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Zähneknirschen Bruxismus

Es knirscht gewaltig

Millionen von Menschen in Deutschland malmen unbewusst mit den Zähnen. Die Diagnose Bruxismus erfolgt oft erst, wenn Schäden am Gebiss sichtbar werden. Zur Therapie gehört neben Beratung und Aufklärung oft auch das Tragen einer Schiene. Ein gutes Stressmanagement kann vorbeugen.
Nicole Schuster
10.07.2019
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Am Ausdruck »die Zähne aufeinanderbeißen« ist einiges Wahres dran. Tatsächlich pressen viele Menschen bei Stress die Zähne aufeinander. Fast immer geschieht dieser sogenannte Bruxismus unbewusst.

Gemäß einem internationalen Expertenkonsens aus dem Jahr 2013 definiert die neue S3-Leitlinie »Diagnostik und Behandlung von Bruxismus« das Phänomen als »eine wiederholte Kaumuskelaktivität, charakterisiert durch Kieferpressen und Zähneknirschen und/oder Anspannen oder Verschieben des Unterkiefers ohne Zahnkontakt«.

Zähneknirschen am Tag oder in der Nacht

Zu unterscheiden sind zwei zirkadiane Erscheinungsformen. So kann die Bewegungsstörung sowohl in der Nacht auftreten (Schlafbruxismus, SB) als auch am Tag (Wachbruxismus, WB). Je nach Diagnosemethode stellen Ärzte SB bei 2,5 bis 56,5 Prozent der Kinder fest und bei etwa 13 Prozent der Erwachsenen. Von WB ist bis zu einem knappen Drittel der Erwachsenen betroffen, für Kinder nennt die Leitlinie keine Zahlen. Mit zunehmendem Alter nimmt Bruxismus eher ab.

Bruxismus kann verschiedene Ursachen haben, wobei die Zusammenhänge noch nicht ausreichend erforscht sind. Vermutlich spielen genetische und epigenetische Faktoren eine Rolle. Das Verhalten kann eigenständig (primär) oder als Folge von Erkrankungen, Medikamenteneinnahme oder Drogenkonsum vorkommen (sekundär). Häufig sind emotionaler Stress oder psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen mit Bruxismus assoziiert.

Sekundärer Bruxismus kann bei Schlafstörungen oder schlafbezogenen Atmungsstörungen auftreten, auch bei Koma, Schädelhirntrauma oder neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson. Bestimmte Medikamente, darunter Dopamin-haltige Präparate, Antidepressiva, Antikonvulsiva, Antipsychotika, Anti­histaminika oder kardioaktive Wirkstoffe, sind mögliche exogene Ursachen. Das gleiche gilt für Drogen. »Alle Drogen, und dazu zählen auch Alkohol, Tabak sowie Koffein-haltige Getränke, können Bruxismus auslösen«, sagt Dr. Bruno ­Imhoff, niedergelassener Zahnarzt in Köln und Spezialist der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGDFT), der PZ. Bei Alkohol und Koffein scheint eine Dosis­abhängigkeit zu bestehen: Je höher der Konsum, desto häufiger oder ausgeprägter tritt Bruxismus auf. Für Eltern ist es wichtig zu wissen, dass für Kinder auch Passivrauchen als Risikofaktor gilt.

Bruxismus führt dazu, dass Zähne verschleißen und der Zahnhalteapparat übermäßig beansprucht wird, was zur Zahnlockerung und schlimmstenfalls zum Verlust von Zähnen führen kann. Die wiederholte Überbelastung kann Kiefergelenk und Muskeln, vor allem die Kaumuskulatur, schädigen. Patienten weisen je nach Stärke des Bruxismus auch einen mitunter erheblichen nicht kariösen Zahnhartsubstanzverlust oder auch Verlust von Restaurationsmaterialien auf. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko für Symptome einer kraniomandibulären Dysfunktion. Dazu gehören Schmerzen in der Kaumuskulatur oder den Kiefergelenken, Muskelverspannungen sowie ausstrahlende Schmerzen in Kopf und Nacken.

