| Jennifer Evans |
| 13.04.2026 07:00 Uhr |
Im Gespräch über eigene Wünsche und Werte zu bleiben, kann später eine Über- oder Unterversorgung auf der Intensivstation verhindern. / © Getty Images/Cavan Images
Wenn Patientinnen und Patienten im Ernstfall nicht mehr selbst entscheiden können, fühlen sich viele Angehörige überfordert. Dann treffen sie auch mal Entscheidungen, die nicht dem tatsächlichen Willen der Betroffenen entsprechen. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf gekommen, die im Fachjournal »Deutsches Ärzteblatt International« erschienen ist.
Obwohl mehr als die Hälfte der Paare angab, zuvor über Wünsche und Therapieziele gesprochen zu haben, fühlten sich nur 37,1 Prozent der Befragten sicher genug, im Notfall stellvertretend entscheiden zu können. 11,4 Prozent hatten sogar Angst vor der Verantwortung.
Zwar lagen die Angehörigen in vier von fünf Fällen richtig mit ihrer Einschätzung – doch eher bei weniger invasiven Maßnahmen wie einer Antibiotikatherapie. Bei komplexeren Eingriffen wie künstlicher Ernährung oder Reanimation kam es häufiger zu Fehleinschätzungen. Hinsichtlich der Mindestlebensqualität schätzen die Angehörigen Wünsche in 86,4 Prozent der Fälle richtig ein. War aber die maximale Einschränkung der akzeptablen Lebensqualität für die Betroffenen erreicht, kam es zu inkonsequenten Entscheidungen seitens der Zugehörigen. Es zeigte sich auch: Je ähnlicher sich Patientenwille und Wertevorstellungen des Angehörigen waren, desto eher entschieden diese im Sinne des erkrankten Familienmitglieds.
Zu bedenken ist laut Professor Dr. Uwe Janssens auch, dass gesunde Angehörige dazu neigen, die Lebensqualität von Menschen mit schweren körperlichen Einschränkungen »systematisch zu unterschätzen«. Das betonte der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler gegenüber dem »Science Media Center« (SMC). »Patienten hingegen adaptieren sich im Verlauf einer Erkrankung häufig an ihre Einschränkungen und berichten eine unerwartet hohe subjektive Lebensqualität, die mit einer erneuten Therapiewilligkeit einhergeht«, berichtete er.
In etwa jedem zweiten Fall lag eine Patientenverfügung vor, die aber laut Studienergebnissen die Einschätzung des Patientenwillens nicht verbesserte. Daraus folgerten die Forschenden, dass die Kommunikation zwischen Erkrankten und ihren Angehörigen wichtiger ist als das eigentliche Dokument.