Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Antipsychotika
-
Gewichtszunahme vor allem in den ersten 90 Tagen

Eine britische Beobachtungsstudie legt nahe, dass das Körpergewicht und der Blutzucker vor allem in den ersten 90 Tagen einer Therapie mit Antipsychotika steigen könnten. Die Autoren sprechen sich für ein intensiviertes Monitoring in dieser Phase aus.
AutorKontaktLaura Rudolph
Datum 19.10.2026  13:00 Uhr

Vor allem die ersten drei Monate einer Behandlung mit Antipsychotika scheinen ein kritisches Zeitfenster für eine Gewichtszunahme sowie einen Anstieg des Langzeitblutzuckerwerts HbA1c zu sein. Zu diesem Schluss kommen Forschende um Dr. Juan Carlos Bazo-Alvarez vom University College London. Im Fachjournal »The Lancet Psychiatry« veröffentlichten sie kürzlich die Ergebnisse einer Beobachtungsstudie, in der sie die Entwicklung beider Parameter mittels einer personenbezogenen Zeitreihenanalyse über vier Jahre untersuchten: von zwei Jahren vor bis zwei Jahre nach Therapiebeginn.

Bazo-Alvarez und Kollegen nutzten für ihre Studie eine elektronische Gesundheitsdatenbank der britischen Arzneimittelbehörde, die anonymisierte Daten aus Hausarztpraxen in England enthält. Sie schlossen knapp 97.000 Erwachsene zwischen 18 und 59 Jahren ein, die zwischen Januar 2000 und Juni 2023 aufgrund einer psychischen Erkrankung wie Schizophrenie oder bipolarer Störung mindestens zwei aufeinanderfolgende Verordnungen für Antipsychotika erhalten hatten. Personen mit Demenz und vorbestehendem Typ-2-Diabetes wurden ausgeschlossen.

Anstieg bereits vor Therapiebeginn

74.233 Personen wurden in die Analyse des Gewichtsverlaufs und 24.084 in die Untersuchung des HbA1c-Verlaufs einbezogen. Die Forschenden unterteilten den Beobachtungszeitraum in drei Phasen: die Zeit vor Therapiebeginn, die ersten 90 Behandlungstage sowie den Zeitraum von Tag 91 bis zwei Jahre nach Therapiebeginn.

Es zeigte sich, dass sowohl das Gewicht als auch der HbA1c-Wert über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg kontinuierlich zunahmen – also bereits in den Jahren vor Therapiebeginn. In den ersten 90 Behandlungstagen fiel der Anstieg beider Parameter jedoch deutlich stärker aus als davor und danach.

Der HbA1c-Wert erhöhte sich vor Behandlungsbeginn im Mittel um 0,01 Millimol pro Mol Hämoglobin (mmol/mol) pro Woche. Zu Therapiebeginn lag er mit durchschnittlich 36,32 mmol/mol allerdings noch im Normbereich: Werte unter 39 mmol/mol (entspricht einer Glykierung des Hämoglobins von < 5,7 Prozent) gelten als unauffällig, während Werte zwischen 39 und 48 mmol/mol (5,7 bis 6,4 Prozent) mit einem erhöhten Diabetesrisiko einhergehen.

In den ersten drei Therapiemonaten stieg die Zuwachsrate um mehr als das Zehnfache auf 0,12 mmol/mol pro Woche – bei Frauen etwas stärker als bei Männern. Nach 90 Tagen war der absolute HbA1c-Wert damit um durchschnittlich 1,53 mmol/mol auf 37,85 mmol/mol gestiegen.

Subgruppenanalysen zeigten, dass der HbA1c-Wert in den ersten Therapiemonaten unter Olanzapin und Aripiprazol besonders rasch anstieg (jeweils um 0,18 mmol/mol pro Woche). Weniger ausgeprägt war der Anstieg unter Quetiapin und Risperidon (0,02 beziehungsweise 0,05 mmol/mol pro Woche). Ab Tag 91 flachte die Zunahmerate wieder auf 0,01 mmol/mol pro Woche ab.

Gewichtszunahme folgt ähnlichem Muster

Beim Gewicht zeigte sich ein ähnlicher Verlauf: Es stieg bereits vor Therapiebeginn langsam an, nahm in den ersten 90 Behandlungstagen deutlich stärker zu und stieg anschließend wieder mit einer ähnlichen Rate wie vor der Therapie.

Das durchschnittliche Körpergewicht zu Therapiebeginn betrug 78,91 kg. Zuvor war es im Mittel um 0,02 kg pro Woche gestiegen. In den ersten 90 Therapietagen erhöhte sich diese Rate auf etwa das Zehnfache, nämlich 0,21 kg pro Woche. Für diesen Zeitraum berechneten die Forschenden eine absolute Gewichtszunahme von durchschnittlich 2,66 kg. Ab Tag 91 ging die wöchentliche Zunahmerate wieder auf 0,03 kg zurück. Auch hier waren Frauen etwas stärker betroffen als Männer.

Je nach Wirkstoff fiel die Gewichtszunahme unterschiedlich aus. Für die ersten 90 Behandlungstage ergab sich folgender geschätzter Gewichtszuwachs:

  • 3,30 kg unter Olanzapin (+0,28 kg pro Woche),
  • 2,26 kg unter Quetiapin (+0,19 kg pro Woche),
  • 2,23 kg unter Risperidon (+0,19 kg pro Woche),
  • 1,74 kg unter Aripiprazol (+0,16 kg pro Woche).

Gewicht und Blutzucker getrennt überwachen

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ein besonders starker Gewichtsanstieg nicht zwangsläufig mit einer ebenso ausgeprägten Veränderung des HbA1c-Werts einhergeht. So stieg der HbA1c-Wert unter Aripiprazol vergleichsweise steil an, während die Gewichtszunahme unter diesem Wirkstoff von den vier untersuchten Antipsychotika am geringsten ausfiel. Unter Olanzapin war dagegen die Gewichtszunahme am stärksten ausgeprägt – allerdings stieg auch der HbA1c-Wert vergleichsweise rasch an.

Das Gewicht und der Blutzucker der Patienten sollten vor Beginn der Behandlung und erneut in den ersten Monaten danach überprüft werden, schlussfolgert Bazo-Alvarez in einer Pressemitteilung der Universität. So könnten Veränderungen frühzeitig erkannt und geeignete Maßnahmen eingeleitet werden, um schwerwiegenderen Gesundheitsproblemen wie der Entwicklung eines Typ-2-Diabetes vorzubeugen.

Mehr von Avoxa