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Zur Geschichte der deutschen Apothekenbetriebserlaubnis

04.09.2000
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-TitelGovi-Verlag

DICHTUNG UND WAHRHEIT

Zur Geschichte der deutschen Apothekenbetriebserlaubnis

von Karlheinz Bartels, Lohr a. Main

Dichtung und Wahrheit - nicht nur der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe (1) pendelte zwischen diesen beiden Polen, sondern vielfach auch die Geschichtsschreibung; dies konnte und kann gravierende Folgen haben. Nicht unerhebliche Nachwirkungen in der deutschen Apothekengesetzgebung zeitigte eine "Dichtung" in der Pharmaziegeschichte.

"Vom 14. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war das 'Privileg' ... in fast allen deutschen Ländern die übliche Form der Apotheken-Betriebsrechte" (2). Diese These beeinflusste ein für den deutschen Apothekerstand entscheidendes Gerichtsurteil, nämlich das "Karlsruher Urteil" von 1958 des höchsten deutschen Gerichtes. Das Bundesverfassungsgericht legte fest, dass allein die Niederlassungsfreiheit der Apotheker der Verfassung entspreche. Das Urteil wurde dann Grundlage des zwei Jahre später erlassenen Gesetzes über das Apothekenwesen. Das Gericht legte dabei großen Wert auf eine geschichtliche Begründung, es urteilte expressis verbis "auf der Grundlage der historischen Entwicklung" (3). Mit seiner Feststellung, "die rechtliche Grundlage der Berufsausübung des Apothekers war das von der Obrigkeit erteilte Privileg", ging es aber von falschen geschichtlichen Voraussetzungen aus.

Diese unkorrekten Vorstellungen finden sich nach wie vor in den zuständigen Lehrbüchern wie auch in den Gesetzeskunden für Apotheker, selbst in den jeweils neuesten Auflagen (4). Somit gehen sie auch in die Ausbildung des Apothekers ein: Die Geschichte der Apothekenbetriebsrechte zählt nach der deutschen Approbationsordnung zu den zu lehrenden und zu prüfenden Stoffgebieten.

Dass das Apothekenprivileg falsch bewertet wird und damit Gerichte, Apothekengesetzgebung wie auch die Lehrbücher zur Apothekerausbildung auf falschen geschichtlichen Voraussetzungen beruhen, wird im Folgenden nachgewiesen.

Warum bedarf es einer Apothekenbetriebserlaubnis?

"Wer eine Apotheke betreiben will, bedarf der Erlaubnis der zuständigen Behörde". Diesen Paragraphen des derzeit gültigen deutschen Gesetzes über das Apothekenwesen begründete das Bundesverfassungsgericht 1958 damit, "daß eine geordnete Arzneimittelversorgung zum Schutz der Volksgesundheit unumgänglich ist" (5). Etwas umständlicher formulierte das preußische Medizinaledikt von 1725: "Weil auch des Landes Wohlfahrt, der Patienten Leben und Gesundheit, auch derer Medicorum Ehre und Reputation, nächst andern an derer Apotheker Fleiss, Wissenschaft und Treue hänget, ...".

Das Arzneimittel galt schon immer als Ware besonderer Art, als wichtigstes therapeutisches Instrument und Sozialgut, als "der größten, nutzlichsten und nothwendigsten geschencken Gottes eines" (6). Seit jeher war eine Genehmigung für den Handel mit ihm erforderlich: Als Voraussetzung für die Berufsausübung in Form des Betriebs einer Apotheke musste der Apotheker gesundheitspolitische Normen anerkennen und befolgen. So heißt es bereits im ältesten bekannten deutschsprachigen Apothekereid, dem Basler Eid vom Anfang des 15. Jahrhunderts, dass niemand zu Basel eine Apotheke haben noch Apotheker werden darf, er sei denn sowohl in Praxis wie in Theorie der pharmazeutischen Künste erfahren und vom Rat vereidigt (7).

Die Obrigkeit griff also aus öffentlichem Interesse in die Entwicklung der Herstellung von und des Handels mit Arzneimitteln ein und verlangte für den Betrieb einer Apotheke eine besondere Erlaubnis.

Die eidliche Bindung als früheste Form der Apothekenbetriebserlaubnis

Als erste obrigkeitliche Normierung des Apothekenwesens im deutschsprachigen Raum muss man den Berufseid des Apothekers ansehen; daran war die Erlaubnis zur Berufsausübung und zum Betrieb einer Apotheke gekoppelt. Die ersten Apothekereide sind im deutschsprachigen Raum bereits aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erhalten (Basel 1309/21, Nürnberg 1338/60) (8). Auch in der ältesten bekannten deutschen Medizinalordnung, der von Breslau (1335/1364), ist festgelegt, ein Apotheker dürfe nur dann Arzneimittelhandel betreiben, wenn er "gesworn habe vor den rathmannen" (9).

