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Neues Verfahren

Herzinfarkt schneller und sicherer erkennen

Am Uniklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg hat man einen online verfügbaren Risiko-Kalkulator bei Herzinfarktverdacht entwickelt. Damit sollen Kardiologen schneller und sicherer als bislang abschätzen können, ob wirklich ein Myokardinfarkt vorliegt. 
Daniela Hüttemann
28.06.2019  12:26 Uhr

Grundlage der Früherkennung bleibt ein Troponin-Test, allerdings ein besonders sensitiver, der mehrmals wiederholt wird. Troponin ist ein Proteinkomplex, der nur im Herzmuskel vorkommt und bei einer Myokardschädigung ins Blut gelangt.  »Mithilfe der gemessenen Troponin-Werte und der genauen Zeit zwischen den Messungen kann man nun unter Berücksichtigung der Art des verwendeten Bluttests ausrechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der betreffende Patient einen akuten Herzinfarkt hat. Das ist ein Novum«, erklärt Dr. Johannes Neumann, Klinik für Allgemeine und Interventionelle Kardiologie des Universitären Herz- und Gefäßzentrums am UKE.

Bislang wurde die Diagnose (neben einem EKG) über einen festen Grenzwert der Troponin-Konzentration im Blut gestellt. Jetzt soll es um den Anstieg während des Messzeitraums gehen. Den neuen und kostenlosen Risikokalkulator Compass MI stellten die UK-Forscher mit internationalen Kollegen vor Kurzem im »New England Journal of Medicine« vor.

»Wir haben das in den medizinischen Leitlinien niedergeschriebene Konzept zur Diagnose eines akuten Herzinfarkts aufgebrochen«, sagt Professor Dr. Stefan Blankenberg, Ärztlicher Leiter des Universitären Herz- und Gefäßzentrums. Für die klinische Praxis bedeute dies nun: Wenn bei Verdacht auf einen akuten Herzinfarkt das EKG keine eindeutigen Zeichen für einen Infarkt liefert, können Ärzte dennoch innerhalb von rund einer Stunde zu einer gesicherten Diagnose kommen, um dann die notwendigen Therapiemaßnahmen einzuleiten. Bislang konnte es passieren, dass solche Patienten bis zu zwölf Stunden warten mussten, bis die Ärzte einen Infarkt sicher diagnostizieren oder ausschließen konnten.

Der neue Algorithmus wurde anhand von Daten von mehr als 22.000 Patienten aus 13 Ländern validiert. Bei allen Patienten, die mit Verdacht auf einen Herzinfarkt in eine Notaufnahme kamen, ließen die Ärzte unmittelbar bei der Eingangsuntersuchung und bis zu dreieinhalb Stunden später jeweils mithilfe hochsensitiver Bluttests die Konzentration von Troponin I oder Troponin T bestimmen. »Wir haben hier in Hamburg den Algorithmus entwickelt. Dazu haben wir die weltweiten Daten harmonisiert und dann als gemeinsamen Datensatz für die Analyse verwendet«, erklärt Neumann, der auch einer der beiden Erstautoren der Veröffentlichung ist.

In der Studie stellte sich heraus, dass nur 15 Prozent der Patienten tatsächlich einen Herzinfarkt erlitten hatten. »Geringe Ausgangskonzentrationen an Troponin und ein geringer Konzentrationsanstieg waren mit einer geringen Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt verknüpft. Diese Patienten hatten zudem ein geringes Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Komplikationen in den kommenden 30 Tagen«, heißt es dazu in der Pressemitteilung des UKE. »Mit einer Ausgangskonzentration an Troponin I von unter 6 Nanogramm pro Liter (<6 ng/L) und einem nur geringen Anstieg (<4 ng/L) innerhalb von 45 bis 120 Minuten gehörte insgesamt mehr als die Hälfte aller Patienten (57 Prozent) zu dieser Niedrig-Risiko-Gruppe.«

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