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Kordula Schulz-Asche

»Die Preisbindung hat versagt«

Die Grünen legen ein Konzept vor, wie die Apothekenhonorierung neu gestaltet werden könnte. Demnach sollen etwa besonders umsatzstarke Offizinen weniger Geld pro abgegebener Rx-Packung erhalten als andere. Zudem wollen sie das Medikationsmanagement gezielt finanzieren.
Christina Müller
16.04.2019
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Den Referentenentwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lehnen die Grünen ab. Der Entwurf »löst kein einziges Problem«, kritisierte Kordula Schulz-Asche den Vorstoß des Ministers gegenüber der PZ. Die Grünen-Gesundheitsexpertin hat jedoch eine Alternative parat: Federführend für ihre Partei hat sie einen Antrag in den Deutschen Bundestag eingebracht. Ziel ist es demnach, die patientennahe und bedarfsgerechte Arzneimittelversorgung durch Apotheken zu sichern.

»Mit dem Antrag bekennen wir uns zur Apothekenversorgung vor Ort – heute und in Zukunft«, sagte Schulz-Asche. Das Konzept basiert insbesondere darauf, Apotheken für die Abgabe verschreibungspflichtiger Fertigarzneimittel je nach Umsatz der Offizin unterschiedlich zu honorieren. Damit wollen die Grünen eine Bevorteilung großer umsatzstarker Apotheken und Versandapotheken gegenüber kleinen Offizinen abfedern.

Grüne wollen umverteilen

Etwa 80 bis 85 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften die Vor-Ort-Apotheken laut Antrag mit der Abgabe von Rx-Packungen. Neben der Entlohnung für die pharmazeutische Leistung beinhalte diese Vergütung auch einen Anteil, der die Betriebskosten decken soll. »Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese Betriebs- und und andere Kosten nicht proportional mit dem erwirtschafteten Umsatz steigen, sondern im Gegenteil bei steigendem Umsatz relativ gesehen rückläufig sind«, schreibt die Partei. »Schon eine Reduzierung der packungsabhängigen Vergütung von einem Euro für die umsatzstärksten zehn Prozent der Apotheken könnte ein Umverteilungspotenzial zugunsten kleinerer Apotheken im dreistelligen Millionenbereich bedeuten.« Mit diesem Konzept werde der Großteil der Offizinen bis zu einem durchschnittlichen Umsatz von derzeit 2,31 Millionen Euro jährlich – das entspricht rund 60 Prozent der Apotheken, heißt es – nicht belastet.

»Es leuchtet überhaupt nicht ein, warum Krankenkassen großen wie kleinen Apotheken und Apothekenunternehmen gleich hohe Vergütungen für ihre Leistungen zahlen, wenn deren Kostenstrukturen doch ganz unterschiedlich sind«, ergänzte Schulz-Asche. Große Apothekenunternehmen wie etwa Versandapotheken hätten etwa viel geringere Lagerkosten pro Arzneimittelpackung. »Auf diese Unterschiede gehen wir mit einem neuen Vergütungsmechanismus nun ein.« Das Konzept fußt unter anderem auf einem Entwurf der Basis-Apotheker, einer politischen Gruppe von Pharmazeuten aus Nordrhein-Westfalen. Die Apothekerfraktion hatte im Januar mit einem Acht-Punkte-Plan auf das im Dezember 2018 vorgelegte Eckpunkte-Papier Spahns reagiert und ein Gegenkonzept präsentiert.

Pharmazeutische Leistungen aufwerten

Die Mittel, die dadurch frei werden, wollen die Grünen in patientennahe Dienstleistungen wie das Medikationsmanagement investieren. Dass Apotheken zum Beispiel bisher kaum am Konzept Medikationsplan beteiligt sind, prangert die Partei ausdrücklich an. »Das ist nicht nachvollziehbar, denn wer könnte Medikationspläne besser auf etwaige kritische Wechselwirkungen zwischen Arzneien, Nebenwirkungen und Fehldosierungen hin prüfen als Pharmazeuten?« Es gelte, Apotheker diesbezüglich aufzuwerten. Als Paradebeispiel für das Medikamentenmanagement älterer, multimorbider Patienten nennen die Grünen die Arzneimittelinitiative in Sachsen und Thüringen (ARMIN).