Der Eid ist im Rechtswesen die feierliche und damit verbindliche Bekräftigung, bestimmte Pflichten zu erfüllen, in unserem Falle das Gemeinwesen ordnungsgemäß mit Arzneimitteln zu versorgen. Damit waren die Ausübung des Apothekerberufes und der Betrieb einer Apotheke, also Herstellung, Lagerung und Vertrieb der Arzneimittel, mit bestimmten Voraussetzungen und Auflagen verbunden. Die Verpflichtung, das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung als Maxime zu achten, hob den Arzneimittelfachmann aus dem Stand des Einzelhändlers heraus. Der Eid war somit zugleich Berufsordnung und Betriebserlaubnis.

Dass der Apothekereid als Betriebserlaubnis galt, lässt sich vielfach belegen. Bereits im Basler Eid ist festgelegt, wer eine Apotheke betreibt "sol .... dem rate ein sondern eid sweren". Als 1461 in Frankfurt a. M. die Arzneiwarenhändler den neu eingeführten Eid nicht leisten wollten, holte sich der Stadtrat seinen Apotheker von auswärts, von Lübeck. Dieser verpflichtete sich, qualitativ einwandfreie "Materialien der Arznei" zu führen, nach bestimmten Arzneibüchern zu arbeiten, die Rezepte korrekt anzufertigen, angemessene Preise zu nehmen und sich Visitationen zu unterwerfen. Der Lübecker erhielt dadurch - im Gegensatz zu den Eidverweigerern - die Erlaubnis eine Apotheke zu betreiben. In Kitzingen legte 1609 ein Apotheker den Eid nicht mehr ab, "weil er seiner Apotheke nicht mehr gebrauche", er gab also die Betriebserlaubnis zurück. Die Universitäten und Hohen Schulen verpflichteten sich die Leiter ihrer Apotheken zumeist per Eid, unter anderem in Helmstedt 1579 und Burgsteinfurt 1611. Medizinalordnungen wie die von Schleswig-Holstein aus dem Jahre 1612 verlangten die Eidesleistung als Voraussetzung für die Niederlassung als Apotheker (10).

Der Vertrag als Variante: der Apothekerdienstbrief

Die älteste Art der Apothekenbetriebserlaubnisse war demnach der Apothekereid. Etwa hundert Jahre später - gegen Ende des 14. Jahrhunderts - erschien als neue Form der Apothekerdienstbrief. Dieser galt wie der Eid für ein bestimmtes Gebiet, war aber - im Gegensatz zum Eid - auf die individuelle Person des Apothekers zugeschnitten.

Der Dienstbrief ist nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (11) ein Vertrag, durch den der eine Teil, der Dienstverpflichtete, dem anderen, dem Dienstberechtigten oder Dienstherrn, die Leistung von Diensten gegen Vergütung verspricht. Diese Beschreibung gilt auch für die alten Apothekerdienstbriefe (12). Die Leistung des Apothekers war die fachgerechte Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln; die Gegenleistung des Dienstherrn, zumeist einer Stadt, bestand manchmal aus Zuschüssen in Geld oder Naturalien, im allgemeinen aber in der Befreiung von städtischen Abgaben und Lasten. Rechte und Pflichten wurden zwischen Apotheker und Stadt ausgehandelt; in Neuburg an der Donau zogen sich 1554 die Verhandlungen über drei Tage hin (13).

Der mittelalterliche Dienstbrief war Bestallung (Approbation), Betriebserlaubnis und apothekenrechtliche Normierung zugleich: "wir Bürgermeister und Rat bestellen zu unserem geschworenen Apotheker". Die Apotheker führten bei diesem Vertragsverhältnis ihre Offizin eigenverantwortlich und auf eigene Rechnung. Der Kontrakt war ein Vertrag zum Betreiben einer Apotheke und ist nicht zu verwechseln mit den Dienstbriefen als Zeugnisse für Apothekerlehrlinge und Gesellen.

Erste Apothekerdienstbriefe erscheinen 1383 in Konstanz, 1394 in Freiburg, 1414 in Regensburg, 1428 in Nördlingen, 1440 in Rothenburg und 1445 in Würzburg. In Hamburg wurden neben der stadteigenen Rats-Apotheke ab 1618 private Apotheken per "Contract" zugelassen (14).

