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Gender und Forschung 
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Geächtet, geforscht, Geschichte geschrieben 

Die Medizin, wie wir sie heute kennen, gäbe es nicht ohne Erfindungen von Frauen und diversen Menschen. Zum Teil wurde die Tragweite und Bedeutung derer Innovationen herabgewürdigt, die jeweilige Erfindung gar nicht anerkannt, oder gestohlen und Männern zugeschrieben. Dies nennt man den »Matilda-Effekt«. 
AutorKontaktPaulina Kamm
Datum 28.05.2026  13:00 Uhr

Der »Matilda-Effekt« geht auf die Wissenschaftshistorikerin Margaret Rossiter zurück. Rossiter prägte demnach die wissenschaftliche Begriffsdefinition und benannte ihn nach der Aktivistin, Autorin, Herausgeberin und Dozentin Matilda Joslyn Gage. Gage hätte Medizin studiert, wäre ihr nicht aufgrund ihres Frauseins der Zugang zu universitärer Bildung verweigert worden. Stattdessen wurde Gage zur umstrittenen Suffragette und erlag später dem »Matilda-Effekt«: Gage wurde als Mitautorin eines Buches zur Geschichte des Frauenwahlrechts entfernt. 

Der Effekt beschreibt ein wiederkehrendes Muster: Wissenschaftliche Errungenschaften von Frauen werden ganz oder teilweise ihrem männlichen Umfeld zugeschrieben. Anders als individuelle Diskriminierungserfahrungen bezeichnet der »Matilda-Effekt« das strukturelle System wissenschaftlicher Exklusion und Unsichtbarmachung. 

Beispiele für den »Matilda-Effekt«

Zu den wohl bekanntesten Opfern gehört Rosalind Franklin. Franklin feilte laut der Nationalen Medizinbibliothek (NLM) an der Technik der DNA-Probenpräparation und der Qualität derer Röntgenbilder. Später sollten sich diese als die Basis für den Beweis der Doppelhelix-Struktur der DNA erweisen. Den Nobelpreis erhielten 1962 jedoch Francis Crick, James Watson sowie Maurice Wilkins. Letzterer ließ Watson die nötigen Daten aus Franklins unveröffentlichtem geistigen Eigentum – dem Foto 51 – unerlaubt zukommen. 

Watson und Crick würdigten sie gemäß der NLM nicht nur mit keinem Wort, Watson relativierte Franklins Beitrag später sogar und leugnete ihn in »Die Doppelhelix«. Kollege Wilkins soll darin über Franklin geschrieben haben, sie habe »keine Spur von Wärme«, und stellte wichtige Fragen der Genforschung: Wie würde Franklin aussehen, »wenn sie ihre Brille abnehmen und sich etwas netter machen würde«?

Alice Augusta Ball wurde 24 Jahre alt, starb 1916 und geriet laut der NLM nach ihrem Tod vorerst in Vergessenheit. Die afroamerikanische Ball erfand demnach die erste Behandlungsmethode gegen Lepra: Sie entschlüsselte den chemischen Code des Chaulmoogra-Öls. Gemäß dem University of Nebraska Medical Center (UNMC) modifizierte Ball die Fettsäuren chemisch, indem sie sie in Ethylester umwandelte – eine wasserlösliche Form.

Posthum stahl der Präsident der University of Hawaiʻi, Arthur Dean, Balls Forschungsergebnisse und benannte das Vorgehen nach sich selbst: Die »Dean-Methode«. Das Chaulmoogra-Projekt war laut dem UNMC sein erster und einziger Beitrag in der pharmazeutischen Chemie. Erst in den 1970er Jahren fanden Kathryn Takara und Stanley Ali, zwei Professoren der Universität von Hawaii, Beweise, auf wen die Innovation wirklich zurückzuführen ist. Der Prozess ist demnach heute als »Ball-Methode« bekannt.

Esther Miriam Lederberg wäre für die Entdeckung des Bakteriophagen Lambda λ im Jahr 1949 und ihre Arbeit am Fruchtbarkeitsfaktor, dem F-Plasmid, in die Geschichtsbücher eingegangen, wäre da nicht ihr eigener Ehemann gewesen. 1958 erhielt Exmann Joshua Lederberg den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entdeckung, dass Bakterien sich paaren und Gene austauschen können, anstatt sich lediglich zu replizieren. Esther lieferte hierfür gemäß der NLM den nötigen wissenschaftlichen Nachweis. Immerhin soll Joshua seine Frau in der Dankesrede erwähnt haben. 

Queere Forschung heute und damals

Queere Forschende und deren Ergebnisse bleiben bis heute schwer recherchierbar. Dafür gibt es viele Gründe, einer davon liegt wohl auf der Hand: Homosexualität war bis 1994 laut §175 Strafgesetzbuch in Deutschland verboten. »Erst 2004 wurde der letzte 175er Häftling nach zehnjähriger Freiheitsstrafe aus der Haft entlassen«, bestätigt die Deutsche Aidshilfe.

Ein weiterer Grund für die mangelnde historische Transparenz sei, dass die Geschlechter und/oder sexuelle Orientierung der Forschenden nicht immer Erwähnung fanden, geschweige denn dokumentiert wurden. Gelehrte sollen gezielt homosexuelle Inhalte in historischen Dokumenten umgedeutet oder verschleiert haben. Dies beschrieb beispielsweise der Historiker Rictor Norton in »The Suppression of Lesbian and Gay History«. 

Forschende des Max-Planck-Instituts berichten, dass der Zugang zu Forschungs- und Führungspositionen für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Queer, Intersexuelle und Asexuelle (aus dem Englischen LGBTQIA+) Menschen bis heute erschwert ist. Gewährt man ihnen besagten Zugang, leiden die Forschenden demnach unter Diskriminierung und Belästigung im Arbeitsumfeld. Auch die Souveränität der Forschenden werde häufig in Frage gestellt, da sie der Befangenheit bezichtigt werden. 

Forschungsbeiträge aus der LGBTQIA-Community

Sara Josephine Baker lebte laut der Women in Medicine Legacy Foundation (WIMLF) ein gänzlich authentisches Leben – monogam, lesbisch, androgyn. Im Jahr 1908 wurde Baker, wie in der NLM beschrieben steht, die erste Direktorin des New Yorker Büros für Kinderhygiene. Damit leistete sie Pionierarbeit, denn es war das erste Büro dieser Art im ganzen Land, so die NLM. Sie entwickelte demnach Programme zur Hebammenausbildung, zur Grundhygiene und Prävention.

Baker gründete städtisch finanzierte Säuglingsberatungsstellen und  die »Little Mothers Leagues«, um Mädchen ab 12 Jahren in der Säuglingspflege auszubilden. »Als Baker 1923 in den Ruhestand ging, wies New York City die niedrigste Säuglingssterblichkeitsrate aller amerikanischen Großstädte auf«, ist in der NLM dokumentiert. 

Alan L. Hart ging als Erfinder des Goldstandards des frühen Tuberkulose-Screenings via Thoraxradiografie in die Geschichte ein. Er war damit später weit verbreiteten, epidemiologischen Methoden zwanzig Jahre voraus. In der NLM ist beschrieben, dass er als einer der ersten Transmänner in den Vereinigten Staaten, der sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog, massiver Diskriminierung ausgesetzt war. 

Beispielsweise wurde Hart während seines Praktikums im San Francisco Hospital von einem ehemaligen Kommilitonen geoutet. In zahlreichen Zeitungsartikeln in der NLM ist dokumentiert, dass Hart aufgrund öffentlicher Anfeindungen und Schikanen häufig gezwungen war umzuziehen. 

Computerchips und Gliazellen

Lynn Conway wird von der University of Michigan heute als »Pionierin der Mikroelektronik-Chipentwicklung« bezeichnet. Ihre Innovationen in den 1970er-Jahren haben demnach die Chipentwicklung weltweit nachhaltig beeinflusst. Zahlreiche Hightech-Unternehmen – zum Beispiel im Bereich der Medizintechnik – und computergestützte Methoden haben ihren Ursprung in Conways damaligen Entwicklungen.

Kurz vor ihrer geplanten Geschlechtsumwandlung 1968 wurde Conway laut der University of Michigan vom CEO der International Business Machines Corporation (IBM), TJ Watson Junior, persönlich aufgrund ihrer Transsexualität entlassen. Nach ihrer Transition arbeite Conway im Verborgenen als Programmiererin. Erst 1999 stießen Computerhistorikerinnen und -historiker auf Conways frühe Arbeiten bei IBM.

Ben Barres war Professor für Neurobiologie an der Stanford University. Barres studierte und forschte laut der NLM an zahlreichen, renommierten Universitäten zur Bedeutung von Gliazellen im Gehirn: Massachusetts Institute of Technology (MIT), Medizinstudium am Dartmouth College, Facharztausbildung in der Neurologie an der Cornell University, Promotionsstudium an der Harvard University und als Postdoktorand University College London (UCL).

Durch seine späte Transition erfuhr Barres im Laufe seines Lebens die Ungleichbehandlung von Frau und Mann am eigenen Leibe. Er kombinierte daraufhin persönliche mit wissenschaftlicher Evidenz, um geschlechterbezogenen Vorurteilen zu begegnen. »Er kämpfte auch für die Gleichstellung von LGBT-Personen und Minderheiten und widmete sich in den letzten Jahren verstärkt der sexuellen Belästigung, die er insbesondere für Nachwuchswissenschaftlerinnen als Problem identifizierte«, steht in der NLM.

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