| Theo Dingermann |
| 05.01.2026 10:30 Uhr |
Die Übertragbarkeit dieses Konzepts wird durch Experimente im PS19-Modell gestützt, das eine aggressive τ-Pathologie entwickelt. Selbst in einem nahezu terminalen Krankheitsstadium führte eine kurzzeitige Behandlung mit P7C3-A20 zu messbaren kognitiven Verbesserungen und zur Normalisierung mehrerer molekularer Marker, ohne die Expression des mutierten τ-Transgens zu verändern.
Zellkultur-Experimente an humanen Gehirn-Mikrogefäßendothelzellen zeigten, dass P7C3-A20 oxidativ induzierte NAD⁺-Dysregulation, mitochondriale Funktionsstörungen und ROS-Bildung verhindert, was die Relevanz des Ansatzes für die Blut-Hirn-Schranke im menschlichen Gehirn unterstreicht.
Besondere Bedeutung kommt der integrativen Multiomics-Analyse zu. Durch den Vergleich von Gehirnproben von Mäusen und Menschen identifizieren die Forschenden 46 Proteine, deren Expression sowohl im fortgeschrittenen 5xFAD-Modell als auch im menschlichen AD-Gehirn dysreguliert ist und die sich durch P7C3-A20 normalisieren lassen. Diese Proteine sind funktionell in zentrale Prozesse wie Proteostase, RNA-Metabolismus, Translation, mitochondriale Biologie, Lipid- und Membranfunktion sowie Immun- und Axon-Leitbahnen-Signalwege eingebunden.
Für 17 dieser Proteine zeigen sich zudem übereinstimmende Veränderungen auf Transkript- und Proteinebene im menschlichen AD-Gehirn, was nahelegen könnte, sie als potenzielle Biomarker oder therapeutische Angriffspunkte in Betracht zu ziehen.
Insgesamt liefert das Autorenteam einen konzeptionell neuen Blick auf die Alzheimer-Krankheit als eine prinzipiell reversible Störung der neuronalen Resilienz. Im Zentrum steht die Wiederherstellung der NAD⁺-Homöostase. Dies ist nicht als ein singulärer Eingriff in eine isolierte Pathologie zu sehen, sondern als ein systemischer Ansatz, der mehrere krankheitsfördernde Prozesse gleichzeitig adressiert.
Diese Erkenntnisse könnten eine rationale Grundlage für neue Therapiestrategien schaffen, die über die bisher dominierenden Amyloid-zentrierten Konzepte hinausgehen und erstmals auch eine funktionelle Erholung im fortgeschrittenen Krankheitsstadium in den Blick nehmen.