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Herzinsuffizienz

Kassen setzen auf Telemedizin

Die Krankenkassen wollen Patienten mit Herzschwäche künftig besser versorgt sehen. Mithilfe der Telemedizin ließe sich nicht nur die Zahl der Krankenhaustage verringern, sondern auch die Sterblichkeitsrate, heißt es. Aktuell berät der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) über ein neues Konzept.
Christina Müller
25.03.2019
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Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) plant, digitalen und telemedizinischen Angeboten den Weg in die Regelversorgung zu ebnen. Ein konkretes Projekt, das die Kassen aktuell vorantreiben, ist ein telemedizinisches Behandlungsprogramm für Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz. „Chronische Herzschwäche war in den vergangenen zehn Jahren die häufigste Ursache für Klinikeinweisungen“, sagte die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer, in einer Mitteilung. „Wenn wir diese Zahl reduzieren könnten, wäre das sehr gut.“

Der Bedarf ist groß: Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung leiden in Deutschland zwei bis drei Millionen Patienten an Herzschwäche. Rund 300.000 kommen jedes Jahr hinzu, etwa 50.000 Menschen sterben daran. Mit fast 450.000 stationären Behandlungen pro Jahr ist sie der häufigste Grund für krankheitsbedingte Klinikaufenthalte.

Auf Antrag der Kassen prüft der G-BA nun, ob das sogenannte „Telemonitoring-basierte Management von Patienten mit Herzschwäche“ dazu beitragen kann, die Zahl der Tage, die Betroffene im Krankenhaus verbringen müssen, zu verringern und sogar Todesfälle zu verhindern. Die Teilnehmer des Programms messen täglich zu Hause etwa den Blutdruck, die Sauerstoffsättigung des Bluts sowie ihr Gewicht. Über eine VPN-gesicherte Mobilfunkverbindung übermitteln sie diese Werte an ein Telemedizinzentrum. Bei auffälligen Befunden muss das Personal sofort die behandelnden Hausärzte und Kardiologen informieren. Diese sollen innerhalb von 24 Stunden entscheiden, ob Handlungsbedarf besteht und – falls nötig – eine entsprechende Therapie einleiten.

Kassen dürfen nur zahlen, was nützt

Damit die Krankenkassen die Kosten übernehmen dürfen, muss der G-BA zunächst den Nutzen des Verfahrens bestätigen. „Wir hoffen, dass sich die Hinweise bei einer umfassenden Methodenbewertung verdichten und der Nutzen wissenschaftlich belegt werden kann“, betont Pfeiffer. Nicht immer, wenn Telemedizin im Titel von Projekten auftaucht, seien diese wirklich innovativ. „In diesem neuen Behandlungskonzept hingegen sehen wir die Chance für eine tatsächlich bessere Versorgung der Patienten.“

Bei seinem Antrag auf Nutzenbewertung stützt sich der GKV-Spitzenverband vor allem auf eine Studie, die im vergangenen Jahr im Fachjournal „Lancet“ erschien. Darin konnte das Team um Professor Friedrich Köhler von der Charité Berlin zeigen, dass zusätzliche telemedizinische Unterstützung bei der Behandlung von Herzinsuffizienz-Patienten einen Vorteil bringt: Unter den Testpersonen, die davon Gebrauch machten, lag die Anzahl der Tage, die sie pro Jahr aufgrund von Klinikaufenthalten und Tod verloren, im gewichteten Durchschnitt bei 17,8. In der Vergleichsgruppe, die lediglich die herkömmliche Therapie erhielt, waren es 24,2 Tage.

Studienautoren hoffen auf verbesserte Adhärenz

„Basierend auf den Ergebnissen müssen fünf Patienten ein Jahr lang unser System nutzen, um einen Monat zu gewinnen“, schreiben die Autoren. Sowohl die Schulung als auch die Einbindung der Betroffenen in das Krankheitsmanagement und die Behandlungsstrategie könnte demnach helfen, eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz zu verhindern, da die Teilnehmer in der Lage sind, Anzeichen und Symptome frühzeitig zu identifizieren. „Dieser ganzheitliche Ansatz hilft möglicherweise auch dabei, die Adhärenz bezüglich der Pharmakotherapie zu verbessern, weil die Patienten täglich ihre Werte messen und dazu Rückmeldung von einem telemedizinischen Zentrum erhalten.“

An der kontrollierten, randomisierten, multizentrischen Erhebung nahmen 1571 Erwachsene teil, die an Herzinsuffizienz Klasse 2 oder 3 gemäß New York Heart Association (NYHA) litten. Rund 70 Prozent von ihnen waren Männer, das mittlere Alter lag bei 70 Jahren. Sie alle waren in den zwölf Monaten vor der Randomisierung wegen ihrer Herzerkrankung in einem Krankenhaus behandelt worden. Die Forscher beobachteten die Probanden jeweils über ein Jahr hinweg.

G-BA wittert Verzerrung

Ob das Studiendesign den strengen Anforderungen des G-BA standhalten wird, bleibt abzuwarten. Bereits in den tragenden Gründen zum Beschluss, ein entsprechendes Bewertungsverfahren einzuleiten, meldet das Gremium Bedenken an. Zu berücksichtigen sei, dass in der Studie „noch andere Interventionen erfolgten, die als intensivierte Betreuung betrachtet werden können, aber nicht direkt mit dem Telemonitoring zu tun haben und auch unabhängig davon denkbar sind“, schreibt der Bundesausschuss. Dazu zähle etwa der regelmäßige Telefonkontakt zu Fachleuten.

Nachdem der G-BA den Antrag der Kassen auf Nutzenbewertung angenommen hat, ist nun das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) am Zug: Der zuständige Unterausschuss Methodenbewertung wird das IQWiG aller Wahrscheinlichkeit nach damit beauftragen, die Vor- und Nachteile des Programms zu prüfen. Die Kölner Wissenschaftler hätten dann bis September 2019 Zeit, ihren Bericht vorzulegen. Im Anschluss erhalten Unternehmer, Verbände und Sachverständige üblicherweise die Gelegenheit, schriftlich und mündlich zu dem Ergebnis Stellung zu nehmen. Mit einer Entscheidung, ob das Telemonitoring für Patienten mit Herzschwäche in die Regelversorgung aufgenommen wird, ist nach Angaben des G-BA voraussichtlich im ersten Quartal 2021 zu rechnen.

Kassen fordern konsequente Nutzen-Risiko-Bewertung

Der Antrag ist Teil einer Gesamtstrategie des GKV-Spitzenverbands. In einem separaten Positionspapier fasst er zusammen, wie digitale und telemedizinische Angebote künftig die Situation der Versicherten verbessern könnten. Die Krankenkassen fordern etwa, bei der Diskussion über innovative digitale Konzepte den Fokus konsequent auf die Nutzen-Risiko-Bewertung zu legen. „Für den GKV-Spitzenverband ist es wichtig, die Digitalisierung der Versorgung aktiv zu gestalten“, unterstreicht Pfeiffer. Der Prozess dürfe jedoch weder Selbstzweck sein, noch ein „Industrieförderprogramm“ mit Geldern der Beitragszahler. „Digital unterstützte Verfahren müssen sich daran messen lassen, ob sie die Versorgung tatsächlich qualitativ verbessern, ob sie sicher sind und ob sie Patienten nutzen.“

DOI: 10.1016/S0140-6736(18)31880-4

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