gesundheitsversorgung stabilisiert werden.« Der Mehrwert der Vor-Ort-Apotheke müsse deutlicher kommuniziert werden. Die geplante Vertretungsregelung für Apothekenleiter entwerte den Beruf und werde nichts verbessern – weder finanziell noch personell.
Gesundheitsministerin Judith Gerlach / © BAV/Sabrina Spies
Kammerpräsidentin Scharpf informiere sie »sehr engmaschig« über ihre Ideen und die Brennpunkte, sagte Gerlach anerkennend. Eine Idee sei eine stärkere Vernetzung mit den Ärzten, die beiden Berufsgruppen und den Patienten diene; dazu habe es bereits gemeinsame Gespräche im Ministerium gegeben. »Das finde ich extrem wichtig«, sagte sie mit Blick auf die Prävention. »Wir wollen mehr Wertschöpfung für die Menschen generieren, aber die Leistung muss auch angemessen honoriert sein.«
Gerlach plädierte nachdrücklich für eine auskömmliche Finanzierung der Apotheken und ihrer Leistungen. Zwar seien die Spielräume durch die GKV-Finanzmisere stark eingeschränkt, jedoch müsse die finanzielle Basis für die Apotheker gegeben sein – werde aber sukzessive weggenommen. »Wir müssen zum Koalitionsvertrag stehen«, betonte Gerlach unter Beifall. »Eine baldige Anpassung des Fixums ist essenziell für uns.« Man müsse auch prüfen, wo Geld versackt oder ergebnislos verpufft. Ziel sei es letztlich, das System so umzugestalten, dass es der Gesundheit und nicht nur der Versorgung bei Krankheit diene.
Direkt vor der Eröffnung des Apothekertags hatten sich Gerlach und Scharpf mit Pharmaziestudierenden aus Erlangen, München, Regensburg und Würzburg getroffen. Beim »PharmaPuls – Speed-Networking« können sich die Studierenden mit Politikern austauschen und ihre Perspektiven und Erwartungen in die gesundheitspolitische Diskussion einbringen.
»Der Austausch mit Studierenden war sehr wertvoll für mich«, berichtete Gerlach. Die jungen Menschen hätten auch über ihre Ängste gesprochen, dass die wirtschaftliche Grundlage der Apotheken nicht mehr funktioniere, wenn sie mit dem Studium fertig sind. Sie werde diese Emotionen, aber auch die Zukunftsideen der jungen Leute mitnehmen in die politische Diskussion.
Für Scharpf ist der Austausch essenziell für die Zukunft des Berufsstands: »Wir brauchen den Dialog zwischen Politik, Praxis und Nachwuchs. Nur so können wir die Arzneimittelversorgung nachhaltig sichern und weiterentwickeln.«