Die meisten Hochschulen bieten Studierenden bei psychischen Belastungen kostenlose und vertrauliche Anlaufstellen. An der TU Braunschweig gibt es nun zusätzlich ein besonderes Angebot. / © Getty Images/Maskot
Das Pharmaziestudium ist sehr anspruchsvoll, zeitaufwendig und oft eng durchgetaktet. Darunter kann die Psyche leiden, wie etwa eine Befragung des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland aus dem Jahr 2020 zeigt. An der Umfrage zu »Mental Health im Studium« nahmen 3869 Studierende und 190 Pharmazeutinnen und Pharmazeuten im Praktikum teil. 94 Prozent der Befragten empfanden das Studium als stressig. Ein Achtel gab an, unter einer studienbedingten psychischen Erkrankung zu leiden.
Die Technische Universität Braunschweig nimmt die Belastung durch das Pharmaziestudium ernst und hat im Fachbereich 15 Promovierende, wissenschaftliche und technische Mitarbeitende, die die Studierenden in den Praktika betreuen, in »Mental Health First Aid (MHFA)« ausgebildet – also zu Ersthelfern bei psychischen Belastungen und akuten Krisen. Das entsprechende Schulungsprogramm ist evidenzbasiert und wird vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim durchgeführt und wissenschaftlich begleitet.
Die Teilnehmenden lernen in dem Kurs, psychische Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, Psychosen oder Sucht zu erkennen und Ursachen sowie Risikofaktoren zu verstehen. Sie üben, Menschen in Krisensituationen professionell, mitfühlend und unterstützend zu begegnen, beispielsweise, indem sie unterstützende Gespräche mit ihnen führen und eine beruhigende Atmosphäre schaffen. Die Ersthelfenden lernen außerdem, wann professionelle Hilfe ratsam ist und wie sie die Person dabei unterstützen können, Hilfsangebote wahrzunehmen.
Dabei bleibt es nicht bei Theorie und Frontalunterricht. Praxisnahe Rollenspiele helfen dabei, das Gelernte anzuwenden und zu vertiefen. Doktorandin Nelly Luong, die sich zur MHFA-Ersthelfenden ausbilden ließ, berichtete kürzlich in einem Artikel im Online-Magazin der TU Braunschweig von ihrer Erfahrung: »Der Kurs hat mir viel Sicherheit gegeben, Menschen in mental angespannten Situationen unterstützen zu können. Durch interaktive Fallbeispiele konnten anspruchsvolle Gesprächssituationen geübt und gemeinsam besprochen werden, was die Nervosität vor solchen Situationen nimmt.«
MHFA-Ersthelfer und Kursorganisator Dr. Julian Hegemann, Professor für Pharmazeutische Biologie an der TU Braunschweig, positioniert sich im Magazin-Artikel deutlich: »Als Lehrkräfte tragen wir eine hohe Verantwortung gegenüber unserer Studierenden.« Dazu gehöre eine hochwertige Lehre und ein sensibler Umgang mit den sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten der sehr diversen Studierendenschaft.
»Das bedeutet auch, dass wir Probleme aufgrund der hohen Anforderungen des Pharmaziestudiums klar benennen und ihnen entschieden entgegentreten müssen. Ich weiß nur zu gut, wie wichtig es ist, den Diskurs über mentale Gesundheit zu normalisieren, da ich bereits selbst professionelle Unterstützung bei psychischen Problemen in Anspruch nehmen musste«, so Hegemann.
Rückblickend könne er klar sagen, dass er damals aus Scham und Angst viel zu lange damit gewartet habe. »Wir alle müssen solche Themen daher gemeinsam mehr in das gesellschaftliche Bewusstsein bringen und Mitmenschen, die diesen mutigen und wichtigen Schritt gehen, mit Verständnis und Unterstützung begegnen.«
Als Nächstes ist eine Vernetzung mit erfahrenen MHFA-Ersthelfenden aus anderen Bereichen geplant. Außerdem soll eine Informationsseite eingerichtet werden, damit Studierende die MHFA-Ersthelfenden einfacher finden und kontaktieren können.