| Brigitte M. Gensthaler |
| 03.03.2026 09:00 Uhr |
Der Antikörper Teplizumab ist für Menschen mit Typ-1-Prädiabetes ab acht Jahren zugelassen. Die Behandlung erfordert viel Vorbereitung und eine präzise Diagnostik. / © Shutterstock/Halfpoint
Der monoklonale Antikörper Teplizumab (Teizeild® 1 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Sanofi) ist indiziert bei Menschen ab acht Jahren mit Typ-1-Diabetes (T1D) im Stadium 2 zur Verzögerung der Krankheitsprogression in das Stadium 3.
Im Stadium 2 (Prädiabetes) sind charakteristische Inselautoantikörper nachweisbar, die beispielsweise gegen Insulin, Glutamat-Decarboxylase, Tyrosin-Phosphatase oder gegen den Zinktransporter 8 gerichtet sind. Zudem ist bereits die Glucosetoleranz gestört und die Betazellmasse hat deutlich abgenommen. Vom Stadium 3 spricht man, wenn die Stoffwechselerkrankung symptomatisch wird, zum Beispiel mit übermäßigem Durst, häufigem Wasserlassen oder Gewichtsverlust, und eine Hyperglykämie messbar ist.
Der Antikörper wird als intravenöse Infusion (mindestens 30 Minuten) in einer an die Körperoberfläche angepassten Dosierung einmal täglich an 14 aufeinanderfolgenden Tagen verabreicht. Von Tag 1 bis Tag 4 wird die Dosis gesteigert von 65 µg/m² auf 500 µg/m²; von Tag 5 bis Tag 14 bekommen die Patienten täglich 1030 µg/m² infundiert.
An den ersten fünf Tagen sollte eine Prämedikation mit einem nicht steroidalen Antirheumatikum oder Paracetamol, einem Antihistaminikum und gegebenenfalls einem Antiemetikum erfolgen. Bei Bedarf kann der Patient zusätzliche Dosen der Prämedikation bekommen.
Wird eine geplante Infusion versäumt, sollte die Behandlung fortgesetzt werden, indem die verbleibenden Dosen an den darauffolgenden Tagen infundiert werden, um den Behandlungszyklus zu vervollständigen. Die Behandlung darf maximal drei Tage unterbrochen werden.
In der Fachinformation gibt es genaue Angaben, wann die Medikation beendet werden sollte, zum Beispiel bei stark erhöhten Leberenzym- oder Bilirubinwerten, anhaltender schwerer Lymphopenie, klinisch relevantem Abfall der Thrombozyten- oder Neutrophilenzahl oder des Hämoglobins über drei Tage sowie bei Auftreten einer schwerwiegenden Infektion.
Der Antikörper (humanisiertes IgG1-κ) bindet an das CD3-Protein, ein Zelloberflächen-Antigen auf T-Lymphozyten. Dies führt zur Internalisierung des Teplizumab-CD3-Komplexes von der Oberfläche der T-Zellen, was die intrazelluläre Signalkaskade und Genexpression beeinflusst. Teplizumab bindet an CD4- und CD8-positive T-Zellen.
Der Wirkmechanismus ist noch nicht ganz geklärt. Über eine partielle agonistische Signalübertragung könnte es zur Deaktivierung und partiellen Erschöpfung von autoreaktiven CD8+ T-Lymphozyten kommen; damit wird die immunvermittelte Betazellzerstörung aufgehalten. Zugleich könnten regulatorische T-Zellen zunehmen, die wiederum aktivierte T-Zellen hemmen. Dies könnte eine erneute Balance des Immunsystems begünstigen und die Betazellfunktion länger erhalten.
Die Zulassung von Teplizumab basiert auf der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie TN-10 (DOI: 10.1056/NEJMoa1902226) mit 76 Patienten im Alter von 8 bis 49 Jahren mit T1D im Stadium 2. Die Teilnehmenden bekamen über 14 Tage entweder Teplizumab oder Placebo als Infusion. Die mediane Dauer bis zur Diagnose des T1D im Stadium 3 betrug 50 Monate unter Verum und 25 Monate unter Placebo. Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 51 Monaten war die Progression des T1D statistisch signifikant verzögert.
Follow-up-Studien zeigten einen anhaltenden Nutzen. In einer Nachbeobachtung über 2,5 Jahre (DOI: 10.1126/scitranslmed.abc8980) hatten 50 Prozent der Patienten aus der Teplizumab-Gruppe versus 22 Prozent aus der Placebogruppe noch keinen manifesten Diabetes entwickelt. Nach fünf Jahren waren es noch 36 Prozent (DOI: 10.1172/JCI177492).
Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Teplizumab gehören Lymphopenie (75 Prozent), Leukopenie (58 Prozent), Neutropenie (37 Prozent) und Ausschlag (36 Prozent).
Die häufigste schwerwiegende Nebenwirkung war ein Zytokin-Freisetzungssyndrom (CRS). CRS-Symptome umfassen Fieber, Übelkeit, Atemnot, Kopf-, Muskel- und Knochenschmerzen sowie erhöhte Leberenzym- und Gesamtbilirubinwerte. Die Symptome traten typischerweise während der ersten fünf Tage der Behandlung auf und sollten mit Antipyretika, Antihistaminika und/oder Antiemetika behandelt werden.
Weitere schwerwiegende Nebenwirkungen waren erhöhte Leberenzymwerte (Alanin- und Aspartat-Aminotransferase), Lympho- und Neutropenie sowie Infektionen. Es wurden bakterielle und virale Infektionen berichtet, darunter Gastroenteritis, Zellulitis, Pneumonie, Abszess und Sepsis.
Im Rahmen des Risk Management Plan stehen für Teizeild Schulungsmaterialien zur Risikominimierung zur Verfügung, darunter Leitfäden für Angehörige von Gesundheitsberufen und für Patienten.
Teizeild sollte mit Vorsicht verabreicht werden bei Patienten mit einer Komedikation, die erhebliche Leberfunktionsstörungen und Zytopenien auslösen kann, sowie bei Patienten, die andere Immunmodulatoren erhalten.
Der Antikörper kann die Wirksamkeit von Impfstoffen verringern. Daher sollten alle altersgerechten Impfungen vor Behandlungsbeginn verabreicht werden. Inaktivierte oder mRNA-Impfungen werden innerhalb von zwei Wochen vor Beginn sowie während und bis zu sechs Wochen nach Abschluss der Behandlung nicht empfohlen. Für attenuierte Lebendimpfstoffe sind die Wartefristen noch länger: innerhalb von acht Wochen vor sowie während und bis zu 52 Wochen nach Abschluss der Therapie.
Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung und für 30 Tage nach der letzten Teplizumab-Dosis zuverlässig verhüten. Ohne Konzeptionsschutz wird die Antikörpergabe nicht empfohlen.
Der Antikörper Teplizumab ist als großer Fortschritt und Sprunginnovation einzustufen. Es ist die erste immunmodulatorische Therapie bei Typ-1-Diabetes. Zwar lässt sich der Übergang von Prädiabetes zu manifestem Diabetes Typ 1 damit nicht verhindern, aber signifikant hinauszögern. Die Zulassungsstudie zeigt, dass die Patienten in der Placebogruppe im Durchschnitt nach 25 Monaten von Stadium 2 zu Stadium 3 übergegangen waren, unter Teplizumab aber erst nach 50 Monaten, also gut zwei Jahre später.
Teplizumab bindet an das CD3-Protein, das Teil des T-Zell-Rezeptor-Komplexes ist. Das führt vermutlich zur Deaktivierung von autoreaktiven T-Lymphozyten, die die Betazellen der Bauchspeicheldrüse angreifen, und zur Erhöhung von regulatorischen Zellen, die die Autoimmunreaktion dämpfen.
Der Name des Fertigarzneimittels in den USA (Tzield®) wurde in der EU zu Teizeild® abgewandelt. Das ist bedauerlich, weil der US-amerikanische Name besser passt: Das »zield« im Wort soll an das englische Wort »shield« für Schutz oder Abschirmung erinnern. Teplizumab schützt die Betazellen vor autoreaktiven T-Lymphozyten.
Die Markteinführung von Teplizumab ist ein weiteres Argument für eine flächendeckende Einführung von Früherkennungsprogrammen für Typ-1-Diabetes. Eine Früherkennung mit Monitoring kann dazu beitragen, akute Komplikationen wie eine diabetische Ketoazidose bei Manifestation zu vermeiden. Sie ermöglicht aber auch die Identifikation von Personen, die für eine Teplizumab-Therapie infrage kommen und von dieser maximal profitieren würden.
Gespannt darf man sein, wie es mit Teplizumab und anderen immunmodulierenden Therapien bei Typ-1-Diabetes weitergeht. Teplizumab ist erst ab acht Jahren zugelassen. In diesem Alter hat der Autoimmunprozess in vielen Fällen längst begonnen. Eine frühere Therapie hätte also womöglich noch bessere Effekte.
Sven Siebenand, Chefredakteur