Der Patient wendet das Esketamin-Nasenspray zwar selbst an, aber nur unter Aufsicht in einer Klinik oder Arztpraxis. Der Grund sind das Missbrauchspotenzial und das Nebenwirkungs-Management. / © Janssen
Mit professioneller Hilfe sind Depressionen in der Regel gut behandelbar. Zur Therapie kommen Psychotherapie und Medikamente infrage – je nach Schweregrad und Phase der Erkrankung einzeln oder in Kombination. Es gibt aber auch Patientinnen und Patienten, bei denen Medikamente und Therapie zunächst keine Besserung bringen. Für diese auch als therapieresistent bezeichneten Depressionen können alternative Behandlungsansätze eingesetzt werden. Eine Option: Das auch als illegale Partydroge bekannte Ketamin.
Vor fünf Jahren kam das Esketamin-haltige Nasenspray Spravato® in Deutschland auf den Markt. Anfangs durfte es nur stationär eingesetzt werden, seit 2023 auch ambulant – allerdings nicht zu Hause, sondern unter medizinischer Überwachung in einer Arztpraxis.
Ketamin wurde ursprünglich als Narkose- und Schmerzmittel entwickelt und wird dafür bis heute in der Medizin eingesetzt. Als Antidepressivum wird Esketamin laut Andreas Reif, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, in deutlich geringerer Dosierung eingesetzt als in der Notfallmedizin: etwa ein Drittel der dort üblichen Menge. In dieser niedrigen Dosis führt das Medikament nicht zu einer Narkose oder Anästhesie.
»Wir klären ganz klar darüber auf, dass das ein Medikament ist, das nicht ursprünglich für Depressionen entwickelt wurde, sondern aus der Narkosemedizin kommt«, sagt Matthias Knop, Oberarzt am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Patienten sollten über mögliche Gewöhnungseffekte, dissoziative Erfahrungen und das Missbrauchspotenzial informiert werden.
Während herkömmliche Antidepressiva laut Andreas Reif überwiegend auf Serotonin- oder Noradrenalin-Botenstoffe wirken, spricht Esketamin das Glutamat-System des Gehirns an. Indem KetaminNMDA-Rezeptoren blockiert, verändert es die Kommunikation zwischen Nervenzellen und setzt eine Reihe von Reaktionen in Gang, die die Verknüpfung und Plastizität von Nervenzellen verbessern können. Dadurch kann sich die Stimmung in vielen Fällen schneller bessern als bei herkömmlichen Antidepressiva, auch wenn die genauen neurobiologischen Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind.
Ein zentraler Unterschied von Esketamin zu klassischen Antidepressiva ist deshalb auch die Dauer bis zur einsetzenden Wirkung. »Bei Esketamin ist es häufig schon so, dass es nach nur einer Anwendung zu einer vorübergehenden Stimmungsaufhellung kommt«, sagt Andreas Reif, der auch Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist. Klassische Antidepressiva hingegen benötigen in der Regel drei bis vier Wochen, bis sich möglicherweise eine spürbare Wirkung zeigt.
Zu Beginn kann die Wirkung von Esketamin laut Reif jedoch nur kurz anhalten, sodass es mehrfach verabreicht wird – typischerweise zweimal pro Woche über vier Wochen, bevor das Intervall allmählich verlängert wird. Nach drei bis vier Wochen stabilisiere sich die Stimmung in der Regel überdauernder, so Reif.