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Europa rüstet sich

24.10.2005  00:00 Uhr
Vogelgrippe

Europa rüstet sich

von Patrick Hollstein, Berlin

Obwohl seit dem Vordringen der Vogelgrippe in Europa bislang kein Mensch erkrankt ist, bereiten sich europaweit Ministerien und Heilberufler unter Hochdruck auf den Ernstfall vor. Während die Medien die Aufregung anheizen, versuchen Apotheker, das Heer Rat suchender Kunden aufzuklären.

Mit einem Ansturm auf Apotheken und Arztpraxen haben die Menschen in ganz Europa auf die Nachricht vom Vordringen der Vogelgrippe reagiert. Während die EU-Gesundheitsminister in Brüssel tagten und UN-Abteilungsleiter Dr. David Nabarro alle Nationen weltweit aufforderte, zur besseren Koordination im Vorgehen gegen das Virus einen »Grippeminister« zu ernennen, gingen in einigen Ländern schon vor dem Auftreten einer Epidemie die ersten Arzneimittelvorräte zur Neige.

So waren beispielsweise in Polen und Tschechien Impfstoff- und Tamiflu-Vorräte trotz hoher Preise vorübergehend ausverkauft. Italienische Patienten deckten sich in schweizerischen Apotheken mit Großvorräten an Tamiflu ein, da das Grippemittel auf Grund eines Lieferstopps durch den Hersteller in Italien nicht mehr zu haben war. Hamsterkäufe wurden auch aus Frankreich berichtet. In Großbritannien wurden bei Ebay bis zu 150 Euro für eine Tamiflu-Packung geboten, bevor das Auktionshaus entsprechende Versteigerungen untersagte. In Belgrad hatten Gesichtsmasken vorübergehend Hochkonjunktur.

Gelassenheit in Rumänien

In den bislang betroffenen Gebieten selbst reagiert die Bevölkerung bislang gelassener: Zwar ist der Bedarf an Grippevakzinen in Rumänien, wo zwei Gebiete nach dem Auftreten der Tiererkrankung unter Quarantäne gestellt wurden, gegenüber dem Vorjahr um das fünffache gestiegen. Doch noch scheint das einheimische Cantacuzino-Institut in der Lage zu sein, die Bestellungen der Regierung zu erfüllen. Das Gesundheitsministerium hat außerdem bereits Tamiflu-Notfallvorräte anlegen lassen; auch in Apotheken ist das Grippemittel noch in ausreichender Menge für etwa 25 Euro zu haben.

Auf dem Lande wissen ohnehin nur die wenigsten Menschen um die Bedrohung durch das Virus, obwohl Veterinäre allerorten Tiere untersuchen und Proben nehmen. Den rumänischen Behörden gelingt es bislang erfolgreich, größere Unruhe unter der Bevölkerung zu verhindern: Staatspräsident Traian Basescu versicherte in der vergangenen Woche seinen Landsleuten, auch weiterhin täglich Geflügel zu essen.

Auch der türkische Premierminister Tayyip Erdogan ließ sich beim demonstrativen Verzehr von Hühnersalat ablichten, um dadurch die Medien zu einer sachlicheren Berichterstattung anzuhalten. Seine Regierung baut ihre Vorräte an Medikamenten gegen die Virus-Erkrankung aus: In den vergangenen zwei Wochen bestellte das ebenfalls von ersten Tiererkrankungen betroffene Land der Zeitung »Vatan« zufolge 100.000 Packungen Tamiflu beim Basler Pharmakonzern Roche.

Im Heimatland des Tamiflu-Herstellers versuchen Apotheker- und Ärzteverbände mit gemeinsam herausgegebenen Informationsblättern die Hysterie zu dämpfen und die Öffentlichkeit objektiv aufzuklären. Mit speziellen Fachinformationen sollen die Heilberufler bei den zunehmenden Anfragen der Bevölkerung unterstützt werden. Die schweizerischen Apotheken waren in die Schlagzeilen geraten, weil sie in Testkäufen wiederholt Tamiflu ohne Rezept abgegeben hatten. Der staatliche Preisüberwacher hat jetzt zudem Hersteller und Apotheker aufgefordert, ihre Tamiflu-Margen offen zu legen, um gegebenenfalls Preisnachlässe gerichtlich einzufordern. In der Halbjahresbilanz von Roche hatte Tamiflu mit einer 357-prozentigen Steigerungsrate geglänzt.

