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Sensibel substituieren

11.07.2005
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Vitamin B6

Sensibel substituieren

von Beatrix Sommer, Krefeld

Vitamin B6 ist für den Menschen essenziell. In ernährungs- oder arzneimittelbedingten Mangelsituationen oder bei seltenen pyridoxinabhängigen Erkrankungen ist eine Substitution daher notwendig. Strittig ist sie hingegen bei einer Reihe breit gefächerter Indikationen wie Übelkeit in der Schwangerschaft, menstruationsabhängigen Beschwerden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Vitamin B6 oder Pyridoxin ist unter anderem im Eiweißstoffwechsel für den Menschen unentbehrlich. Es kommt in den drei Formen Pyridoxol, Pyridoxal, Pyridoxamin vor. In seinen Coenzymformen Pyridoxal-phosphat und Pyridoxaminphosphat ist es an mehreren Stoffwechseltransformationen von Aminosäuren beteiligt. Dazu gehören Decarboxylierung, Transaminierung und Racemisierung sowie enzymatische Schritte beim Stoffwechsel von schwefelhaltigen Aminosäuren und Hydroxyaminosäuren. Daneben beeinflusst Vitamin B6 Funktionen des Nervensystems, der Immunabwehr und der Hämoglobinsynthese. Unabhängig von der Coenzymfunktion scheint es auch die Wirkung von Steroidhormonen zu modulieren und eine Funktion bei der Genexpression zu haben (1, 2).

Die empfohlene tägliche Zufuhr an Vitamin B6 wird von der D-A-CH-Gesellschaft für Erwachsene mit 1,2 bis 1,6 mg, je nach Geschlecht und Alter, angegeben (3). Der Bedarf hängt allerdings vom Proteinumsatz ab und steigt mit der Eiweißzufuhr. So ist in anderen Quellen ein täglicher Bedarf von 2 bis 3 mg pro Tag, abhängig von der Proteinzufuhr, zu finden (4). Enthalten ist Pyridoxin vor allem in Fleisch, Fisch, Eiern, Hefe, Vollkornprodukten, Sojabohnen und grünem Gemüse. Wissen sollte man, dass durch Kochen und Lichteinfluss wesentliche Verluste auftreten.

Die für Deutschland vorliegenden Daten weisen darauf hin, dass eine Unterversorgung eher die Ausnahme ist. Es wird sogar im Durchschnitt deutlich mehr aufgenommen als zur Bedarfsdeckung erforderlich. Zu den Risikogruppen für eine Unterversorgung gehören untergewichtige Personen, ältere Menschen mit geringer Nahrungsaufnahme und Personen mit chronisch hohem Alkoholkonsum.

Wenn Menschen einer pyridoxinarmen Ernährung ausgesetzt sind, können Krampfanfälle und neurologische Symptome wie periphere Neuropathien auftreten. Bei Pyridoxinmangel sind außerdem Hautläsionen und das Auftreten einer sideroblastischen Anämie zu beobachten (1, 5).

Supplemente bei Mangel

Ernährungsbedingter Vitamin-B6-Mangel tritt sehr selten auf. Ist dies dennoch der Fall, wird eine Substitution mit einer Tagesdosis von 5 bis 25 mg für drei Wochen empfohlen, gefolgt von einer Erhaltungsdosis, die in etwa dem täglichen Bedarf entspricht (6).

Bei Einnahme von Isoniazid, Cycloserin, Penicillamin, Theophyllin, Ethionamid und Hydralazin ist auch ein arzneimittelbedingter Vitamin-B6-Mangel möglich (6). Zur Prophylaxe arzneimittelbedingter Mangelerscheinungen scheint für Risikopatienten daher eine Vitamin-B6-Substitution sinnvoll. Für Isoniazid wird in den Richtlinien des deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose eine solche Substitution bei Patienten mit erhöhtem Risiko für eine periphere Neuropathie und in der Gravidität empfohlen (7). Dosierungsempfehlungen werden allerdings nicht gegeben. Amerikanische Richtlinien empfehlen hier 25 bis 50 mg pro Tag, britische 10 mg pro Tag (6, 8). Es gibt allerdings Hinweise in der Literatur, dass eine Dosis von 10 mg zu niedrig gewählt ist (6). Zur Therapie einer bereits manifesten arzneimittelinduzierten Neuropathie werden Dosen von 50 bis 300 mg pro Tag genannt (6).

