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Digitalisierung
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»Keine Denkverbote« bei der Gesundheitsversorgung

Beim Panel »Die Apotheke vor Ort als vernetzter Versorgungshub« am letzten Tag der DMEA drehte sich alles um die Apotheke der Zukunft, die Nutzung von Daten im Gesundheitssystem – und um ein Wort, das sehr schwer auszusprechen war.
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 23.04.2026  18:00 Uhr

Zu Beginn wurde das Publikum gebeten, einen QR-Code zu scannen und die Frage zu beantworten, ob Apotheken zentrale Akteure im Primärversorgungssystem sein sollten. Viele stimmten zu. Auch die zweite Frage, ob Apotheken ein guter erster Einstiegspunkt in ein digitalisiertes Gesundheitssystem sind, wurde vom Publikum bejaht.

Hintergrund der Frage war der noch für dieses Jahr geplante Gesetzentwurf für ein Primärversorgungssystem des Bundesgesundheitsministeriums. Das Ziel besteht darin, Patientinnen und Patienten zunächst zu einem primären Ansprechpartner, der Hausärztin oder dem Hausarzt, zu führen. Dieser nimmt eine Ersteinschätzung vor, koordiniert und überweist bei Bedarf an Fachärztinnen und -ärzte. Ein wesentlicher Bestandteil des neuen Systems soll ein verlässliches digitales bzw. telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sein. Dazu zählen etwa eine Krankenkassen-App oder die Telefonnummer 116 117. Auch die Apotheken möchten im Primärversorgungssystem verankert sein, wie bei der vergangenen Delegiertenversammlung in Berlin besprochen wurde.

»Die Apotheke ist eine gute erste Anlaufstelle«, sagte Ina Lucas. Die Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und Vizepräsidentin der ABDA diskutierte zusammen mit Alexander Ravati, dem Gründer von Pharma4u, Juliane Eidenschink, Fachapothekerin für Arzneimittelinformation beim Softwareunternehmen ID GmbH & Co. KGaA, sowie Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der gematik, über die Zukunft der Apotheken.

Diese müsse mitgedacht werden, wenn es darum gehe, »korrekt und in angemessener Zeit« die Menschen zu versorgen, so Lucas. »Es sollte keine Denkverbote geben, um die Versorgung sicherzustellen«, sagte Fuhrmann mit Blick auf die Rolle der Apotheken. »Wir haben eine Unterversorgung, die immer schlimmer wird. Wir müssen jetzt die Weichen stellen. Wir haben keine Zeit mehr zu verschenken«, so Lucas.

Mehr Zusammenarbeit im Gesundheitswesen 

Auch die Kommunikation zwischen den Akteurinnen und Akteuren im Gesundheitssystem soll intensiviert werden. Eidenschink gab ein Beispiel aus dem Klinikalltag. Viele Krankenhäuser haben keine eigene Krankenhausapotheke, sondern sind mit externen Apotheken verbunden, die zwar Packungen liefern, aber keine Beratung anbieten. Dies soll sich ändern. Apothekerinnen und Apotheker sollen ihr Wissen nutzen und entweder ein bis zwei Tage vor Ort sein oder per VPN Zugriff auf die Patientinnen- und Patientendaten erhalten und zum Beispiel telefonisch mit der Ärzteschaft kommunizieren.

Laut Ravati entsteht durch die verpflichtende Eintragung der Daten in die elektronische Patientenakte (ePA) eine »gute Basis für eine Zusammenarbeit zwischen Ärzte- und Apothekerschaft«. Fuhrmann fügte hinzu, dass auch digitale Tools wie TIM die Kommunikation erleichtern können. Dabei handelt es sich um den seit Juli 2025 verfügbaren Instant-Messaging-Dienst TI-Messenger, der direkt in die ePA und die Apps der Krankenkassen integriert ist. Auch Apotheken und Krankenhäuser könnten die App benutzen, was jedoch bislang nicht flächendeckend der Fall ist.

