Unter anderem beim Pressen von Tabletten wird Methylcellulose als Bindemittel verwendet. / © Adobe Stock/Bogdan
Pyridostigmin ist ein Cholinesterasehemmer, der überwiegend zur Behandlung der seltenen Autoimmunerkrankung Myasthenia gravis eingesetzt wird. Dabei ist die Reizübertragung von Nerven zu Muskeln gestört. Die Betroffenen leiden unter belastungsabhängiger Muskelschwäche ohne oder mit gering ausgeprägten Muskelschmerzen, die sich anfänglich meist durch Sehstörungen wie wechselnde Doppelbilder und ermüdete Augenlider äußern.
Zur symptomatischen Therapie ist Pyridostigminbromid das Medikament der Wahl für die orale Langzeitbehandlung. Entsprechende Präparate sind in Form von Tabletten, überzogenen Tabletten/Filmtabletten, Retardtabletten sowie als Lösung zum Einnehmen und als Injektionslösung im Handel.
In den Fachinformationen der oralen Präparate wird darauf hingewiesen, dass Methylcellulose die Resorption von Pyridostigminbromid verhindern kann und die gleichzeitige Gabe von Arzneimitteln mit Methylcellulose als sonstigem Bestandteil vermieden werden sollte.
Methylcellulose ist als Hilfsstoff in etwa 200 in Deutschland zugelassenen Arzneimitteln enthalten. Die jeweilige genaue Menge ist in den Fachinformationen nicht ausgewiesen, sollte aber maximal im niedrigen dreistelligen Milligrammbereich liegen. Fertigarzneimittel mit Methylcellulose als Wirkstoff sind in Deutschland derzeit nicht im Handel.
Grundlage für den Hinweis auf die Wechselwirkung ist vermutlich eine Veröffentlichung im Fachjournal »Neurology« aus dem Jahr 1981, in der die Plasmakonzentration von Pyridostigmin bei 16 Patienten mit Myasthenia gravis untersucht wurde. Nach Einnahme von zweimal täglich 500 mg Methylcellulose lag bei einem Patienten der Pyridostigmin-Spiegel unterhalb der Nachweisgrenze. Nach Absetzen der Methylcellulose normalisierte sich die Plasmakonzentration von Pyridostigmin. Daraus schlussfolgerten die Autoren, dass Methylcellulose die Resorption von Pyridostigmin verhindern könne. Darüber hinaus existieren keine weiteren Publikationen zu dieser möglichen Wechselwirkung.
Beim Cave-Check mit der ABDA-Datenbank wird zwischen Präparaten, die Methylcellulose enthalten, und Pyridostigmin-Präparaten keine Interaktionsmeldung angezeigt. Auch die internationalen Interaktionsdatenbanken Stockley’s Drug Interactions® und UpToDate® Drug Interactions, in denen Metylcellulose als Item anwählbar ist, geben keine Interaktionswarnung für die Kombination Pyridostigmin und Methylcellulose.
Insgesamt ist die Datenlage sehr schwach. Sie beruht lediglich auf den Plasmaspiegeldaten eines Patienten, der Methylcellulose in relativ großen Mengen eingenommen hatte. Ob die gleichzeitige Einnahme von Präparaten, die Methylcellulose in geringen Mengen als Hilfsstoff enthalten, ebenfalls eine Verminderung der Resorption von Pyridostigminbromid bedingt, wurde bisher nicht untersucht.
Da Metyhlcellulose nur in wenigen Arzneimitteln als Hilfsstoff in geringen Mengen enthalten ist und es keine Fallberichte über das Auftreten einer Wechselwirkung bei gleichzeitiger Einnahme eines solchen Präparats mit einem Pyridostigmin-haltigen Arzneimitteln gibt, erscheint das Risiko für das Auftreten einer klinisch relevanten Interaktion in der Praxis unwahrscheinlich. Bei Patienten mit unzureichendem Ansprechen auf eine Behandlung mit Pyridostigmin sollte die Begleitmedikation aber vorsichtshalber auf Präparate mit Methylcellulose geprüft und versuchsweise alternative Präparate ohne diesen Hilfsstoff vom Arzt verordnet beziehungsweise in der Apotheke abgegeben werden.
Die Apothekerinnen Dr. Lisa Goltz und Dr. Jane Schröder sind in der Arzneimittelinformation UKD der Klinik-Apotheke am Universitätsklinikum an der TU Dresden tätig. Dort unterstützen sie sächsische Apothekerinnen und Apotheker bei fachlichen Fragen im Rahmen der pharmazeutischen Dienstleistung »Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation«. Die Beratung wird von der Sächsischen Landesapothekerkammer finanziert.