Pyridoxinabhängige Erkrankungen

Sinnvoll scheint die Gabe von Vitamin B6 auch bei einigen seltenen pyridoxinabhängigen Erkrankungen. Bislang wurden sieben dieser genetisch verursachten Erkrankungen, die durch den Bedarf größerer Mengen an Vitamin B6 gekennzeichnet sind, identifiziert (6). Dazu gehören die sideroblastische Anämie sowie Krampfanfälle bei Kindern, die auf die Gabe von Pyridoxin ansprechen.

Die pyridoxinabhängige Epilepsie ist eine autosomal-rezessiv vererbte Krankheit, die mit herabgesetzter zentraler Gamma-Aminobuttersäure-Konzentration (GABA) und erhöhter zentraler Glutamat-Konzentration einhergeht (5). Sind die epileptischen Krämpfe pyridoxinabhängig, verhilft die intravenöse Pyridoxin-Gabe den betroffenen Säuglingen zur sofortigen Remission. Pyridoxin muss dann lebenslang gegeben werden, eine mentale Retardierung ist dennoch nicht ausgeschlossen. Angaben zur Dosierung sind kontrovers, circa 2 bis 200 mg pro Tag, gegebenenfalls auch höher (6). Weitere sehr seltene autosomal-rezessiv vererbte pyridoxinabhängige Stoffwechselerkrankungen sind Hyperoxalurie, Xanthurenazidurie, Cystathioninurie, Ornithinämie und Homocysteinurie.

Bei der Homocysteinurie, einem angeborenen Mangel an Homocystein-abbauenden Enzymen, treten exzessiv hohe Homocystein-Spiegel auf. Frühzeitige artherosklerotische und thrombotische Gefäßkrankheiten bei diesen Patienten sind seit langem bekannt (9).

Umstrittene Indikationen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Mäßig erhöhte Homocystein-Spiegel gelten zudem als unabhängiger Risikofaktor für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Für die Hyperhomocysteinämie werden neben anderen Faktoren Defizite der Vitamine Folsäure, Vitamin B12 und B6 verantwortlich gemacht. Die D.A.CH.-Liga Homocystein empfiehlt daher schon bei nur moderat erhöhten Homocystein-Spiegeln die Supplementierung mit diesen drei Vitaminen (10). Andere Autoren raten von einer prophylaktischen Gabe ab, da die bislang vorliegenden Studien einen positiven Einfluss der Vitaminkombination auf kardiovaskuläre Erkrankungen nicht erkennen lassen (11). Auch die in einer neueren Studie untersuchte Reinsultrate nach Schlaganfall ändert sich trotz sinkender Homocystein-Spiegel unter Therapie mit 25 mg Vitamin B6 in Kombination mit Vitamin B12 und Folsäure nicht (12).

Menstruationsbeschwerden: Zur Frage der Effektivität von Pyridoxin beim prämenstruellen Syndrom findet sich im renommierten British Medical Journal ein umfangreiches Review (13), in dem neun klinische Studien mit insgesamt 940 Teilnehmerinnen zusammengefasst sind. Demzufolge ist die Qualität der Studien zu gering, um eine Wirksamkeit von Vitamin B6 bei prämenstruellem Syndrom zu belegen. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass Dosen bis zu 100 mg (möglicherweise reichen auch 50 mg aus) eine positive Wirkung haben. Da die Wirksamkeit in der Studie nicht dosisabhängig war, sollten laut den Autoren auf Grund möglicher neurologischer Nebenwirkungen in dieser Indikation keine höheren Dosen als 100 mg gegeben werden.

Auch bei schmerzhafter Regelblutung ist die Wirksamkeit von Vitamin B6 bislang nicht belegt. Eine kleine Studie liefert allerdings Hinweise auf eine höhere schmerzreduzierende Wirksamkeit als Placebo (14).

