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Diabetes und Infektion

Häufiger messen und Dosis anpassen

Die Blutzuckerwerte von Diabetikern werden von vielen Faktoren beeinflusst. Nicht jeden davon können die Betroffenen in ihrem Sinne steuern. Dazu gehören auch bakterielle und virale Infekte. Sie lassen den Blutzucker meist nach oben schnellen. Profundes Wissen hilft, mit diesen Situationen zurechtzukommen.
Elke Wolf
14.11.2019  08:00 Uhr

Diabetiker erkranken häufiger an Infektionskrankheiten. Das zeigten erst jüngst wieder die Daten einer großen Kohortenstudie aus England (DOI: 10.2337/dc18-0287). Danach erkrankten Diabetiker mit einer schlechten Stoffwechseleinstellung, verglichen mit gut eingestellten Patienten, deutlich öfter an Infektionen der Bronchien, der Lunge, der Haut und der Harnwege. Die hohen Werte bremsen die zelluläre Abwehr, mindern die Gewebedurchblutung bei schon geschädigten Zellen und fördern das Wachstum von Krankheitserregern, denen die Glukose ideale Bedingungen bietet. Auch banale Infekte verlaufen häufiger kompliziert.

Langjährige Diabetiker erkennen einen herannahenden Infekt manchmal schon daran, dass die Blutzuckerwerte ohne erkennbaren Grund zu hoch liegen. Spätestens mit Ausbruch einer Grippe, Erkältung oder eines Magen-Darm-Infekts wird dann klar, warum sich die Werte schon ein bis zwei Tage vorher nur noch schwer einstellen ließen.

Wie verhalten sich Betroffene in dieser Situation am besten? Die Strategie, für die Dauer des Infekts zu hohe Blutzuckerwerte zu akzeptieren, ist nicht ungewöhnlich, denn immer wieder gibt es Situationen, in denen die Akzeptanz hoher Werte über einen kürzeren und begrenzten Zeitraum die richtige Lösung ist. So etwa im Urlaub, wenn der Diabetiker anders isst, sich anders bewegt. Ausrutscher lassen sich dann oft nicht vermeiden. Deshalb plädieren auch Diabetologen für die 14 oder 21 Tage Ferien zu Gelassenheit, um den Urlaub genießen zu können. Doch bei einem Infekt passt das nicht. Hier hilft nur der andere Weg, nämlich das Bemühen um normnahe Werte, um die Infektion möglichst gut zu überstehen und als akuten schweren Notfall keine Ketoazidose zu riskieren.

Damit das gelingt, müssen Typ-2-Diabetiker, die eigentlich mit oralen Antidiabetika behandelt werden, bei schweren Infektionen wie etwa einer Lungenentzündung unter Umständen kurzfristig Insulin bekommen.

Unter Metformin, der Nummer eins für Typ-2-Diabetiker, steigt bei einer schweren Infektion das Risiko für eine Laktatazidose. Deshalb entscheidet der Arzt in diesen Fällen womöglich, das Medikament vorübergehend abzusetzen. Das gilt auch für Arzneistoffe aus der Gruppe der SGLT-2-Hemmer. Zwar können sie nur sehr selten eine Ketoazidose verursachen, doch das Risiko dafür erhöht sich bei Infekten. Auch hier obliegt dem Arzt das Vorgehen während der akuten Erkrankung.

Insulin anpassen

Typ-1-Diabetiker managen ihre Erkrankung oft hervorragend selbst. Allerdings hängt der richtige Umgang in schwierigen Situationen auch vom Alter und von dem Compliancevermögen des Patienten ab. Der wichtigste Rat während eines Infekts: »Testen Sie Ihren Blutzucker alle zwei bis drei Stunden und immer dann, wenn Sie den Verdacht auf besonders hohe oder tiefe Werte haben.« So erkennt der Diabetiker große Abweichungen früh.

Um die Therapie adäquat anzupassen, sollten Typ-1-Diabetiker die Dosis an Basal- und Mahlzeiten-Insulin bei Fieber ohne Erbrechen oder Durchfall um 10 bis 20 Prozent erhöhen. Bei einem leichten grippalen Infekt sollten sie nicht am Basalinsulin drehen, sondern nur zu den Mahlzeiten mehr spritzen. Erkranken Kinder mit Typ-1-Diabetes, holen Eltern am besten den Rat des behandelnden Diabetologen ein, sofern sie diese Art von Notfällen noch nicht mit ihm besprochen haben.

Sonderfall Magen-Darm

Erbrechen und Durchfall stellen Diabetiker vor ganz besondere Herausforderungen. Denn zum einen steigen die Zuckerwerte wegen des Infekts, zum anderen können sie aber auch stark sinken, wenn gegessene und mit Insulin abgespritzte Kohlenhydrate erbrochen werden oder den Darm nahezu unverdaut passieren. Oder der Patient hat keinen Appetit, aber seine übliche Insulindosis gespritzt. Deshalb brauchen Erkrankte dann womöglich weniger Insulin. Wenn sie essen, hilft es, das Insulin nicht wie gewohnt kurz vorher oder während der Mahlzeit zu spritzen, sondern mit reichlich »Sicherheitsabstand« erst danach. So lässt sich besser abschätzen, ob der Patient die Nahrung auch wirklich bei sich behält. Auch die Dosis des Basalinsulins braucht unter Umständen eine Korrektur nach unten. Weglassen dürfen es Diabetiker allerdings nicht.

Typ-2-Diabetiker, die mit einem Sulfonylharnstoff behandelt werden, können grundsätzlich unterzuckern. Ebenso diejenigen, die mehrere orale Antidiabetika einnehmen. Auch in diesen Fällen geht es bei einem Magen-Darm-Infekt nicht ohne den Arzt, der dann weiß, ob die Tabletten geringer dosiert oder gar abgesetzt werden müssen, um die Gefahr für Infekt-bedingte Unterzuckerungen nicht noch zu steigern.

Besser Paracetamol

Um die Symptome eines grippalen Infekts zu mildern, greifen viele Menschen zu Ibuprofen als Analgetikum und Antipyretikum. Doch das ist für Diabetiker nicht das Mittel der ersten Wahl. Es kann bei schon manifesten, aber auch bei noch nicht erkannten diabetischen Nierenschäden deren Voranschreiten fördern beziehungsweise die Nieren zusätzlich und auch akut schädigen. Diabetikern sollte man bei der Abgabe in der Offizin deshalb zu Präparaten mit Paracetamol raten, um infektbedingte Symptome zu mildern.

Bei manchen Infektionen, wie einer schweren Bronchitis oder Nasennebenhöhlenentzündung, verordnen Ärzte auch Glucocorticoid-haltige Nasen-/Bronchialsprays oder Glucocorticoid-Tabletten über einige Tage. Achtung! Diese Therapien können den Blutzucker von Diabetikern deutlich in die Höhe treiben, weil Glucocorticoide als Insulin-Gegenspieler dessen Wirkungen massiv einschränken. Weiß das Apothekenteam um den Diabetes eines Patienten und er kommt mit dem Rezept über ein Glucocorticoid, ist die Nachfrage beim verordnenden Arzt opportun. Oft handelt es sich nicht um den Arzt, der auch den Diabetes behandelt, sodass er womöglich nichts von dieser Grunderkrankung seines Patienten weiß.

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