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Ökonomie erst an zweiter Stelle

18.07.2005
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Ökonomie erst an zweiter Stelle

Die Parteien haben anscheinend entschieden, Ärzte, Apotheker und Arzneimittelhersteller aus dem Wahlkampf herauszulassen. Das bedeutet jedoch keinesfalls Stillstand im Gesundheitswesen. Das weltgrößte Pharmaunternehmen belegt in diesen Tagen nachdrücklich, dass Politik längst nicht mehr allein von Politikern gemacht wird. Durch die Hintertür möchte Pfizer die Arzneimitteldistribution in Deutschland auf den Kopf stellen.

Das US-amerikanische Unternehmen ist in den vergangenen Jahren immer wieder durch Strategien aufgefallen, die für Mitteleuropäer zumindest ungewöhnlich wirken. Letztes Beispiel war der Versuch, durch eine aggressive Anzeigenkampagne und mit Hilfe der Patienten den Festbetrag für Sortis zu kippen. Zumindest gemessen an den aktuellen Umsatzzahlen kann man dies als gescheitert ansehen.

Scheitern wird hoffentlich auch das neue Vertriebskonzept des Unternehmens. Denn Pfizer will die Großhändler zu reinen Logistikern degradieren. Über Liefermengen und -konditionen will der Konzern direkt mit den Apotheken verhandeln (lesen Sie dazu unseren Beitrag).

Die Konsequenzen für die Apotheker wären fatal. Hätte Pfizer Erfolg, würden sich zahlreiche Nachahmer finden. Preisverhandlungen mit den verschiedenen Unternehmen würden die Arbeit der Apothekenleiter dominieren. Und schließlich darf man auch nicht vergessen, dass die Großhändler heute eine ganze Reihe von nützlichen Dienstleistungen anbieten, auf die die Apotheken verzichten müssten, wenn der Markt für die Großhändler enger würde.

Der von Pfizer offensichtlich gewünschte Apothekenleiter, der sich nur noch um Rabatte, Konditionen und Lieferbedingungen kümmert, wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer ausschließlich ökonomisch orientierten Arzneimittelversorgung, in der die Apotheker immer weniger Gewicht haben. DIe Politik hat mit ihren Eingriffen in die Distribution diese Richtung vorgegeben. Jetzt legt ein Industrieunternehmen nach. Gehen die Apotheker mit, dann philosophieren die Initiatoren wahrscheinlich bald über die Ersetzbarkeit von Apothekern, die sich allein um wirtschaftliche Belange kümmern und sich immer weiter von den Werten des freien Heilberufs entfernen.

Es kommt deshalb genau zur richtigen Zeit, dass der Präsident des Bundesverbandes der freien Berufe, Dr. Ulrich Oesingmann, Apotheker, Ärzte und andere Heilberufler dazu auffordert, Werte statt Waren zu schaffen. Auf einer von der Lesmüller Stiftung organisierten Veranstaltung kritisierte er, dass sich auch die Angehörigen der freien Berufe immer stärker an materiellen Werten orientierten (lesen Sie dazu unseren Beitrag).

Mit seiner Kritik hat Oesingmann zweifelsohne Recht. Das Beispiel Pfizer zeigt aber auch, wie schwierig es ist, die richtige Balance zwischen Heilberufler und Kaufmann zu finden. Die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens wird nicht von den Apothekern forciert. Es sind Krankenkassen, Politik und Pharmafirmen, die aus unterschiedlichen Motiven Kosten und Erträge in den Mittelpunkt rücken. Die Apotheker müssen dem widerstehen und ihr Selbstverständnis entgegensetzen. Sie müssen sich an anderen Werten orientieren. Natürlich ist die Ökonomie wichtig. Sie muss aber hinter der Qualität an zweiter Stelle stehen. Daran dürfen auch die Partikularinteressen von Pharmakonzernen nichts ändern.

Daniel Rücker
Stellvertretender Chefredakteur
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