Schwangerschaftsübelkeit: Vitamin B6 scheint bei Übelkeit in der Schwangerschaft effektiv zu sein. Eine Kombination mit Doxylamin wird seit Jahrzehnten in Kanada und den USA bei Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt. Hinweise auf teratogene Effekte durch diese Kombination wurden nicht bestätigt (15). Vitamin B6 allein hat sich in einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie mit 342 Frauen als effektiv bei Schwangerschaftsübelkeit erwiesen. Das Erbrechen konnte die Gabe von dreimal täglich 10 mg über fünf Tage allerdings nicht statistisch signifikant lindern (16). In einer weiteren, randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie mit 74 Frauen wurden über drei Tage 25 mg alle acht Stunden gegeben. Die Auswertung von Untergruppen ergab, dass Frauen mit starker Übelkeit von der Therapie profitierten. Bei Frauen mit mittlerer bis leichter Übelkeit waren die Ergebnisse aber statistisch nicht signifikant (17).

Vitamin B6 in Dosen im Rahmen der Nahrungsergänzung gilt als sicher in der Schwangerschaft. Für hohe Dosen fehlen hingegen noch ausreichende Daten, um teratogene Effekte sicher ausschließen zu können (18).

Eine allgemeine Substitution von Vitamin B6 in der Schwangerschaft ist laut Recherche einer Cochrane-Arbeitsgruppe nicht notwendig. Eine kleinere Studie weist jedoch darauf hin, dass Pyridoxin möglicherweise unerwünschten Zahnabbau positiv beeinflusst. Allerdings mit höheren Effekten bei lokaler als bei oraler Applikation (19).

Nebenwirkungen oraler Kontrazeptiva: Es gibt keine Belege dafür, dass unter der Therapie mit estrogen- und gestagenhaltigen Kontrazeptiva der Bedarf an Vitamin B6 erhöht ist (4). Auch konnten sich die Nebenwirkungen niedrig dosierter kombinierter Kontrazeptiva (wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Erbrechen) mit hochdosiertem Pyridoxin in einer Studie nicht mildern lassen (20).

Demenz und Depression: Vitamin B6 ist in die Regulierung von Gedächtnis und Stimmungslage eingebunden. Dementsprechend werden Störungen in diesen Bereichen neben anderen Faktoren auch möglichen Vitamin-B6-Mangelerscheinungen zugesprochen. In einem Review der Cochrane-Arbeitsgruppe wird diskutiert, ob Vitamin-B6-Mangelerscheinungen bei älteren Menschen deren kognitive Fähigkeiten beeinflussen. Nach dieser Recherche lässt die derzeitig verfügbare Literatur keine kurzfristige Aufhellung der Stimmung oder eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten durch die Supplementierung der Nahrung mit Vitamin B6 erkennen. Allerdings waren einige biochemische Indices bei älteren Männern verbessert. Zur endgültigen Bewertung sind weitere Studien erforderlich (21).

Autismus: Schon lange wird über die Wirksamkeit von Megadosen an Vitamin B6 in Kombination mit Magnesium bei Autismus diskutiert. Trotzdem reichen nach Wertung des dazu vorliegenden Reviews der Cochrane-Arbeitsgruppe die verfügbaren Daten derzeit nicht aus, um eine Aussage über die Wirksamkeit bei autistischen Kindern und Erwachsenen zu treffen (22).

Polyneuropathie: Obwohl bei Mangel an Pyridoxin periphere Neuropathien beschrieben sind, wird seine Wirksamkeit bei Polyneuropathien verschiedener Genese kontrovers beurteilt. In einer älteren Studie aus dem Jahr 1981 führte die Gabe von dreimal täglich 50 mg Vitamin B6 zu keiner Verbesserung neuropathischer Beschwerden bei Diabetikern (23).

Dagegen lieferte die Substitution von Vitamin B6 bei Patienten mit Polyneuropathien auf Grund terminaler Niereninsuffizienz in zwei neueren Studien positive Ergebnisse. In einer Studie mit älteren Patienten unter chronischer Peritonealdialyse und mit nachgewiesenem Vitamin-B6-Defizit verbesserte die tägliche Substitution von 30 mg Pyridoxin die neurologischen Symptome nach einem Monat (24). In einer anderen Studie mit Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz unter High-Flux-Haemodialyse wurden zwar keine Vitamin-B6-Defizite festgestellt, dennoch verbesserten sich die Symptome einer peripheren Polyneuropathie nach vierwöchiger Therapie mit 60 mg Vitamin B6 (25).