Die Rats-Apotheke als norddeutsches Pendant

Bei den bisherigen Varianten der Apothekenbetriebserlaubnisse - Eid und Dienstbrief - erhielt der einzelne Apotheker von der jeweiligen Obrigkeit - Stadt oder Staat - die Konzession persönlich übertragen. Eine weitere Version bestand darin, dass die Apothekenbetriebserlaubnis bei der Kommune oder dem Staat verblieb und der Apotheker die Offizin, die dem Staat gehörte, nur als Angestellter oder Pächter leitete. Die Obrigkeit besaß hierbei die direkte Kontrolle über die ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. Deshalb gibt es in den Verträgen und Eiden dieser Apotheker nur wenige Bestimmungen. Außer einer korrekten Betriebsführung wurde vor allem genaue Rechnungslegung und gewissenhafte Verwaltung der Einnahmen verlangt. Die Begründung für diese Art des Apothekenbetriebes lieferte der Rat der Stadt Schweinfurt: "... um das Apothekenwesen zu regeln und in der Hand zu behalten" (15).

Die ersten stadteigenen Apotheken, die Rats-Apotheken, erschienen im 15. Jahrhundert vor allem in Norddeutschland nahezu gleichzeitig mit den zumeist in Süddeutschland ausgestellten Dienstbriefen, beide aber noch vor den Privilegien. Diese stadteigenen Rats- oder Stadt-Apotheken sind nicht zu verwechseln mit den heute so firmierenden Apotheken, die in Privatbesitz sind. Als Beispiele früher echter Rats-Apotheken seien die in Lübeck (1412), Schweinfurt (1412/1572), Hamburg (1472/73), Lüneburg (14759), Braunschweig (1479), Bremen (1510/1530), Rostock (1571) und Wismar (1582) genannt (16).

Eine weitere Form der staatseigenen Apotheke, die der echten, im Besitz des Landesherrn befindlichen Hof-Apotheke, ist bereits im 15. Jahrhundert nachgewiesen, so in Liegnitz bis 1474 und in Kassel ab 1475.

Legitimation durch die Landesherrschaft: das Apothekenprivileg Als Privileg bezeichnet man eine Verordnung, Berechtigung oder Sonderregelung zugunsten einer Person, einer Gruppe oder eines Grundstückes. Dieses Individualrecht galt ursprünglich nur für die bedachte Person (jus speciale), Nachfolger mussten es für sich erneuern lassen. Erst später wurde es zu einem vererblichen und veräußerlichen Recht und mit dem Grundstück (radiziertes Realrecht) verbunden. Im Gegensatz zu den Eiden und den Dienstbriefen waren die Privilegien ein Rechtsakt der jeweiligen Obrigkeit (Stadt oder Landesherr) und kein Verwaltungsakt. Auf die verschiedenen Untergruppen der Apothekenprivilegien wie (un-)vererblich, (un-)veräußerlich, subjektiv-dinglich, -persönlich, radiziert, Gesamt-Privileg sowie ihre Umwandlung in Realrechte und auf das Konzessions- (Real-, Personal-) und das Lizenz-System soll nicht eingegangen werden (17).

Wie in den Dienstbriefen waren auch in den Apothekenprivilegien sowohl bürgerlich-rechtliche als auch apothekenrechtliche Bestimmungen enthalten; Vorrechte waren mit Auflagen für den ordnungsgemäßen Betrieb einer ("wohlbestellten") Apotheke verknüpft. Als Rechte wurden eingeräumt (jeweils unterschiedlich): Vererbbarkeit und Veräußerlichkeit der Erlaubnis, Befreiung von Lasten (wie Frohn- und Wachdiensten, Einquartierungen) und Abgaben (Steuern, Zölle), Personalfreiheit, Niederlassungsbeschränkung für weitere Apotheken, Alleinvertrieb von Arzneimitteln, Genehmigung von Nebengeschäften wie der Verkauf von Wein, Gewürzen und ähnliche Waren. Als bürgerliche Pflichten waren in einigen Privilegien Abgaben und Gebühren (Schutzgeld, Erbzins, 'pension') festgelegt.

In Bezug auf seine Berufsausübung - "die Bevölkerung ordnungsgemäß mit Arzneimitteln zu versorgen" - musste sich der Apotheker verpflichten (nicht alle der nachfolgend genannten Auflagen kommen in jedem Privileg vor),

  • seinen Beruf gewissenhaft auszuüben ("wohlbestellte" Apotheke),
  • nicht in die ärztliche Berufsausübung einzugreifen ("keine recepta machen"),
  • nur qualifiziertes Personal einzustellen,
  • nur qualitativ einwandfreie Arzneimittel abzugeben ("gute, düchtige, frische materialien und gerechte medicamenta"),
  • genügend und die "notwendigen" Arzneimittel vorrätig zu haben,
  • "rechte" Maße und Gewichte zu verwenden,
  • kein Gift oder "schädliche Species" ohne behördliche Erlaubnis abzugeben,
  • sich den Überprüfungen der Apotheke ("Visitationes") zu stellen,
  • nur angemessene ("gerechte") Arzneipreise zu berechnen,
  • ständig dienstbereit zu sein ("bei Tag und Nacht"),
  • sich an die derzeit gültigen und an künftig erlassene Apotheker- und Arzneitax-Ordnungen zu halten.

