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Adhärenzprobleme

Gut über Antidepressiva aufklären

Antidepressiva haben keinen guten Ruf – zu Unrecht, erklärte Professor Dr. Kristina Friedland von der Uni Mainz beim Westfälisch-Lippischen Apothekertag am Sonntag in Münster. Patienten müssten nur viel stärker in die Auswahl des am besten geeigneten Medikaments einbezogen und über Wirkweise und Nebenwirkungen aufgeklärt werden.
Daniela Hüttemann
25.03.2019
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Depressionen sind eine ernsthafte und meist chronische Erkrankung mit einer neurobiologischen Grundlage. »Das ist aber vielen nicht klar«, konstatierte Dr. Kristina Friedland, Professorin für Pharmakologie und Toxikologie an der Uni Mainz. Oft werden die Betroffenen noch stigmatisiert (»reiß’ dich mal zusammen«) und antidepressiven Medikamenten wird mit Argwohn begegnet. »Fast die Hälfte der Patienten setzen ihr Antidepressivum eigenmächtig wieder ab«, weiß die Pharmazeutin aus Studien.

Daher sei eine gute Aufklärung in der Apotheke wichtig, sowohl bei der Erstverordnung als auch bei Folgeverordnungen. Denn: »Um die volle Wirkung zu entfalten, muss ein Antidepressivum über mindestens sechs Monate genommen werden, besser ein Jahr«, so Friedland. Wer bereits mehrere depressive Episoden erlitten habe, sollte seine Medikation zur Vorbeugung von Rückfällen besser weiter nehmen, denn die Rezidivquoten ohne Behandlung seien sehr hoch.

»Die Patienten müssen wissen, dass es wirklich gute Medikamente sind, die wir seit mehr als 50 Jahren einsetzen«, rät die Expertin. Es sei äußerst wichtig, den Patienten den Wirkmechanismus zu erklären. Im Grunde greifen alle gängigen Mittel in die Neurotransmitter-Balance an den Synapsen ein. Dadurch werden vermehrt neurotrophe Faktoren und Nervenverbindungen gebildet, die Neuronen können wieder besser kommunizieren. »Das dauert zwei bis sechs Wochen«, so Friedland. »In dieser Zeit spüren die Patienten oft noch keine antidepressive Wirkung, wohl aber die Nebenwirkungen.« Letztere ließen sich auch als positives Zeichen werten, nämlich dass der Patient auf das Medikament anspräche. Meist lassen unerwünschte Wirkungen nach ein paar Wochen nach, sollte das pharmazeutische Personal dazu sagen.

»In klinischen Studien gab es kaum Wirkunterschiede zwischen den unterschiedlichen Gruppen, es gibt jedoch deutliche Unterschiede beim Nebenwirkungsspektrum und der Wirkung auf Komorbiditäten wie Schlafstörungen«, erklärte Friedland. Danach und unter Beachtung von Kontraindikationen wird der behandelnde Arzt das passendste Antidepressivum in Zusammenarbeit mit dem Patienten aussuchen. »Es ist wichtig zu fragen, womit der Patient eher leben kann, zum Beispiel einer Gewichtszunahme, wie sie unter Mirtazapin häufig ist, oder sexuellen Störungen, die unter SSRI auftreten können.«

Apotheker sollten Patienten mit Depressionen im Übrigen auch die Angst vor einer Medikamentensucht nehmen. »Man wird von Antidepressiva nicht abhängig. Man muss sie nur, und das gilt für alle, sehr langsam ausschleichen, wenn man sie absetzen möchte«, erklärte die Pharmazeutin. Sonst finde eine Gegenregulation im Körper statt. Vor allem Lithium dürfe man nicht plötzlich absetzen, sonst könne sich die Erkrankung deutlich schwerer entwickeln, als wenn der Patient nie mit Lithium behandelt worden wäre. »Es eignet sich also nicht für Patienten, bei denen von einer schlechten Compliance auszugehen ist«, so Friedland.

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