Karpaltunnel-Syndrom: Ob die Gabe von hochdosiertem Pyridoxin bei Karpaltunnel-Syndrom sinnvoll ist, kann bislang nicht eindeutig beantwortet werden. In einem Review der Cochrane-Arbeitsgruppe über nicht chirurgische Behandlungsmethoden des Karpaltunnel-Syndroms wird über zwei Studien mit insgesamt 50 Patienten berichtet, bei denen sich keine signifikante Verbesserung der Symptome ergaben. Allerdings nahmen Fingerschwellung und Bewegungsschmerzen nach zwölfwöchiger Behandlung ab (26).

Rheumatoide Arthritis: Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis wurden niedrige Plasmaspiegel an Pyridoxalphosphat festgestellt. Laut einer neueren Übersicht zum Stellenwert von Diät und Nahrungsergänzungsmitteln bei rheumatoider Arthritis gibt es jedoch keine positiven Erfahrungen einer Vitamin-B6-Zufuhr bei dieser Erkrankung (27).

Risiken bei hohen Dosen

Pyridoxin hat nur geringe akute Nebenwirkungen. Müdigkeit, aber auch Schlaflosigkeit mit überschießender Energie, gastrointestinale Nebenwirkungen und eine erhöhte Photosensitivität werden in der Literatur angegeben. Vor allem bei Kindern sind auch Atemwegstörungen beschrieben. Des Weiteren wurde eine Blutdrucksenkung beobachtet (6).

Bei langfristiger Gabe sehr hoher Dosen sind allerdings schwere Neuropathien möglich (28, 29, 30). Ab welcher Schwellendosis damit zu rechnen ist, ist derzeit noch unklar. Einer Studie zufolge sind bei jahrelanger Einnahme von Vitamin B6 mit einer Dosis von durchschnittlich 117 mg bei Frauen gehäuft neurotoxische Nebenwirkungen aufgetreten (31). Andere Autoren sehen die Grenze bei circa 200 mg (32) oder 300 mg bis 500 mg (33) pro Tag.

Britische Behörden beschränkten daher die Dosis bei Nahrungsergänzungsmitteln auf 10 mg pro Tag und leiteten eine Beratungspflicht seitens Arzt oder Apotheker ab (8, 34). Das Scientific Committee on Food der europäischen Kommission setzt den UL (= Tolerable Upper Intake Level) mit 25 mg pro Tag fest (4). Amerikanische Experten sehen dagegen die Tageshöchstdosis im Rahmen der Nahrungsergänzung bei circa 100 mg pro Tag (35). Wissen sollte man schließlich noch, dass Vitamin B6 die Decarboxylierungsrate von Levodopa erhöht und damit dessen Wirksamkeit bei Morbus Parkinson reduziert (1, 6). Bei einer Kombination mit Decarboxylasehemmern ist dieser Effekt allerdings nicht zu beobachten (5, 6).

 

Literatur bei der Verfasserin

 

Pyridoxin als SupplementDosierung: Der tägliche Bedarf an Vitamin B6 wird bei Erwachsenen mit circa 2 mg pro Tag angegeben. Im Rahmen der Nahrungsergänzung sollten nicht mehr als 25 mg Pyridoxin pro Tag aufgenommen werden.

In der Selbstmedikation bei gesicherten oder möglicherweise sinnvollen Indikationen sollten nicht mehr als 100 mg Vitamin B6 pro Tag eingenommen werden.

Die langfristige Einnahme sehr hoher Dosen von Vitamin B6 (> 100 bis 500 mg pro Tag) kann schwere Neuropathien verursachen.

Indikationen: Als gesicherte Indikationen für Vitamin B6 gelten ernährungs- oder arzneimittelbedingte Vitaminmangelerscheinungen und seltene pyridoxinabhängige Erkrankungen.

Möglicherweise sinnvoll ist die Gabe bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft sowie bei Polyneuropathie.

Auf Grund der Datenlage derzeit nicht beurteilbar ist die Gabe bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, menstruationsabhängigen Beschwerden, Nebenwirkungen oraler Kontrazeptiva, Demenz, Depression, Autismus, Karpaltunnel-Syndrom und rheumatoider Arthritis.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Beatrix Sommer
Klinikum Krefeld, Apotheke
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