Exklusivrechte dienen der Bevölkerung

Mit dem "Exclusiv-Privileg", das heißt mit dem Ausschluss von Konkurrenz, suchte die Obrigkeit der Allgemeinheit einen gemeinnützigen Betrieb zu sichern - wie Apotheke, Gastwirtschaft, Brauerei oder Buchdruckerei - und Auflagen für einen "wohlbestellten" Betrieb und für eine ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung durchzusetzen.

Die ökonomische Situation des gemeinnützigen Betriebes Apotheke sollte staatlicherseits abgesichert werden vor allem durch den Ausschluss von Neugründungen und den Alleinvertrieb von Arzneimitteln, damit der Apotheker die Auflagen korrekt erfüllen konnte. Zwei Apotheken würden "einander nothwendig ruiniren" und eine geregelte Arzneiversorgung nicht mehr gewährleisten können; vor allem für Notfälle sei eine "wohlbestellte" Offizin wichtig, der Apotheker könne so die vorgeschriebene Arzneipreise "ohne Schaden" einhalten. Summa summarum: Die Vorrechte bezweckten, dass die Apotheker in der Lage waren, "ihr Ampt in allem trewlich und nach anleyt dieser unserer ordnung" auszuüben nach der Maxime "salus aegrotorum suprema lex" (18).

"Hauptbeweggrund ... der Verleihung (von Privilegien war) im allgemeinen die Sorge um das öffentliche Wohl", resümierte Alfred Adlung in seiner Abhandlung über die Apothekenbesitzrechte in den deutschen Ländern (19). Dies bestätigte auch der Leiter des Referates Apotheken- und Arzneimittelwesen im Bundesministerium des Inneren und Sachverständiger beim BVG-Urteil von 1958, H. Danner: "Die im öffentlichen Interesse zu fordernde Zuverlässigkeit im Verkehr mit Arzneimitteln veranlaßte die Obrigkeit, von den Arzneimittel-Herstellern entsprechende Kenntnisse in der Arzneizubereitung zu verlangen und ihnen, gegenüber den übrigen Berufen, einschränkende Verpflichtungen in der Ausübung ihres Gewerbes (Vorschriften über Güte, Aufbewahrung, Lagerhaltung, Zubereitung und Abgabe der Arzneimittel sowie deren Preise - Deutsches Arzneibuch, Apothekenbetriebsordnung, Arzneitaxe) aufzuerlegen. Zum Ausgleich für diese Einschränkungen erhielten sie andererseits besondere Rechte (Schutz vor Konkurrenz in Form von Privilegien und Konzessionen). So entstanden in Deutschland die Apotheken als von der Behörde geschützte und überwachte Einrichtungen" (20).

Grund der Privilegierungen war demnach nicht, den Apotheker zu begünstigen, sondern dem Schutz der Gesundheit der Bevölkerung zu dienen. Der Verleiher des Privilegs behielt sich zumeist das Recht vor, bei Veränderung der Umstände das Privileg "zu minderen oder gar aufzuheben". Dass sich die Exklusivrechte nicht immer als dauerhaft erwiesen, zeigt die Geschichte des Hammelburger Apothekenwesens: 1680 sicherte man dem Apotheker zu, dass keine weitere Apotheke zugelassen werde, bereits neun Jahre später (1689) wurde eine Neugründung genehmigt (21).

Die "Dichtung" um das älteste deutsche Apothekenprivileg

Frühe Apothekenprivilegien sind erst Ende des 15. Jahrhunderts nachgewiesen: 1481/82 Berlin, 1536 Zittau, 1539 Zeitz, 1542 Bautzen, 1545 Stettin. In der offiziellen Pharmaziegeschichtsschreibung gilt aber noch heute das Privileg der brandenburgischen Kleinstadt Prenzlau aus dem Jahre 1303 als "das älteste deutsche Apothekenprivileg" (22). Diese Urkunde beinhaltet nur die Privilegierung eines Ladengeschäftes, da außer dem Terminus "apoteca" keinerlei pharmazeutisch-medizinischer Bezug zu finden ist. Dazu kommt, dass zur nächsten Erwähnung einer Apotheke in Prenzlau (1572) eine Lücke von 270 Jahren klafft (23). Hier dürfte eine falsche Auslegung des Terminus "apoteca" vorliegen: Bis ins 14. Jahrhundert bedeutete "apoteca" einfach einen gewerblich genutzten Raum, ein Ladenlokal und nicht 'Apotheke' im heutigen Sinne. Auf die gleiche Falschinterpretation gehen auch die Datierungen der angeblich ältesten deutschen Apotheken zurück.

