| Cornelia Dölger |
| 15.09.2026 10:15 Uhr |
Die KI als Gesundheitsberater und Gatekeeper – über die Folgen für das Gesundheitssystem diskutierten (v. l.) Anja Konhäuser, Markus Frühwein, Lutz Boden, Arwid Zang und Ina Lucas am Vorabend von DAT und Expopharm. / © PZ
»Von Dr. Google zu Dr. KI: Wie Künstliche Intelligenz das Patientenverhalten verändert und was das für Gesundheitswesen und Apotheken bedeutet«, lautete der Titel der Diskussionsrunde in den Ommax Headquarters in der Münchner Maxvorstadt. Entscheiderinnen und Entscheider sprachen vor vollem Haus über die Folgen für Ärzte, Apotheker, Pharmaunternehmen und Patienten. Diskussionspartner waren Ina Lucas, Apothekerin und ABDA-Vizepräsidentin, Lutz Boden, Managing Director OTC-Markt bei Pharma Deutschland, der KI-Sicherheitsexperte und CEO Arwid Zang von Greenhats, der Münchner Arzt Markus Frühwein sowie Anja Konhäuser, Gründerin und Geschäftsführerin der Strategie- und KI-Unternehmensberatung Ommax.
Konhäuser moderierte die Runde und machte zu Beginn deutlich, wie stark KI bereits in den Gesundheitsalltag vorgedrungen ist. Mit der Entwicklung wachse gleichzeitig die Verantwortung der Anbieter.
Für Unternehmen im Gesundheitswesen eröffne KI neue Möglichkeiten, sagte Konhäuser. Patienten, Kunden und Unternehmen wollten in großen Sprachmodellen sichtbar sein. Themen wie Personalisierung, Customer-Relationship-Management, Nutzerintelligenz und die Verknüpfung von Prozessen entlang der Wertschöpfungskette würden künftig an Bedeutung gewinnen. Die Frage sei nicht mehr, ob KI eine Rolle spiele, sondern wie sie eingesetzt werde.
Dass sich das Patientenverhalten bereits deutlich verändert hat, berichtete Apothekerin Lucas aus ihrem Alltag. Patienten fragten gezielt nach Arzneimitteln oder Therapieoptionen, die ihnen von ihrem »digitalen Freund« vorgeschlagen worden seien. Das stelle Apothekenteams vor neue Herausforderungen. Aufgabe der Apotheker sei es, die Informationen einzuordnen. »Die Menschen lassen sich von KI begleiten«, sagte Lucas. Dadurch verändere sich die Kommunikation in der Gesundheitsversorgung grundlegend.
Arwid Zang nahm die Sicherheitsperspektive ein. Die Geschwindigkeit, mit der sich Angriffe und Sicherheitsrisiken heute entwickeln, habe durch KI dramatisch zugenommen. Allein die Priorisierung der täglich neu gemeldeten Sicherheitslücken sei inzwischen eine enorme Herausforderung.
Lutz Boden betonte die Chancen für die pharmazeutische Industrie. KI ermögliche es Unternehmen, Gesundheitsinformationen zielgerichteter und mit größerer Reichweite bereitzustellen. Gleichzeitig müssten Informationen qualitativ hochwertig, verständlich aufbereitet und so strukturiert sein, dass sie von KI-Systemen korrekt verarbeitet werden können. Die digitale Patientenreise verändere sich fundamental.
Er unterstrich in diesem Zusammenhang die Rolle der Tech-Unternehmen. Sie würden – ohne ursprünglich mit Gesundheitsthemen befasst zu sein – zu bedeutenden Gatekeepern, denn immer häufiger beginne der Kontakt eines Patienten mit dem Gesundheitssystem nicht mehr bei Arzt oder Apotheke, sondern bei einem KI-gestützten Such- oder Beratungssystem. Die eigentliche Vorauswahl der Informationen erfolge damit bereits eine Stufe früher.