Darüber hinaus plant die Fraktion, den Nacht- und Notdienstfonds zu einem Sicherstellungsfonds für Apotheken in strukturschwachen Gebieten weiterzuentwickeln. »Versorgungsrelevante Apotheken bieten durch ihren isolierten Standort mutmaßlich relativ oft Nachtdienste an«, begründen die Abgeordneten ihr Vorhaben. Wenn die Vergütung für diese Dienste steige, könnten solche Offizinen somit gezielt quersubventioniert werden. Auch diese Mehrausgaben wollen sie durch die Absenkung der packungsabhängigen Honorierung bei besonders umsatzstarken Apotheken finanzieren.

Mehrbesitzverbot auf dem Prüfstand

Zudem weisen Schulz-Asche und Kollegen auf den gesellschaftlichen Wandel hin. Daraus resultiere auch eine stärkere Nachfrage jüngerer Pharmazeuten nach Angestelltenverhältnissen. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wollen die Grünen »unter bestimmten Bedingungen, um eine Ketten-Bildung zu vermeiden« das Mehrbesitzverbot lockern. Ziel ist es, die Anzahl der Filialapotheken in Deutschland zu erhöhen und so mehr attraktive Leitungspositionen für junge Apotheker zu schaffen, ohne dass diese einen eigenen Betrieb übernehmen müssen.

Um unabhängig vom Versandhandel die Versorgung immobiler Patienten zu gewährleisten, muss der Partei zufolge der Botendienst ausgebaut und gezielt honoriert werden. Die Qualität im Botendienst wie auch im Versandhandel will sie sicherstellen, indem zum Beispiel »ab Temperaturen von 25 Grad Celsius eine durchgehende Kühlung der Arzneimittel verbindlich vorgeschrieben wird«.

Preisbindung verstärkt Probleme

Grundsätzlich fordern die Grünen ein gemeinsames Monitioring der Entwicklungen durch Bund, Länder, Apothekerkammern und -verbände. Sie vermuten, dass in Deutschland auch das bisher geltende Preissystem zur Schieflage im Apothekensektor beiträgt. »Die bisher zugänglichen Daten weisen jedenfalls darauf hin, dass die Preisbindung gerade nicht zu einer flächendeckenden und gleichmäßigen Versorgung führt.« So steige das durchschnittliche Betriebsergebnis der Offizinen seit Jahren, die Gewinne seien jedoch ungleich verteilt. Die Grünen fürchten, dass es vor allem in ohnehin unterversorgten Gebieten zu weiteren Apothekenschließungen kommen wird, wenn die Politik nicht endlich wirksam gegensteuert. Das liege auch daran, dass »die Preisbindung darin versagt hat, hier einen, gegenüber gefragten Regionen, wirtschaftlich attraktiven Betrieb zu ermöglichen«.

Schulz-Asche ist überzeugt, dass ihre Partei mit dem vorgelegten Konzept die richtigen Hebel gefunden hat. »Mit dem Vorschlag wollen wir einem Ungleichgewicht entgegentreten, welches seit Jahren schwerwiegender wird«, sagte sie der PZ. Denn während rund die Hälfte der Apotheken gut bis sehr gut verdiene, sei die andere Hälfte bereits heute in ihrer Existenz gefährdet. Ganze 2.600 Apotheken in Deutschland hätten demnach aus wirtschaftlicher Sicht eigentlich schon längst schließen müssen. »Das zeigt, dass die Politik hier dringend eingreifen muss«, betont die Gesundheitsexpertin. »Wir haben nun einen Vorschlag vorgelegt, der diese Versorgungsprobleme löst, ohne dabei die Versichertengemeinschaft zusätzlich zu belasten.«

Den Entwurf aus dem Hause Spahn sieht die Grünen-Gesundheitsexpertin mehr als kritisch. »Er sieht Mehrausgaben von jährlich knapp 200 Millionen Euro für die Versichertengemeinschaft vor, die aber weiter nur per Gießkannensystem verteilt werden sollen«, bemängelt sie. Damit erhielten die ohnehin schon wirtschaftlich stabilen Apotheken den größten Anteil vom Kuchen, den Kleinen sei jedoch weiterhin nicht geholfen. »Das zeigt, dass es hier intelligentere Lösungen braucht, als einfach nur wieder das Portemonnaie anderer zu öffnen.«

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