Die Bedeutung des Privilegs überschätzt?

Das Apothekenprivileg ist weder die "einzige" noch die "übliche Form der Apotheken-Betriebsrechte", sondern nur eine Variante neben anderen Formen wie Eid, Dienstbrief, städtischen und staatlichen Apotheken. Auch war es nicht die früheste Form der Apothekenbetriebsrechte, sondern entstand etwa 180 Jahre nach dem Eid, rund 100 Jahre nach dem Dienstbrief; die Einrichtung der Rats-Apotheken datiert circa siebzig Jahre früher.

Darüber hinaus besaßen in vielen Kommunen die Apotheken überhaupt kein Privileg, vor allem in den Hansestädten und in den freien Reichsstädten wie in Augsburg, Bremen, Hamburg und Rothenburg. In Nürnberg wurde ein Privileg erst 1654 ausgestellt, in Frankfurt a. M. erst 1691, auch in Mainz erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Für Alt-Württemberg spielte das Privileg nur eine "untergeordnete Rolle" (24). Viele Apotheken wurden erst Jahre nach ihrer Gründung privilegiert, meist auf Antrag des Inhabers, der seinen Betrieb absichern wollte. Manchmal geschah dies erst Jahrhunderte später wie in Nürnberg und in Regensburg. In Ostheim vor der Rhön war die Apotheke viele Jahre nach der vor 1585 erfolgten Gründung "noch mit keinem Privileg versehen"; dieses erhielt sie erst 1679.

Die Sentenz in dem Standardwerk der deutschen Pharmaziegeschichte von 1935 über das Privileg als übliche Form der Apothekenbetriebserlaubnis wurde vorher nicht einmal von den beiden Autoren vertreten. Georg Urdang stellte 1927 fest: "die ältesten Bremer Apotheken müssen wir uns als vollständig freie Betriebe vorstellen, die weder durch irgendeinen staatlichen Hoheitsakt privilegiert oder konzessioniert ... waren." Sein Ko-Autor Alfred Adlung registrierte im gleichen Jahr, dass "ein großer Teil der Hamburger Apotheken weder den Charakter eines Privilegiums noch den einer Konzession" hatte. Trotzdem bezeichnete er die Privilegien als "die älteste Form der deutschen Apothekenbesitzrechte" und verband später die Existenz einer "richtigen" Apotheke sogar mit deren Privilegierung (25).

Regelung innerhalb des Zunftwesens? Die These, dass das "Recht zur Errichtung von Apotheken" mit dem Zunftwesen verknüpft sei, trifft für Frankreich, England, Italien und Spanien zu, nicht aber für den deutschsprachigen Raum. Hier gehörte der Apotheker nicht als Medizinalperson "zwangsweise" (26) einer Zunft an, sondern höchstens als gewerbetreibender Einzelhändler, so wie er heute noch Pflichtmitglied sowohl der Apothekerkammer wie der Industrie- und Handelskammer ist.

Die Zünfte und Gilden besaßen aber nur Kompetenzen auf gewerblichem Gebiet wie Kontrolle des Handels mit zunftpflichtigen Waren wie Gewürzdrogen oder Überprüfung der Gewichte und der Waagen, nicht aber auf dem medizinalpolitisch-apothekenspezifischen Gebiet wie Erteilung von Betriebserlaubnissen, Vereidigung auf ordnungsgemäße Berufsausübung, Ausbildung und Kontrolle (Visitation) und Handel mit apothekenspezifischen Artikeln (27). Der öffentliche Auftrag der Arzneimittelversorgung war nicht berufsintern zu regeln.

