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Werte statt Waren

18.07.2005
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Freie Berufe

Werte statt Waren

von Sabine Schellerer, München

Die Diskussion über die europäische Dienstleistungsrichtlinie zeigt einmal mehr, dass auch freiberufliche Dienstleistungen zunehmend unter ökonomischen Gesichtspunkten bewertet werden. Dabei sollten freie Berufe Werte statt Waren schaffen.

Vor diesem Hintergrund ist es dringend erforderlich, dass sich freie Berufe auf die eigene Wertigkeit rückbesinnen und diese dann entschlossen an die Öffentlichkeit tragen. In Deutschland arbeiten 3,5 Millionen Menschen in einem Freien Beruf, sei es als Selbstständiger, Angestellter oder in Ausbildung. Zu Jahresbeginn gab es fünf Prozent mehr selbstständige Freiberufler als 2004. Auch die Zahl der angestellten Freiberufler steigt stetig weiter. Seit 1970 hat sich die Zahl der selbstständigen Freiberufler mehr als verfünffacht.

Freiberufler erwirtschaften bis zu neun Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Dabei schließen sich immer neue Sparten an, so Informatiker, Berufsbetreuer, Restauratoren oder Umweltgutachter; traditionelle Berufe und Berufsbilder wandeln sich, passen sich an, entwickeln sich weiter. Dass der freie Beruf angesichts dieser Zahlen dennoch keine ungetrübte Erfolgsstory ist, gibt Anlass zum Grübeln. Hier müssen sich Freiberufler auch an die eigene Nase fassen.

»Der Feind des klassischen Verständnisses des Freien Berufes sind nicht zuletzt wir selbst, die wir in der Vergangenheit der Reduzierung unseres Selbstverständnisses auf materielle Werte Vorschub geleistet haben«, kritisierte Dr. Ulrich Oesingmann, Präsident des Bundesverbandes der Freien Berufe auf einer Veranstaltung in München, zu der die Lesmüller Stiftung und der Verband Freier Berufe in Bayern geladen hatten. Interne Debatten um Einkommensverhältnisse oder Honorarstrukturen, Steigerungsquoten oder steuerliche Vorteile, verbunden mit gegenseitigen Verdächtigungen innerhalb der eigenen Reihen, jemand könne die Grundfesten der freiheitlich demokratischen Grundordnung erschüttern wollen, und nicht zuletzt eine Reihe verbaler Radikalismen, so die jüngste Debatte um die Gewerbesteuer, drohen die Grundfesten des Freien Berufes auszuhöhlen und ihm seine Glaubwürdigkeit zu entziehen. »Jetzt müssen wir die hausgemachten Probleme auslöffeln, die uns zu Unzeiten von der wahren Lage und der Notwenigkeit ihrer Darstellung weggeführt und gleichzeitig Hilfsbereite abgeschreckt hat«, so der Referent.

Hand in Hand mit dem inneren Werteschwund geht eine Neuordnung allgemeiner gesellschaftlicher Wertemaßstäbe und eine Umstrukturierung der traditionellen Gesellschaftsordnung. »Wir leben in einem Zeitalter einer unglaublichen Materialisierung. Menschen werden auf monatliche Einnahmen reduziert«, beklagte Oesingmann. »Freiheit heißt heute, soviel zu nehmen wie man schleppen kann.« Sie sei mittlerweile kein Wert mehr, sondern beliebig verschiebbar und selbstverständlich. Erschreckend, denn die Kraft einer Gesellschaft dürfe sich nicht auf Geld und Einkommen reduzieren, sagte der Zahnarzt Dr. Wolfgang Heubisch, Präsident des Verbandes Freier Berufe in Bayern.

Nicht zuletzt knebeln kaufmännische Zwänge den freiberuflichen Alltag, eine Flut neuer gesetzlicher Grundlagen kratzen freie Berufsbilder und Selbstverständlichkeiten massiv an. Immer strengere Kontrollen verleiden so manchem Leistungserbringer das freiberufliche Schaffen. Nicht zu vergessen die latente Diskussion um steuerlichen Status und Wettbewerbsbeständigkeit und schließlich der Neid Außenstehender auf angebliches Besserverdienertum und die Zugehörigkeit zur geistigen Elite im Land. »Dass sich auch die Politik immer stärker in unsere Belange mischt, gefährdet unseren Bestand nicht unerheblich«, sagte Dr. Hermann Vogel, Vorsitzender des Stiftungsrates der Lesmüller-Stiftung.

Den Codex nach außen tragen

Aber was tun? Denn dass es sich lohnt, für berufliche Freiheit zu kämpfen, stand für Oesingmann außer Frage, zumal die Gesellschaft den freien Beruf braucht, »selbst wenn uns die Politiker kaum wahrnehmen«, wie er zutiefst bedauerte. »Was wäre eine Wirtschaft ohne Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater, was Rechtsprechung ohne Rechtsanwälte, was Gesundheitswesen ohne das persönliche Engagement von Ärzten und Apothekern?«, fragte der Referent. Gleichwohl untermauern immer neue Umfragen die Treue und Wertschätzung, die Menschen Freiberuflern aller Nuancen entgegenbringen.

»Zunächst sollten wir uns auf die Grundfesten der Freiberuflichkeit zurückbesinnen, niedergeschrieben in einem offiziellen Postulat von 1995«, mahnte Oesingmann. Hier ist die Rede von Eigenverantwortlichkeit, von der Verpflichtung, eine Leistung persönlich zu erbringen, von Verantwortung gegenüber dem Kunden, Patienten oder Klienten, aber auch von Professionalität, Qualität und Vertrauen. »Diesen Codex weiterzuentwickeln und schließlich nach außen zu transportieren, sollte unser Streben bestimmen«, forderte der BFB-Präsident. Auch Johannes M. Metzger, Präsident der Bayerischen Landesapothekerkammer und Vorsitzender des Stiftungsvorstandes der Lesmüller-Stiftung knüpfte hier an: »Im Grunde brauchen wir vor allem eine konsequente Kommunikation. Denn im Grunde existiert der Codex bereits. Wir müssen ihn nun an die Menschen bringen.«

Erste Erfolge zeichnen sich bereits ab. So haben Passagen der offiziellen Verbandsmeinung von 1995 Einzug gefunden in das Partnerschaftsgesellschaftsgesetz Deutschlands. Zahlreiche Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes haben auch Formulierungen aus der Berufsdefinition der freien Berufe übernommen. Top

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