Positiv bewertete der Arzt Markus Frühwein die Entwicklung aus Sicht der Versorgung. Viele Patienten kämen heute bereits sehr gut informiert in die Praxis. Problematisch sei, dass nicht gerade wenige Ärzte Angst vor dem »überinformierten Patienten« hätten. Diese Sorge sei »absurd«, so Frühwein. Entscheidend bleibe, die Informationen gemeinsam einzuordnen und in den individuellen Kontext des Patienten zu stellen.
Kurz vor Beginn des Deutschen Apothekertags (DAT) nutzte Lucas die Diskussion, um die künftige Rolle der Apotheken zu skizzieren. Apotheken seien »vernetzte Gesundheitsknotenpunkte«. Angesichts eines oft unübersichtlichen Gesundheitssystems brauche es niedrigschwellige Anlaufstellen, die Patienten durch die Versorgung leiten. Sie sollten keine »Praxis light« sein, sondern als Lotsen fungieren, die informieren, sortieren, kanalisieren und in die richtigen Versorgungspfade weiterleiten. Dazu gehöre auch eine stärkere Vernetzung mit anderen Akteuren.
Frühwein konnte dem viel abgewinnen – nicht einig waren er und Lucas sich bei der Frage eines Dispensierrechts für Praxen. Was Frühwein praktisch erschien, lehnte Lucas als potenzielles Risiko ab. Statt Zuständigkeitsdebatten zu führen, sollten die Akteure gemeinsam an intelligenten Versorgungspfaden arbeiten. Die Diskussion müsse stärker darauf ausgerichtet werden, welche Konzepte Patienten tatsächlich helfen. Neue Leistungen für Apotheken, die mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) möglich werden, böten hierfür Chancen.
Apotheken seien kein Ersatz für Arztpraxen, sondern eine niedrigschwellige Ergänzung, betonte die ABDA-Vize. Internationale Erfahrungen zeigten etwa, dass die Einbindung von Apotheken die Impfquoten erhöhen könne. Beim Impfen wie auch in anderen Bereichen sei ein stärkeres Miteinander zielführend.
Trotz aller Digitalisierung sei Vertrauen weiterhin der entscheidende Faktor, darin waren sich – fast – alle Diskussionsteilnehmer einig. Apotheker und Ärzte würden Informationen mit persönlicher Beratung und Vertrauen verknüpfen. Diese Rolle könne KI nicht vollständig übernehmen.
Beim Thema Vertrauen in die digitale Vernetzung zeigte sich Zang skeptisch bis alarmiert. Zwar könnten Apotheken und Arztpraxen selbst viel für die Sicherheit ihrer Systeme tun, insgesamt werde in Deutschland aber noch zu häufig nur auf Vorfälle reagiert, statt Risiken frühzeitig vorzubeugen. Entscheidend sei deshalb, das Bewusstsein für IT-Sicherheit zu stärken und Systeme konsequent aktuell zu halten.
Zugleich dürfe niemand davon ausgehen, dass vernetzte Systeme automatisch sicher seien. Jede zusätzliche Schnittstelle erhöhe potenziell die Angriffsfläche. Deshalb sollten Apotheken, Praxen und andere Akteure regelmäßig durchspielen, welche Folgen ein Angriff auf einen Dienstleister oder Partner haben könnte, etwa wenn Daten manipuliert oder unbrauchbar würden.
Und wie könnte angesichts der rasend schnellen Entwicklung die Zukunft aussehen? Im Fokus stand zum Abschluss das Jahr 2030 und die Erwartungen, die damit verknüpft werden. Frühwein hofft auf weniger Bürokratie und mehr Zeit für Prävention und Patientenbetreuung. Boden sieht die Aufgabe der Industrie darin, neben Arzneimitteln auch deren digitale Einbettung und die dazugehörigen Informationen zu beherrschen. Lucas plädierte dafür, die Chancen und Risiken neuer Technologien gleichermaßen zu betrachten und die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen. Nur wenn Digitalisierung, Vernetzung und Vertrauen zusammen gedacht würden, könne KI ihr Potenzial für eine bessere Gesundheitsversorgung entfalten.