Schläfenkopfschmerz Indiz für Bruxismus

Viele Patienten wissen nicht, dass sie mit den Zähnen knirschen oder pressen. »Ein gutes Indiz sind wiederkehrende Kopfschmerzen in der Schläfe beim Aufwachen. In diesem Bereich ist ein Kaumuskel befestigt, der beim Zähneknirschen Hochleistungen erbringen muss«, erklärt Imhoff. Schmerzen in den Kaumuskeln und Kiefergelenken, zeitweise Überempfindlichkeit vieler Zähne, Zahnbeweglichkeit ohne parodontale Probleme, Schwierigkeiten beim Mundöffnen am Morgen oder eine allgemein schlechte Schlafqualität können ebenfalls auf Bruxismus hinweisen. Möglicherweise klagen auch Familienmitglieder über ein nächtliches lautes Knirschgeräusch. Oft kommt aber auch erst bei einer zahnärztlichen Routineuntersuchung der Verdacht auf. Im klinischen Alltag beruht die Diagnose in der Regel auf einer ­Anamnese, dem Ausfüllen von standardisierten Fragebögen, einer Untersuchung der Zähne sowie einem Abtasten der Muskulatur. Die polysomnografische Untersuchung im Schlaflabor hat hingegen an Bedeutung verloren.

Ein primärer Bruxismus ist bislang ursächlich nicht heilbar. Ein wichtiger Pfeiler in der Behandlung sind Aufklärung, Beratung und Selbstbeobachtung. »Patienten sollen im Alltag immer wieder prüfen, ob sie gerade unbewusst die Kiefer zusammenpressen oder mit den Zähnen knirschen«, rät Imhoff.

Ein weiterer Bestandteil der Behandlung ist oft das Tragen von speziellen Aufbissschienen, die für entweder den Oberkiefer oder für den Unterkiefer eingesetzt werden können. Diese auch als Okklusionsschienen bezeichneten Hilfsmittel sind herausnehmbar und bedecken die Kauflächen der Zähne ganz oder teilweise. Sie unterbrechen dadurch die Zahn-zu-Zahn-Kontakte. Das schützt die Zähne vor Abrieb und entlastet das Kiefergelenk. Werden die Schienen in der Nacht getragen, dienen sie auch der Vorbeugung von morgendlichen Kiefergelenkschmerzen.

Nach einiger Zeit kann ein Auslassversuch gestartet werden, um zu testen, ob Patienten die Schienen noch brauchen. »Aber auch gegen ein dauerhaftes Tragen spricht nichts«, so Imhoff. »Die Voraussetzung ist allerdings, dass die Schienen fachgerecht angefertigt sind und bei Verschleiß ersetzt werden.« Von Schienen, die sich für wenig Geld im Internet erwerben lassen, sei abzuraten.

Entspannung und Biofeedback

Maßnahmen, die der Entspannung und dem Stressmanagement dienen wie Progressive Muskelentspannung, sowie Hinweise zur Schlafhygiene können zusätzlich helfen, den Bruxismus zu verringern. Eine weitere Option ist der Einsatz von tragbaren Biofeedback-Geräten mit Alarmfunktion. Dabei erhalten Patienten über einen am Kaumuskel befestigten Messsensor ein akustisches oder visuelles Feedback, sobald sie die Kiefermuskeln stark anspannen. Betroffene sollen dadurch lernen, ihre Kaumuskelspannung bewusst zu regulieren. Zu beachten ist, dass es zu Störungen des Nachtschlafs und dadurch bedingter Tagesmüdigkeit kommen kann. Der Nutzen einer kognitiven Verhaltenstherapie zur Behandlung von Bruxismus hingegen ist laut den Leitlinienautoren noch unklar.

Medikamente helfen nicht gegen das Zähneknirschen oder Kieferpressen. Off Label könnte die Injektion von Botulinumtoxin in die Kaumuskulatur bei Erwachsenen erwogen werden, insbesondere dann, wenn ein Zähnepressen vorliegt. Vorgaben zum idealen Injektionsort oder zur Dosierung des Mittels konnten mangels publizierter Studien aber noch nicht in die Leitlinie aufgenommen werden.

Jenseits zahnärztlicher Betreuung profitieren Patienten mit Bruxismus und dadurch ausgelösten muskulären und/oder arthrogenen Beschwerden von einer physiotherapeutischen und physikalischen Therapie. Bestehen bereits ausgeprägte Defekte durch Verlust von Zahnhartsubstanz, können aus funktionellen oder auch ästhetischen Gründen im Einzelfall umfangreiche Zahnrestaurationen erforderlich sein. Um diese nicht wieder zu verlieren, sollten Patienten sie nachts durch das Tragen einer Schiene schützen.

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