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100 Jahre Pharmazeutisches Institut in Dahlem

14.10.2002
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DPhG-Jahrestagung

100 Jahre Pharmazeutisches Institut in Dahlem

von Christiane Berg und Brigitte M. Gensthaler, Berlin

Jubiläum für die Hochschulpharmazie: Vor 100 Jahren, am 27. Oktober 1902, wurde das Pharmazeutische Institut in Berlin-Dahlem feierlich eröffnet. Seitdem hat die Berliner Pharmazie im Universitätskanon ihren festen Platz. Aus diesem Anlass veranstaltete die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) ihre Jahrestagung vom 8. bis 12. Oktober in der Bundeshauptstadt.

Namen, die jeder kennt, sind von Beginn an mit dem Dahlemer Institut verbunden: Hermann Thoms und Carl Mannich leiteten das Institut von der Gründung bis 1943 und führten es zu wissenschaftlicher Blüte. Nicht zufällig wurde die Straße, in der das Eschborner Apothekerhaus liegt, vor einigen Jahren in Carl-Mannich-Straße umbenannt.

Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums lud die DPhG-Fachgruppe „Geschichte der Pharmazie“ zu einem Symposium unter Leitung von Professor Dr. Peter Dilg, Marburg, ein. Die Professoren Guido Jüttner, Christoph Friedrich und Karl-Heinz Frömming ließen die Geschichte der vorakademischen Ausbildung und des Dahlemer Instituts Revue passieren. Dr. Dr. Manfred Stürzbecher schilderte die Ausbildung von Apothekern außerhalb der Universität seit dem 17. Jahrhundert, und Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke reflektierte über „Sucht und Sehnsucht“ Berliner Literaten.

Kristallisationspunkt

„Das Institut bildete den Nukleus des weltbekannten naturwissenschaftlich-vorklinischen Campus in Dahlem“, hob Professor Dr. Dr. Walter Schunack, Berlin, bei der Begrüßung im Botanischen Museum hervor. Besonderer Dank galt dem Kollegen Frömming aus Berlin, der eine ausführliche Festschrift zum Jubiläum erstellt hat, sowie zahlreichen Sponsoren für ihre großzügige Unterstützung. Dilg würdigte die Festschrift als einzigartiges Dokument der Pharmaziegeschichte.

Die zentrale Apothekerausbildung in Berlin hat eine lange Tradition. Als Wegbereiter der akademischen Ausbildung fungierten das 1724 gegründete Collegium medico-chirurgicum und die Hofapotheke des Berliner Stadtschlosses.

Zur Ausbildung ans Collegium

In dem großzügigen, 1585 unter Leitung von Rocco Guerini Graf zu Lynar erbauten Renaissancebau richtete Katharina, die Frau des Kurfürsten, 1598 eine Apotheke ein. Diese sollte Hofbedienstete, Geistliche und Arme mit Arzneimitteln versorgen. Mit der Gründung des Collegium medico-chirurgicum übernahm die Hofapotheke eine bedeutende Rolle als Ausbildungs- und Prüfungsstätte und kann als Keimzelle des pharmazeutischen Instituts betrachtet werden, berichtete Professor Dr. Guido Jüttner, Berlin.

Der Hofapotheke oblag die Ausbildung und praktische Unterweisung von Medizinern, Chirurgen und Pharmazeuten bis zur Universitätsgründung 1810. Universität, Militär- und Privatinstitute übernahmen anschließend die Ausbildung der Pharmazeuten. Die Apotheke blieb – räumlich verkleinert – bestehen und sorgte nach 1918 als Universitätsapotheke für die Versorgung vor allem der konfessionellen Krankenhäuser. 1943 musste der Betrieb auf Grund der Zerstörung eingestellt werden.

Maßgeblich beteiligt an der Akademisierung der Ausbildung war Caspar Neumann (1683 bis 1737), den Jüttner als „organisatorisch talentierten Wissenschaftler“ bezeichnete. 1720 erreichte er die völlige Umgestaltung und Modernisierung der Hofapotheke und nahm wesentlichen Einfluss auf das „Medicinal-Edict“ von 1725, das angehenden Apothekern den Zugang zum Collegium öffnete. Neumann selbst wirkte als Professor am Collegium, das mit einer Fachhochschule verglichen werden könnte. Die Absolventen der dortigen pharmazeutisch-chemischen Kurse wurden zu Apothekern erster Klasse.

Jüttner präsentierte dem Auditorium eine absolute Rarität: ein farbiges Ölbild von Neumann, das 1928 letztmals beschrieben und als Schwarz-Weiß-Bild dokumentiert worden war. Danach galt das Gemälde als verschollen. In „detektivischer Nachsuche“ sei eine Ortung des Bildes gelungen, erklärte der Historiker. Da der Künstler die komplette Handbibliothek Neumanns mit den Buchtiteln mitgemalt hat, könne man heute rekonstruieren, welche Literatur Neumann damals zur Verfügung stand.

Begnadete Forscher und Lehrer

Obwohl die Pharmazie in Berlin erst relativ spät an der Universität verankert wurde, entwickelte sie sich rasch zu einer erstrangigen Lehr- und Forschungsstätte, berichtete Professor Dr. Christoph Friedrich aus Marburg. Unter der Leitung der Professoren Hermann Thoms (1859 bis 1931) und Carl Mannich (1877 bis 1947) entstand ein bedeutendes Zentrum der pharmazeutischen Wissenschaften. Allein aus Thoms´ Schule gingen 16 Hochschullehrer hervor. Die „Berliner Schule“ bestimmte bald das Profil des jungen akademischen Faches in Deutschland. Thoms- und Mannich-Schüler wirkten später an zahlreichen Instituten in Deutschland.

