Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Kordula Schulz-Asche: Patienten brauchen Anlaufstellen

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Kordula Schulz-Asche

Patienten brauchen Anlaufstellen


Von Stephanie Schersch und Ev Tebroke, Berlin / Mit differenzierten Beratungsleistungen werden die Präsenzapotheken auch künftig eine große Rolle spielen. Da ist sich Kordula Schulz-Asche sicher. Der Versandhandel ist für die Gesundheitsexpertin der Grünen lediglich eine logistische Ergänzung für eine umfassende Arzneimittelversorgung.

ANZEIGE


PZ: Den Grünen ist das Nebeneinander von Präsenz- und Versandapotheken auch im Rx-Bereich sehr wichtig. Auf welchem Weg lösen Sie Ihre Rezepte in der Regel ein?

 

Schulz-Asche: Ich habe eine Stamm­apotheke mit einer Apothekerin, die streng und liebenswürdig ist. Ich sehe keinen Grund, warum ich woanders hingehen sollte.

 

PZ: Haben Sie denn schon einmal bei einer Versandapotheke bestellt?




Den Rx-Versandhandel wollen die Grünen auf jeden Fall aufrechterhalten, das stellt Grünen-Gesundheitsexpertin Schulz-Asche klar.

Fotos: PZ/Wagenzik


Schulz-Asche: Nein, noch nie. Nicht einmal ein OTC-Präparat.

 

PZ: Trotzdem ist Ihnen der Versandhandel aber wichtig.

 

Schulz-Asche: Der Versandhandel hat sich etabliert und ist in bestimmten ­Bereichen von Bedeutung. Ich denke dabei vor allem an die Spezialversender, auf die bestimmte Patienten angewiesen sind. Versandapotheken schließen für mich aber Apotheken vor Ort nicht aus. Beide Vertriebsformen ­haben unterschiedliche Funktionen. Die Präsenzapotheke bietet einen niedrigschwelligen Zugang zu einer fundierten Beratung. Sie hat zudem eine soziale Funktion und ist für viele Pa­tienten der erste Ansprechpartner in Gesundheitsfragen. Der Versandhandel kann in der Arzneimittelversorgung daher immer nur eine Ergänzung sein.

 

PZ: Sie haben die Beratung als das besondere Gut der Präsenzapotheke hervorgehoben. Der Versandhandel kann das also nicht in der Form leisten?

 

Schulz-Asche: Natürlich nicht. Gerade Menschen, die krank sind, brauchen persönliche Anlaufstellen und eine gute ­Beratung. Das lässt sich nicht am Telefon leisten und auch nicht per E-Mail. Daher halte ich auch Lösungen, wie ­aktuell den Arzneimittel-Automaten von Doc Morris in Hüffenhardt für falsch. Mit Blick auf den demografischen Wandel wird das Thema Beratung in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Ich sehe aber die Möglichkeit, bei komplexen Therapien etwa bei Krebs oder seltenen Erkrankungen oder im Bereich der Spezialanfertigungen, auch mit qualitativ guten Versandapotheken zusammenzuarbeiten. Dann wäre die Vor-Ort-Apotheke die ­Abgabestation. Wenn allerdings eine Kühlkette nötig ist, möchte ich keinen DHL-Boten über das Land fahren lassen, der überall anhält.

 

PZ: Die Grünen schlagen als Reak­tion auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem vergangenen Herbst ein Höchstpreismodell vor, ­gekoppelt mit einem Boni-Deckel. Von dem Apothekenabgabepreis kann dann bis hin zu 1 Euro abgewichen werden. Haben Sie darüber hinaus Pläne für weitere Änderungen der Apothekenvergütung?

 

Schulz-Asche: Bevor wir uns mit dieser Frage beschäftigen, müssen wir das Gutachten zur Apothekenhonorierung abwarten, das zurzeit das Bundeswirtschaftsministerium erstellt. Nach der Wahl werden wir dann gemeinsam mit den Apothekern schauen müssen, welche Vergütungsmodelle realisierbar sind. Unser Vorschlag mit den Höchstpreisen und den auf 1 Euro begrenzten Boni war ein kurzfristiger. Wir brauchten im vergangenen Herbst eigentlich eine schnelle Lösung, um diese hohen Boni zu verhindern, die einige Versender ihren Kunden nun gewähren. Die Apotheker haben aber starr am Versandverbot festgehalten und sich nie auf alternative Lösungsverschläge eingelassen. Aus meiner Sicht war das ein schwerer Fehler.

 

PZ: Die Apotheker hatten vermutlich Angst, dass aus der kurzfristigen letztlich eine langfristige Lösung wird. Experten warnen zudem, dass auch Boni von 1 Euro kleine Apotheken in ­Bedrängnis bringen würden.

 

Schulz-Asche: Das gilt doch mit Blick auf die derzeitige Situation umso mehr. Die Versender gewähren ihren Patienten zurzeit Rabatte von bis zu 30 Euro. Dagegen scheint ein 1-Euro-Bonus die kleinere Bedrohung zu sein. Es gibt Apotheken, die haben mit ihrer jetzigen Situation keine Zukunft. Das gilt ganz besonders, wenn keine Arztpraxis in der Nähe ist.

 

PZ: Wie sieht es mit dem Fremd­besitzverbot aus? Die Grünen haben sich in der Vergangenheit immer wieder für eine Abschaffung ausgesprochen. Sind Apothekenketten aus Ihrer Sicht ein Thema für die nächste Legislaturperiode?