Bereits im 15. Jahrhundert forderte der Basler Stadtarzt, dass der Stadtrat sich selbst um das Apothekenwesen kümmern müsse, da nicht einmal bei einer kleinen Zunft eine gleichartige Berufsausübung gewährleistet sei und es hier um „Leib und Leben„ gehe (28). Der Stadtarzt stellte demnach fest, dass die Ordnung des Apothekenwesens zu wichtig sei, um sie einer Zunft zu überlassen. 1545 wiesen die Basler Apotheker ausdrücklich daraufhin, dass sie nicht unter die Handwerker gezählt werden dürfen - 200 Jahre später (1749) die Mainzer Apotheker, dass "in der gantzen Welt nie erhört worden, daß die Apotheken unter einer Zunft stehen". Die Nürnberger Apotheker zählten zum Stand der 'Ehrbaren', dem Stand der Patrizier, vermögenden Kaufleute und Gelehrten, nicht zu den zunftpflichtigen Handwerkern (29).

Wenn deutsche Apotheker einer Zunft angehörten, dann nicht aus medizinal-, sondern zumeist aus kommunalpolitischen Gründen, um sich über diese politisch anerkannte Gemeinschaft für städtische Ämter zu qualifizieren (30).

"Radikalmittel" Niederlassungsbeschränkung

Das Bundesverfassungsgericht konstatierte 1958: "es liegt ... in der deutschen Tradition, auf dem Gebiete des Apothekenrechts das Radikalmittel der Zulassungsbeschränkung anzuwenden" (31). Hierbei berief es sich auf das pharmaziegeschichtliche Werk von Georg Urdang und Hans Dieckmann; es berücksichtigte nicht, dass auch diese beiden Autoren eindeutig die Bevorrechtigungen des Apothekers wie die Niederlassungsbeschränkung als Folge der "in detaillierter Form (vorgeschriebenen) Pflichten" betrachteten (32). Das Gericht stellte fest, "... die Arzneimittelherstellung ist bis auf einen geringfügigen Rest von der Apotheke in die Industrie verlagert worden ...", und folgerte daraus, "... damit haben sich auch die mit ihr verbundenen Gefahren, die von altersher die Sonderstellung der Apotheken begründet haben, verlagert ..." (33). Es übersah dabei, dass der Beruf des Apothekers nicht allein auf der Herstellung der Arzneimittel beruht, sondern den gesamten Komplex Arzneimittel umfasst, also auch die Verantwortung für Beschaffung, richtige Aufbewahrung und genügende Lagerhaltung, für korrekte Abgabe und ausreichende Beratung, für Identität und Qualität durch Prüfungen, für die gewissenhafte Anfertigung der Rezepturen und für viele weitere Leistungen.

Jahrhunderte lang wurde der in allen Formen der Apothekenbetriebserlaubnis eingehaltene Grundgedanke des "do-ut-des" (34), der Balance zwischen Bevorrechtigungen und rechtlichen Auflagen, beachtet. Aus gesundheits- und volkswirtschaftspolitischen Erwägungen erhielt der bis an die Grenzen des Zumutbaren reglementierte Beruf (35) 'Privilegien' als Ausgleich. Das Bundesverfassungsgericht hätte an einer Vielzahl von Gegebenheiten auch historischer Art anknüpfen können; es urteilte angeblich auf den "Grundlagen historischer Entwicklung", berücksichtigte diese aber nicht. Zudem waren auch seine Prognosen für die zukünftige Entwicklung des Apothekenwesens falsch (36). Somit ist der Standpunkt des Bundesverfassungsgerichtes - "nach Überzeugung (des BVG) entspricht gegenwärtig allein die Niederlassungsfreiheit, verstanden als das Fehlen objektiver Beschränkungen der Zulassung, der Verfassungslage" (37) - nicht überzeugend. Auch die sich mit "historischen Rückblicken" schmückenden Argumente aus der Zeit um 1950, die für die Ausdehnung der Gewerbefreiheit auf die Apotheken plädierten, litten schon unter der Unkenntnis der wirklichen historischen Entwicklung (38).

Was als Resümee bleibt Gerichte, Lehrbücher und Gesetzeskunden betonen die Wichtigkeit und Gewichtigkeit der Pharmaziegeschichte - "dem geschichtlichen Hintergrund ... des Apothekenrechts ... kommt ... auch heute noch aktuelle Bedeutung zu". Das BVG urteilte 1958 expressis verbis "auf der Grundlage der historischen Entwicklung" (39). Alle diese Institutionen machten sich aber nicht die Mühe, neue und aktuelle Forschungsergebnisse in diesem Fach zu berücksichtigen. Die Pharmaziegeschichte hat einen höheren Stellenwert als nur der "Ausweitung der Humanitas" der Pharmazeuten (40) zu dienen.

Während man dem deutschen Dichterfürsten bei seinen autobiographischen Retrospektiven dichterische Freiheiten zugesteht, sollten sich wissenschaftliche und juristische Institutionen an die geschichtlichen Wahrheiten halten und die Erkenntnisse auch der Pharmaziehistoriker nutzen, eben unterscheiden zwischen: Dichtung und Wahrheit.

Literatur:

  1. Goethe, J. W., Aus meinem Leben - Dichtung und Wahrheit (1811-1822).
  2. Adlung, A., Urdang, G., Grundriß der Geschichte der deutschen Pharmazie. Berlin 1935, S.42.
  3. Dr. M. (Meyer, H.), Die Entscheidung! Nach der Überzeugung des Bundesverfassungsgerichtes entspricht gegenwärtig allein die Niederlassungsfreiheit für Apotheker der Verfassungslage. Pharm. Ztg. 103 (1958) 606, 608. Das BVG stützte sich hauptsächlich auf Urdang, G., Dieckmann, H., Einführung in die Geschichte der Pharmazie. Frankfurt 1954, S.59-64.
  4. Kovar, K. A., Der Pharmaziepraktikant. Ein Leitfaden für den Dritten Prüfungsabschnitt nach der Approbationsordnung für Apotheker. 5. Aufl., Stuttgart 1994. Hügel, H., Fischer, J., Kohm, B., Pharmazeutische Gesetzeskunde. Textsammlung für Studium und Praxis. 30. Aufl., Stuttgart 1995. Schiedermair, R., Pohl, H. U., Gesetzeskunde für Apotheker. 13. Aufl. ("neu bearbeitete" Gesetzeskunde) Frankfurt 1996, S.29f.
  5. Meyer (wie 3), S. 604.
  6. Prof. Martin Wehling, Institut für klinische Pharmakologie der Universität Heidelberg, am 2.12.1998 in der ZDF-Sendung „Praxis - das Gesundheitsmagazin„. Dr. Max Brentano-Motta, Präsident des Schweizer. Apothekervereins. S. Pharm. Ztg. 143 (1998) 1625. Ludwig von Hornigk 1645 in seiner 'Politia medica'; zitiert nach Leidig, G., Zur Standesethik des Apothekers. Diss. Marburg 1997, S. 132.
  7. Schmitz, R., Merkelbach, C., Über die Datierung des Basler Apothekereides. Pharm. Ztg. 106 (1961) 1138-1140.
  8. Adlung, A., Vergleichende Zusammenstellung der ältesten deutschen Apothekerordnungen. Mittenwald 1931, S.13/14, 20. Schmitz/Merkelbach (wie 7). Schmitz, R., Philipp, E., Der Nürnberger Apothekereid (1338/1360). Pharm. Ztg. 106 (1961) 311-315
  9. Lingelsheim, A., Peters, K., Über die bisher älteste Arzneitaxe Deutschlands und eine mit ihr verbundene Medizinalordnung. Apoth. Ztg. 42 (1927) 838-839. Adlung (wie 8), S. 17.
  10. Rittershausen, P., Studien zur Geschichte des älteren Apothekenwesens der Freien Reichsstadt Frankfurt von den Anfängen bis zum Jahre 1500. Diss. Marburg 1970, S.146-152. Friede, H., Aus der Geschichte des Kitzinger Apothekenwesens. Süddt. Apoth. Ztg. 70 (1930) 464. Wittop Koning, D. A., Die frühen deutschen Universitäts-Apotheken. Pharm. Ztg. 120 (1975) 944-947. Habernoll, A., Die Entwicklung des Apothekenrechtes und der privilegierten Apotheken in Schleswig-Holstein. Eutin 1951, S. 14.
  11. Bürgerliches Gesetzbuch. 30. Aufl., München 1987, § 611f.
  12. Bartels, K., Apotheker-Dienstbriefe. In: Perspektiven der Pharmaziegeschichte. Festschrift für Rudolf Schmitz. Graz 1983. S. 1-12.
  13. Bartels, K., Vertragspoker vor 425 Jahren - der Neuburger Apothekerdienstbrief von 1554. Dtsch. Apoth. Ztg. 121 (1981) 450-453.
  14. Bartels (wie 12), S.4. Kohlhaas-Christ, C., Zur Geschichte des Apothekenwesens in Hamburg - von den Anfängen bis zum Erlaß der Medizinalordnung von 1818. Stuttgart 1985. S. 151, 256 (s. auch 154, 159, 167, 170, 175). Kohlhaas-Christ unterscheidet nicht exakt zwischen Vertrag (Contract) und Privileg.
  15. Bartels, K., Die Rats-Apotheke in Schweinfurt. Pharm. Ztg. 142 (1997) 1056.
  16. Bartels (wie 15). Urdang, G., Die Apothekenbetriebsrechte in der freien Hansestadt Bremen. Pharm. Ztg. 72 (1927) 1109-1112. Lüdtke, C., Das Apothekenwesen in Mecklenburg von seinen Anfängen bis gegen 1630. Diss. Halle-Wittenberg 1958. S. 139, 154.
