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Organisierte Kriminalität
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Initiative warnt vor drohender europäischer Opioidkrise

Die »Globale Initiative gegen transnationale organisierte Kriminalität« warnt vor Vertriebszentren für Arzneimittel im Darknet und organisierter Kriminalität über digitale Lieferketten.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 19.06.2026  15:15 Uhr

Wie die »Globale Initiative gegen transnationale organisierte Kriminalität« (GI-TOC), eine unabhängige zivilgesellschaftliche Organisation mit Sitz in Genf,  in einem Bericht konstatiert, stellt der Boom bei Online-Marktplätzen für illegale Arzneimittel ein »erhebliches Risiko für die öffentliche Gesundheit und die kriminelle Dynamik in ganz Europa« dar.

Der Report des globalen Thinktanks berichtet von professionell gestalteten, mit Emojis versehenen Online-Shops, hinter denen sich eine »aufkommende Form der transnationalen organisierten Kriminalität« verberge, die unter Umgehung herkömmlicher Kontrollen ausschließlich über digitale Lieferketten agiere. Diese Marktplätze würden die Grenzen zwischen Straßendrogen und echten Arzneimitteln verwischen, um Käufer zu täuschen.

Rx-Arzneimittel: rasant wachsender Schwarzmarkt

Im Oktober 2025 warnte die Berliner Polizei vor Medikamentenfälschungen, insbesondere Arzneimitteln mit der Aufschrift »Oxycodon« und »Xanax«, die auf den ersten Blick echt wirkten. Nach Angaben der Polizei sind die enthaltenen Substanzen teils bis zu 500-mal stärker als Heroin. Schon eine einzige Tablette könne tödlich wirken. In den gefälschten Oxycodon-Präparaten würden häufig Nitazene gefunden, in gefälschten Xanax-Tabletten teilweise das synthetische Opioid Cyclorphin. Beide könnten zu Atemstillstand und schweren Vergiftungen führen. Die Fälschungen seien nur schwer zu erkennen.

Dies seien nur einige Beispiele für einen Trend: Die Kombination aus einem rasant wachsenden Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente und dem Zuwachs hochwirksamer synthetischer Opioide könnte sich zu einem oft übersehenen Faktor einer drohenden europäischen Opioidkrise entwickeln, so die Autoren des GI-TOC-Berichts.

Gefälschte Medikamente würden nicht über Apotheken in Umlauf gebracht, sondern über leicht zugängliche Online-Marktplätze, die anonyme Zahlungs- und Lieferoptionen bieten. Die Anbieter, teils im frei zugänglichen Internet zu finden, seien überwiegend auf Telegram und im Darknet aktiv und hätten sich zu Vertriebszentren für Arzneimittel entwickelt. Besonders besorgniserregend sei, dass synthetische Opioide häufig als andere Substanzen getarnt würden.

Wie dem »Organized Crime Index 2025« zu entnehmen ist, hat der Handel mit gefälschten Waren in Europa in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Dynamik des Handels mit medizinischen Produkten ist jedoch laut GI-TOC nur unzureichend erforscht.

Illegale Drogen und gefälschte Arzneimittel

Beim physischen Drogenhandel werde im Allgemeinen zwischen Straßendrogen wie Heroin, Kokain oder MDMA und pharmazeutischen Medikamenten, etwa Beruhigungs- und Schmerzmitteln, unterschieden, darunter Originale und Fälschungen. Die Nachfrage nach verschreibungspflichtigen Medikamenten, die von Straßendealern verkauft werden, wird laut GI-TOC meist durch Originalpräparate gedeckt; diese würden aus Apothekenbeständen stammen und gelangten durch übermäßige Verschreibungspraxis oder mittels gefälschter beziehungsweise gestohlener Rezepte in den illegalen Handel.

Auf Online-Marktplätzen stelle sich die Situation jedoch anders dar. Dort würden illegale Drogen gemeinsam mit gefälschten Arzneimitteln und abgezweigten Medikamenten angeboten. In Telegram-Kanälen finden sich demnach neben Kokain, MDMA und Amphetaminen auch Angebote für Xanax, Ozempic, Ketamin, Viagra und Tramadol. Diese Produkte würden häufig als Originalpräparate beworben, obwohl die Käufer kaum Möglichkeiten haben, deren Zusammensetzung oder Herkunft zu überprüfen.

Zudem würden Online-Händler im sogenannten Surface Web (dem für Suchmaschinen zugänglichen Teil des Internets) oft rechtliche Grauzonen ausnutzen, indem sie Substanzen als »Forschungschemikalien« (Research Chemicals) vermarkten.

Selbstmedikation und missbräuchlicher Konsum mischen sich

Nutzer würden sich aus verschiedensten Gründen an unregulierte Online-Plattformen wenden. Entweder, um ohne ärztlichen Rat an kostengünstige verschreibungspflichtige Medikamente zu gelangen, oder weil der Zugang zu bestimmten Produkten – etwa Ketamin oder Mitteln zur Gewichtsreduktion – stark eingeschränkt ist.

Auf dem unkontrollierten Markt würden Selbstmedikation und der Konsum zu Genusszwecken Hand in Hand gehen, heißt es im Bericht. Netzwerke der organisierten Kriminalität hätten gelernt, diese doppelte Nachfrage zu nutzen, und ein illegales Ökosystem geschaffen, das von sich wandelnden Konsummustern profitiere.

In beiderlei Hinsicht stelle dieser wachsende Handel ein ernstes Gesundheitsrisiko für Europa dar. Während Behörden sowie Einrichtungen der Schadensminimierung, Behandlung und Prävention Drogenkonsumenten im herkömmlichen Umfeld erreichen könnten, gestalte sich dies auf Online-Märkten schwierig. Folglich seien diejenigen, die Drogen über diese Online-Kanäle beziehen, weitgehend auf sich allein gestellt und hätten nur begrenzten Zugang zu Unterstützungsangeboten. Besonders gravierend seien die potenziell verheerenden Folgen des Konsums synthetischer Opioide, wie die Zahlen zu Überdosierungen und Todesfällen belegen.

Versand über Post und private Kurierdienste

Der Bericht schlussfolgert, dass der wandelnde illegale Arzneimittelmarkt eine neue Form der transnationalen organisierten Kriminalität hervorgebracht hat. Digitalisierte Lieferketten würden Länder wie China, Indien und Pakistan – die von europäischen Behörden wiederholt als zentrale Herkunftsmärkte identifiziert wurden – über das Darknet mit Zwischenhändlern in Europa verbinden. Überraschenderweise bilden laut  GI-TOC transkontinentale Post- und private Kurierdienste das kaum kontrollierbare Rückgrat dieses Marktes, da die schiere Größe dieser Branche die Aufdeckung extrem erschwere.

Bei den transnationalen kriminellen Akteuren hinter diesem neuen Handel handelt es sich laut GI-TOC nicht um klassische Kartelle oder Mafiaorganisationen, sondern um unauffällige digitale Netzwerke, die sich herkömmlichen Ansätzen zur Bekämpfung des illegalen Handels entziehen. Diese Gruppen würden sich zunutze machen, dass die Trennung zwischen Straßenhandel und Apothekenwesen die Realitäten des Marktes nicht mehr widerspiegele.

Gleichzeitig würden sich die Zuständigkeitsbereiche von Strafverfolgungsbehörden (zur Bekämpfung des Drogenangebots) und Zollbehörden (zur Kontrolle des grenzüberschreitenden Handels) überschneiden, ohne dass diese immer klar abgegrenzt wären.  Europa müsse erst noch eine Antwort auf diese neue Form der organisierten Kriminalität finden, die eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstelle.

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