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Therapieresistente Depression

Esketamin nasal auch ambulant einsetzbar

Das Behandlungsziel bei Menschen mit Depression ist klar: Remission. Doch etwa ein Drittel gilt als therapieresistent. Für erwachsene Patienten steht Esketamin Nasenspray in Kürze auch für die ambulante Behandlung zur Verfügung.
Brigitte M. Gensthaler
15.03.2023  18:00 Uhr

Etwa ein Drittel der Patienten mit mittelgradiger bis schwerer Depression (MDD, Major Depressive Disorder) spricht nicht auf eine antidepressive Medikation an. Gemäß der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) »Unipolare Depression« liegt eine therapieresistente Depression (TRD) vor, wenn Patienten auf mindestens zwei Antidepressiva in adäquater Dosierung und Therapiedauer nicht ansprechen. »Patienten mit TRD haben einen hohen Leidensdruck. Unser Ziel ist immer, die Remission zu erreichen und zu erhalten«, berichtete Randi Susanne Göldner, Leitende Oberärztin am Department für seelische Gesundheit, Vivantes Klinikum in Berlin, bei einer Pressekonferenz der Firma Janssen. Als Remission gilt die vollständige Wiederherstellung des ursprünglichen Funktionszustands oder ein weitgehend symptomfreier Zustand nach der Akuttherapie.

Bei einer TRD empfiehlt die NVL ein strukturiertes Vorgehen, das neben der Ursachensuche auch einen Wechsel des Antidepressivums, eine Dosisänderung oder Kombination oder die Augmentation mit Lithium oder einem Antipsychotikum wie Quetiapin beinhaltet. »Je mehr Versuche erfolglos waren, umso schwerer ist es, die Remission zu erreichen und zu halten«, erklärte die Psychiaterin. Zudem steige das Risiko für Folgeepisoden.

Zu den Reservemedikamenten bei TRD gehört Esketamin, ein Antagonist des N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Glutamatrezeptors. Das Nasenspray (Spravato®) darf bislang nur im (teil-)stationären Bereich eingesetzt werden. Ab Mitte März wird es auch für die ambulante Therapie verfügbar sein. Das Spray wird immer kombiniert mit einem selektiven Serotonin- oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI, SNRI).

Gute Remissionsraten unter Esketamin

Professor Dr. Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie des Universitätsklinikums Frankfurt, stellte aktuelle Daten aus der Phase-IIIb-Studie ESCAPE-TRD vor, in der 622 Patienten entweder Esketamin-Nasenspray oder Quetiapin retard zusätzlich zu SSRI oder SNRI bekamen. Primärer Endpunkt war die Remission in Woche 8. Diesen erreichten 27,1 Prozent der Patienten unter Spravato im Vergleich zu 17,6 Prozent unter Quetiapin. Den sekundären Endpunkt, die Remission in Woche 8 und deren Erhalt (Rückfallfreiheit) bis Woche 32, erreichten 21,7 Prozent mit dem Nasenspray sowie 14,1 Prozent unter dem Antipsychotikum. Unter Quetiapin traten weniger Nebenwirkungen auf, hielten aber länger an und belasteten die Patienten mehr. »Esketamin ist ein wirklich neues Therapieprinzip bei schwerer Depression und ein Game-Changer für schwer kranke Patienten«, so der Psychiater.

Die Patienten müssten vor Therapiebeginn sehr gut über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt werden, betonte Göldner. Dies betreffe vor allem die Dissoziation, die in den ersten 30 bis 60 Minuten nach dem Einsprühen auftreten könne. Darunter versteht man ein »Auseinanderfallen« von psychischen Funktionen wie Wahrnehmung, Bewusstsein, Denken, Handeln und Fühlen. »Die Dissoziation klingt schnell ab und die meisten Patienten nehmen das in Kauf.« Sie könne nicht nur bei der ersten Behandlung, sondern auch später noch auftreten.

Der Patient appliziert das Nasenspray selbst unter Aufsicht von medizinischem Fachpersonal. Die Entscheidung zur Erstverordnung muss ein Psychiater treffen, danach kann es jeder Arzt verordnen. Das Apothekenteam dürfe das Präparat aber nicht direkt an den Patienten abgeben, sondern müsse es in die Arztpraxis oder Klinik bringen, erklärte eine Janssen-Sprecherin. Ab 15. März sollen neue Packungsgrößen mit drei, sechs und zwölf Nasensprays auf den Markt kommen.

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