  17. Vgl. dazu Adlung, A., Die Apothekenbesitzrechte in den deutschen Ländern. Berlin 1927, S. 5-14. Adlung/Urdang (wie 2), S. 25f, 38-45. Hügel/Fischer/Kohm (wie 4), S. 133/134.
  18. So zum Beispiel begründet in den Medizinalordnungen von Frankfurt (1612) und Mainz (1618).
  19. Adlung (wie 17), S.3.
  20. Danner, H., Prinzipien und Probleme des Arzneimittelverkehrs. Dtsch. Apoth. Ztg. 92 (1952) 418.
  21. Ullrich, H., Chronik der Stadt Hammelburg. Wildflecken 1954, S. 292.
  22. U.a. Schmidt, F., Das älteste deutsche Apothekenprivileg. Der Deutsche Apotheker 11 (1959) 213-215. Dann, G. E., Einführung in die Pharmaziegeschichte. Stuttgart 1975. S.42. Lürmann, H. G., Zur Geschichte der Prenzlauer Apotheken. Neubrandenburg 1988. S. 3. Graf, E., Grundzüge der Geschichte der Pharmazie. In: Kovar (wie 4), S. 476. Schmitz, R., Geschichte der Pharmazie. Bd. I, Frankfurt 1998, S. 449, 543.
  23. Lürmann (wie 22), S. 5.
  24. Philipp, E., Das Medizinal- und Apothekenrecht in Nürnberg. Frankfurt 1962, S. 57,73. Goßmann, H., Das Collegium Pharmaceuticum Norimbergense und sein Einfluß auf das Nürnbergische Apothekenwesen. Frankfurt 1966. S. 47 (einziges Privileg 1654 für die Apotheke „zur goldenen Kugel„); Dadder, H., Das Apothekenwesen von Stadt- und Erzstift Mainz. Frankfurt 1961, S. 117, 119. Wankmüller, A., Die historische Entwicklung der Apothekenvermehrung in Württemberg. Pharm. Ztg. 87 (1951) 714.
  25. Urdang (wie 16), S. 1109. Adlung (wie 17), S. 20, 82. Adlung, A., Die Apotheken zu Brandenburg a. d. Havel in der Zeit vom 16. bis 18. Jahrhundert. Apoth. Ztg. 47 (1932) 445.
  26. Stoll, C., Der Apotheker in der deutschen Stadt des Mittelalters - Seine berufliche und gesellschaftliche Stellung. Diss. Marburg 1975, S. 91f, 95.
  27. Häfliger, J. A., Das Apothekenwesen Basels. Sonderdruck der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (Mittenwald) aus: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Bd. 36/37 (1937/1938), S. 125f, 168. Stoll (wie 26), S. 133.
  28. Häfliger, J. A., Basels mittelalterliche Apothekenverordnungen. Beitrag zur geschichtlichen Entwicklung des Medizinalwesens. Pharmaceutica Acta Helvetiae 1 (1926) S. 163
  29. Häfliger (wie 27), S. 124. Bartels, K., Goßmann, H., Apothekervereinigungen im deutschsprachigen Raum vor Entstehung der Landesvereine - Collegia pharmaceutica (I). Pharm. Ztg. 118 (1973) 122. Goßmann (wie 24), S.29f.
  30. Häfliger (wie 27), S. 77, 84, 113, 124, 127, 187, 232, 315.
  31. Meyer (wie 3), S. 620. Schmitz (wie 22), S. 534.
  32. Urdang / Dieckmann (wie 3), S. 63, 64.
  33. Meyer (wie 3), S. 618.
  34. Bartels, K., Do ut des. Staat und Apotheker - oder was Blüm aus der Geschichte lernen könnte. Dtsch. Apoth. Ztg. 128 (1988) 1314-1319.
  35. Martin, R., Niederlassungsbeschränkung - ja oder nein. Pharm. Ztg. 121 (1976) 1791.
  36. Ahlgrimm, E.-D., Niederlassung für Apotheker. Pharm. Ztg. 122 (1977) 1417.
  37. Meyer (wie 3), S. 620.
  38. Wankmüller (wie 24), S. 714.
  39. Schiedermair/Pohl (wie 4), S. 24. Meyer (wie 3), S. 608.
  40. Schmitz, R., Die moderne Bedeutung der Pharmaziegeschichte. Archiv der Pharmazie 291 (1958) 226.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Karlheinz Bartels
Marien-Apotheke
Hauptstraße 10
97816 Lohr a. Main
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