 

Schulz-Asche: Nein, ich bin kein Freund von Apothekenketten. Apotheken sind für Menschen eine wichtige Anlaufstelle. Die individuelle Beratungsleistung ist wichtig und ich ­bezweifele, dass Apothekenketten sie entsprechend leisten würden. Mit Blick auf den ländlichen Raum könnte ich mir allerdings vorstellen, den Mehr­besitz, also die zurzeit geltende Beschränkung auf drei Filialen, falls es die Situation vor Ort erforderlich macht, flexi­bler zu gestalten.

 

PZ: Die Grünen fordern eine engere Zusammenarbeit der Akteure im Gesundheitswesen. Das wünschen sich viele, dennoch kommt die Vernetzung nur schleppend voran. Wo hakt es am meisten?

 

Schulz-Asche: Alle sind zu sehr darauf bedacht, dass alles so bleibt wie es war. Es gilt aber, für neue Möglichkeiten offen zu sein. Die einzelnen Berufe müssen zunächst ihre berufsständischen Stärken besser herausstellen. Dabei muss jeder aber auch erkennen, wo die eigene Kompetenz endet und wo es Schnittstellen gibt. Dies ist künftig Grundvoraussetzung für eine gute Patienten­versorgung.

 

PZ: Das Beispiel Medikationsplan zeigt doch bereits, wie schwer es etwa den Ärzten fällt, den Kompetenzen der Apotheker mehr Raum zu geben.

 

Schulz-Asche: Meines Erachtens hätten die Apotheker mit Pauken und Trompeten vor dem Bundestag demonstrieren müssen, als der Medikationsplan ohne Beteiligung der Apotheker verabschiedet wurde. Die pharmazeutische Kompetenz liegt nun mal beim Apotheker und nicht beim Arzt. Der Arzt hat die Verordnungshoheit, aber beim Thema Wechsel- und Nebenwirkungen ist der Apotheker der Experte.

 

PZ: Zuletzt haben Sie mit Ihrem Vorschlag, gut verdienende Apotheker sollten Apotheken in weniger guten ­Lagen finanziell unterstützen, für ein wenig Aufregung gesorgt. Können Sie Ihren Vorschlag genauer erläutern?

 

Schulz-Asche: Es geht um die Frage, wer dafür zuständig ist, wenn in einem bestimmten Bereich die pharmazeutische Versorgung nicht sichergestellt ist. Und da schaut man am besten zuerst auf die Berufsgruppe selbst. Bei der Aufrechterhaltung von Notdiensten gibt es solche Modelle bereits. Ich war überrascht über das Ausmaß der Reaktionen. Wir haben mit dem Gutachten ja erstmals einen guten Überblick über die unterschiedlichen Einkommensverhältnisse im Apothekenmarkt, als die Preisbindung noch galt. Ob eine Aufstockung des Nacht- und Notdienst-Fonds reicht, müsste man prüfen. Aber man kann nicht bei entstehenden Versorgungsengpässen erst eine lange Zeit zuschauen und dann ­sagen, jetzt muss aber jemand anderes die Lösung des Problems finanzieren.

 

PZ: Grundsätzlich steht ja in der nächsten Legislaturperiode eine Reform des Apothekenhonorars an. In welche Richtung sollte sie gehen?

 

Schulz-Asche: Das müssen die Apotheker sagen. Sie müssen Vorschläge machen, wie eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen ist. Ob es in bestimmten Bereichen beispielsweise notwendig ist, sich zu spezialisieren, kann ich als ehemalige Krankenschwester nicht sagen. Das müssen Apotheker beurteilen, sowohl fachlich als auch mit Blick auf die Standorte.

 

PZ: Sie haben gesagt, Sie möchten weg vom Packungsfixum.

 

Schulz-Asche: Der Apotheker soll ­beraten, was der Patient braucht. Und er soll auch Nein sagen können. Kein ökonomisches Interesse sollte ihn ­daran hindern, ein Medikament gegebenenfalls nicht abzugeben. Dieser Vorschlag geht einher mit einer stärkeren Vergütung der Beratungsleistung. Das heißt, auch über die Beratungsleistung kann unter Umständen belohnt werden, dass eine Packung nicht verkauft wird. Wie die Beratungsleistung abgestuft zu ­bewerten ist, muss die Apothekerschaft differenziert analysieren.

 

PZ: Die Grünen wollen das Thema Prävention weiter vorantreiben. Die Apotheker würden sich gerne stärker in die Gesundheitsvorsorge einbringen und beispielsweise bestimmte Impfungen übernehmen. Wäre das eine Aufgabe, die Sie den Apothekern übertragen würden?

 

Schulz-Asche: Ich kann mir gut vorstellen, dass Apotheken künftig solche Leistungen anbieten. Ob das allein der Apotheker mit einer Zusatzausbildung macht, das muss man diskutieren. Bei vielen Erkrankungen oder etwa bei der Nachimpfung ist es sicher sinnvoll, auch den Apotheker mit einzubeziehen. Man muss problemorientiert zusammen mit den Berufsgruppen schauen, wer was am besten machen kann und die Aufgaben vernünftig verteilen. Da ist eine Apotheke als sicht­bare Anlaufstelle sicher ein Angebot. /




Beitrag erschienen in Ausgabe 37/2017

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 


PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU