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STIKO
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Evidenz statt Eminenz

Die Ständige Impfkommission (STIKO) ist bei ihren Empfehlungen streng der besten verfügbaren Evidenz verpflichtet. In der Coronapandemie wurde sie dafür teilweise massiv angefeindet. Beim Pharmacon in Meran warf der STIKO-Vorsitzende einen kritischen Blick zurück.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 08.06.2023  18:00 Uhr

Noch vor vier Jahren kannten den Namen Thomas Mertens außerhalb der medizinischen Fachkreise wohl nur wenige Menschen. Doch dann kamen SARS-CoV-2, die Pandemie und schließlich die Impfstoffe gegen das Coronavirus. Schlagartig fanden sich damit die Mitglieder der STIKO, insbesondere ihr Vorsitzender Mertens, im Zentrum des öffentlichen Interesses wieder. Und Mertens, der als Professor für Virologie wissenschaftliches Arbeiten gewohnt ist, dies aber zuvor nicht gegenüber Außenstehenden rechtfertigen musste, sah sich mit dem Aktionismus von Politikern konfrontiert, denen die STIKO »zu zögerlich« agierte.

»Es war wenig hilfreich, dass die Politiker ständig ungefragt dazwischen gequatscht haben«, lautete denn auch das Fazit, das Mertens in Meran aus der Pandemie zog. »Das Narrativ, dass wir zu langsam waren, ist einfach falsch.« Die STIKO erarbeite ihre Impfempfehlungen gemäß einer Methodik, die sie über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren entwickelt habe. Diese ist auf der Website des Robert-Koch-Instituts für jeden einsehbar. Während früher die Empfehlungen weitgehend auf Expertenmeinungen basierten, bilden nun die Prinzipien der Evidenzbasierten Medizin (EbM) die Grundlage. Evidenz statt Eminenz, könne man sagen.

Unterschied zu »gefühltem Wissen« kann groß sein

»Viele Menschen haben allerdings nach wie vor ein gespanntes Verhältnis zur EbM. Denn die Evidenz kann sich vom ›gefühlten Wissen‹ deutlich unterscheiden«, sagte Mertens. Ein anderer Teil des Problems sei, dass es häufig an Evidenz fehle. In der Pandemie war dies dem sich rasch ändernden Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis zu dem Erreger SARS-CoV-2 selbst, aber auch zur Wirksamkeit und Sicherheit der Covid-19-Impfstoffe geschuldet.

Doch auch unabhängig davon sieht Mertens hierzulande großen Nachholbedarf in Sachen Datenauswertung, also Evidenzgewinnung: »Die Verfügbarkeit wichtiger medizinischer Daten ist in Deutschland auf dem Niveau eines Entwicklungslandes«, so seine Einschätzung. Es sei beispielsweise absolut unverständlich, dass die Fragen, wie viele Personen in welcher Altersgruppe mit welchen Impfstoffen geimpft wurden und bei wie vielen davon welche Nebenwirkungen auftraten, während der Impfkampagne nicht zu jedem Zeitpunkt sofort zu beantworten gewesen seien. Diesbezüglich müsse in Deutschland dringend nachgebessert werden, um auf eine zukünftige Pandemie – von deren Kommen Mertens überzeugt ist – besser vorbereitet zu sein.

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