Eigene Impfstoffe

Während in der Schweiz das Grippemittel für ein Viertel der Bevölkerung vorrätig gehalten wird, treffen in Polen die ersten 200 Millionen von der Regierung bestellten Tamiflu-Dosen nicht vor Jahresende ein. 20 Millionen Euro hat die polnische Regierung für die erste Bevorratung zur Verfügung gestellt.

Damit sollen Risikopatienten kostenlos behandelt werden. Insgesamt will Polen der Nachrichtenagentur Pharma Poland News zufolge 80 Millionen Euro im Kampf gegen die Vogelgrippe für Arzneimittel, Impfstoffe und Hilfsmittel aufwenden.

In Ungarn hoffen Politiker, durch Grenzkontrollen und Einfuhrstopps für Geflügel das Vordringen des Virus verhindern zu können. Für den Fall der Fälle arbeiten ungarische Wissenschaftler des Nationalen Epidemiologiezentrums sowie der Biotech-Firma Omninvest unter Hochdruck an einem eigenen Impfstoff gegen das H5N1-Virus. Bislang wurde die Vakzine an 100 Freiwilligen getestet, unter anderem an Gesundheitsminister Jeno Racz. Sollte sich die Impfung als erfolgreich erwiesen, könnten pro Woche bis zu 500.000 Impfeinheiten hergestellt werden. Die USA, Großbritannien sowie Russland haben bereits Interesse am fertigen Impfstoff angemeldet, der laut ungarischer Regierung zunächst jedoch erst allen Einwohnern des Landes kostenlos zur Verfügung gestellt werden soll.

Auch in Schweden wird die Errichtung eines eigenen Impfstoffwerkes diskutiert. Bislang sind im Königreich noch genug Arzneimittel vorhanden; die staatliche Medizinprodukte-Agentur hat jedoch Auslieferungen von mehr als zehn Packungen untersagt.

In Frankreich hat die Apothekerkammer ihre Mitglieder im Rundschreiben bereits über die Details des staatlichen Pandemieplans informiert: Da infizierte Patienten dem Entwurf zufolge überwiegend zu Hause versorgt werden sollen, sind die Apotheken fest in die Verteilung von Tamiflu eingebunden. Per Fax können alle 23.000 niedergelassenen Pharmazeuten ihren Bedarf bei ausgewählten Großhändlern bestellen. Diese müssen die Auslieferung jedoch durch die Abteilung für Gesundheit und Sozialwesen des Gesundheitsministeriums genehmigen lassen. Nach der öffentlichen Ausschreibung sollen zum Jahresende die Großhändler benannt werden, die im Ernstfall neben den Apotheken auch die Kliniken beliefern müssen. Bislang hat die französische Regierung 14 Millionen Tamiflu-Dosen sowie 200 Millionen Atemmasken bestellt.

Ministerin kritisiert Profiteure

Auch in Österreich sind die Apotheken in dem im September vorgestellten Pandemieplan als Abgabestelle von Tamiflu für die Bevölkerung vorgesehen. Die Apotheker haben angeboten, im Falle einer Epidemie das Grippemittel in Pulverform aufzubereiten und zum Selbstkostenpreis zur Verfügung zu stellen. Zudem machten die Apotheker jetzt öffentlich darauf aufmerksam, dass die Pharmafirmen seit dem 18. Oktober keine Grippeimpfstoffe mehr liefern könnten. Weil den Unternehmen für die Produktion neuer Chargen keine Zeit bleibt, will das Gesundheitsministerium jetzt die Einfuhr von Impfstoffen aus dem Ausland genehmigen. Novartis plant, 100.000 Einheiten seines eigenen Impfstoffs aus Russland zu reimportieren.

Kritik am Geschäft mit der Angst übte die österreichische Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. Es dürfe keine Panik verbreitet werden, die nur dazu diene, die Aktienkurse gewisser Pharmafirmen in die Höhe zu treiben. Rauch-Kallat ist die erste europäische Gesundheitsministerin, die die Profiteure der medizinischen Aufrüstung öffentlich anprangert. In großer Eile hatte zuletzt der Investmentkonzern USB ein maßgeschneidertes Anlagepaket mit Aktien zehn wichtiger Impfstoffhersteller zusammengestellt.

Neben den beiden Tamiflu-Gewinnern Roche und Gilead sowie dem Relenza-Hersteller Glaxo SmithKline gehören auch Sanofi und Chiron dem Zertifikat an, beides Unternehmen, die im Auftrag und mit umfangreicher finanzieller Unterstützung der amerikanischen Regierung an Vogelgrippe-Impfstoffen arbeiten. Drei Jahre lang können Anleger vom weltweit anhaltenden Bevorratungsfieber profitieren.

 

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