Dabei waren die Anfänge nicht leicht. Der vielseitig tätige Apotheker Thoms war mit der Gründung des Instituts beauftragt worden und legte 1895 in der Antrittsvorlesung seine weit gespannten Ziele für eine umfassende Ausbildung der Apotheker vor. Am 27. Oktober 1902 wurde das neue Institut dann eröffnet. Obwohl Thoms ein „begnadeter Lehrer, Organisator und Forscher“ war, so Friedrich, wurde er nur als Interimsleiter eingesetzt. Erst 1906 wurde er zum Direktor und sogar erst 1920 zum ordentlichen Professor für Pharmazeutische Chemie ernannt.

Nach langer Forschungs- und Lehrzeit legte Thoms sein Amt 1927 nieder, übernahm aber weiterhin Repräsentationsaufgaben für das Institut. Dies akzeptierte sein Nachfolger Mannich gern, der als introvertierter Forscher beschrieben wird. Heute kennt jeder Pharmaziestudent die nach ihm benannten Aminomethylierungs-Reaktion. Mit der Mannich-Kondensation – CH-acide Verbindung plus Formaldehyd plus primäres oder sekundäres Amin ergibt ein b-Aminoketon – schuf der Forscher eine Fülle neuer chemischer Stoffe.

Braune Zeit

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten bemühte sich Mannich zwar sehr, das Institut von politischen Einflüssen frei zu halten, konnte aber NS-Eingriffe nicht verhindern. Zum Ende des Sommersemesters 1942 legte er die Leitung des Instituts nieder, die am 1. Mai 1943 an den aktiven Nationalsozialisten Professor Dr. Hans Paul Kaufmann überging. Kaufmann war ein renommierter Fettchemiker, der im Oktober 1944 auch mit der Leitung des Reichsinstituts für Fettforschung beauftragt wurde. Im Frühjahr 1945 wurde das Institut teilweise zerstört.

Teil der Freien Universität

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen brachten für das Institut einschneidende Veränderungen, zeigte Frömming anhand zahlreicher Bilder. Die Universität lag nun im russisch besetzten Sektor der Stadt. Ihre politische Ausrichtung und damit zusammenhängende Zulassungsbeschränkungen führten 1948 zur Gründung einer neuen Universität im westlichen Sektor. Ihr wurden die in Dahlem gelegenen naturwissenschaftlichen Institute im Sommer 1949 auf Weisung der US-amerikanischen Militärregierung zugeordnet. So wurde das renommierte Institut ein Teil der neuen Freien Universität.

Unter Leitung von Professor Dr. Gerhard Schenck wurden in der Ära von 1949 bis 1972 neue Lehrstühle geschaffen und der akademische Mittelbau gestärkt, zeitgemäße Lehr- und Forschungseinrichtungen geschaffen, zukunftsträchtige Forschungsfelder eröffnet und etabliert. Gleichermaßen engagierte sich Schenck stark in der Selbstverwaltung. Bereits die Feiern zum 50-jährigen Bestehen des Instituts am 27. Oktober 1952 zeigten große Außenwirkung. Neue Institutsbauten, neue Lehrstühle, neue Arbeitsgruppen: Die Pharmazie in Dahlem entwickelte sich stetig weiter, zeigte Frömming, der als Schencks Nachfolger und Professor für Pharmazeutische Technologie bis 1993 in Dahlem wirkte.

Auf Grund der politischen Trennung entstand ein zweites Institut in Berlin-Weißensee, das der inzwischen in Humboldt-Universität umbenannten Hochschule zugeordnet war. Nach der Wende luden beide Institute erstmals im Januar 1990 zu einer gemeinsamen Veranstaltung ein. 1997 beschloss die Humboldt-Universität, den Studiengang Pharmazie zu schließen.

Ein Maß für die umfangreichen Forschungsaktivitäten in Dahlem mag die Zahl von 850 Promotionen und 23 Habilitationen sowie vier Umhabilitationen seit 1950 sein. Von 1970 bis 2001 entstanden etwa 2200 Originalarbeiten, und 1500 Vorträge wurden von 1984 bis 1987 gehalten. „Ich wünsche dem Pharmazeutischen Institut für die nächsten 50 Jahre Glück und Erfolg in Lehre und Forschung“, schloss Frömming. Die kommenden Generationen sollten mit ähnlichem Stolz auf ihr Institut zurückblicken können.

 

Pharmazeutisch Lokales Beim letztjährigen DPhG-Kongress in Halle begründete die Fachgruppe Geschichte der Pharmazie eine Serie lokalgeschichtlich orientierter Symposien. Die Vorträge werden in einer neu geschaffenen Reihe „Stätten pharmazeutischer Praxis, Lehre und Forschung“ veröffentlicht. Band 1 zur Pharmazie in Halle ist soeben erschienen; Band 2 wird die Referate über die Pharmazie in Berlin enthalten, kündigte der Herausgeber der Reihe, Professor Dr. Peter Dilg, an. Jeder Band soll eine umfangreiche Bibliographie beinhalten. Das Buch „Pharmazie in Halle (Saale): Historische und aktuelle Aspekte“, herausgegeben von Horst Remane und Peter Nuhn, ist über den Govi-Verlag zu beziehen (ISBN 3-929134-41-1).

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