Auch Ravati bekräftigte, dass gute digitale Lösungen notwendig sind. Die Gematik soll dabei die Infrastruktur bereitstellen, während IT-Dienstleister – wie sein eigenes Unternehmen – die Tools erstellen sollen. Denn Patientinnen und Patienten »brauchen Zeit und Zuwendung« in der Apotheke, sagte der Unternehmer und fügte hinzu: »Das geht aber nicht, wenn es digitale Barrieren gibt oder Zeit für administrative Aufgaben benötigt wird.«

Jedes kleine Detail kann lebensrettend sein

Gute digitale Lösungen können lebensrettend sein und sollten von den Patientinnen und Patienten genutzt werden. »Nicht jeder hat seine Medikationsliste der letzten zehn Jahre parat. Sie ist aber für uns wichtig, um die richtigen Arzneimittel auswählen zu können«, sagte Ina Lucas. Als Mensch könne sie verstehen, dass nicht alle ihre Gesundheitsdaten preisgeben möchten. Diese seien dennoch nötig, denn »im Kontext einer guten Versorgung ist jedes kleine Detail lebensrettend«. Andernfalls werde falsch therapiert, was im Zweifel Menschenleben kosten könne. Deswegen müsse man den Menschen erklären, dass optimale Versorgung und geheime Informationen nicht zusammengehen.

Eidenschink gab ein Beispiel aus ihrem privaten Umfeld. Eine befreundete Person sei Raucherin und habe das Opt-Out-Verfahren genutzt, um keine ePA zu erhalten. Damit wollte die Person sicherstellen, dass die Krankenkasse ihre Informationen nicht erhält und ihr später Leistungen kürzt, weil sie Raucherin ist. Man könne dem Arzt oder der Ärztin zwar immer alle Informationen erzählen, »aber nicht, wenn man einen Unfall hat«, sagte die Fachapothekerin. Außerdem könnten Patientinnen und Patienten nicht immer genau erklären, welche Tabletten sie nehmen. So würden sie beispielsweise immer von »grünen Tabletten« sprechen, anstatt den Namen zu nennen, was die Arbeit von Apothekerinnen und Apothekern beeinträchtigt.

Der Gematik-Chef brachte ein neues Argument für die Freigabe von Daten ins Spiel: Die Datenverfügbarkeit sei zwar eine Entscheidung des Einzelnen, aber »wir sind in einem Solidarsystem und müssen uns gegenseitig helfen«. Wenn man Informationen verweigere, könnte sich die Behandlung dadurch verschlechtern, was sie auch teurer mache. In der jetzigen wirtschaftlichen Situation der Krankenkassen sei das nicht solidarisch.

Die Interoperabilität von Daten im Gesundheitswesen

Ein weiteres zentrales Thema war die Interoperabilität von Daten. Dies ist nicht nur ein schwieriges Wort auszusprechen – wie mehrmals im Panel bemerkt wurde –, sondern bezeichnet auch im Gesundheitswesen die Fähigkeit, unter anderem verschiedene Anwendungen und Gesundheitsdaten sicher und zeitnah auszutauschen, zu integrieren und zu nutzen. »Dabei ist es wichtig, die Daten auch zu verstehen«, sagte Eidenschink.

Laut Fuhrmann ist es von Bedeutung, die richtigen Interoperabilitätsstandards im Gesundheitswesen zu setzen und Komplexitäten zu reduzieren. Dies sei jedoch schwierig, da die Datenmärkte nicht nur von Innovation, sondern auch von Protektionismus geprägt seien. Er betonte jedoch auch, dass Deutschland ein Tool für die Konformitätsbewertung benötige. Die Konformitätsbewertung ist ein Verfahren, das die Einhaltung gesetzlicher Sicherheits- und Qualitätsanforderungen von Produkten oder Dienstleistungen nachweist.

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